Wie ein kanadischer Youtuber mit einem Tweet Fans und Sportberichterstattung narrte

Kobe Bryant ist eine Basketball-Legende. Wer an dieser Aussage auch am Karriereende des Lakers-Stars noch zweifelte, wurde am 13. April 2016 eindrucksvoll eines besseren belehrt. Im NBA-Spiel gegen die Utah Jazz erzielte der 38-Jährige 60 Punkte, besiegte den Gegner so fast im Alleingang und wurde fast nebenbei zum ältesten Spieler, der in einer Partie die Marke von 60 Punkten zu Fall brachte. Es war ein würdiges Ende einer beeindruckenden Karriere, deren Bilanz sich sich wie wie der Traum eines jeden Basketballers ließt: Bryant verließ das Staples Center in Los Angeles an diesem Abend als 18-facher Allstar, 15-faches All-NBA Team Mitglied, zweifacher Scoring-Champion, fünffacher Meister und MVP. Es gab kaum einen Titel, den Kobe in seiner 20-jährigen Laufbahn nicht gewinnen konnte.

Am jenen 13. April zeigte der Shooting Guard wieder und gleichzeitig zum letzten Mal Auszüge seines spektakulären Spielstils, mit dem er die NBA über Jahre hinweg geprägt hatte. Bryant schreckte während seiner Karriere nur selten davor zurück, einen schwierigen Wurf zu versuchen und nahm es zur Not auch einmal mit dem kompletten anderen Team auf, anstatt den Ball zu einem Mitspieler zu geben. Eigenschaften, die schon immer in der Kobe-DNA lagen und durch die Zeit verstärkt wurden, in der er der einzig gute Spieler in miserablen Lakers-Teams war. Kobe und seinen historisch guten Zahlen verdankten die Los Angeles Lakers den ein oder anderen Einzug in die Playoffs. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Kobes Trikot als zurückgezogene Nummer unterm Hallendach hängt – die größte persönliche Ehrung, die eine Franchise einem Spieler zukommen lassen kann. Auch im letzten Spiel seiner Karriere degradierte Kobe seine Mitspieler wieder einmal zu Statisten, deren Aufgabe darin bestand, Kobe den Ball in die Hand zu geben – und dann so schnell wie möglich aus dem Weg zu gehen.

Ein Spiel, wie gemacht für Kobe

Kein Spiel passte also besser zur „Black Mamba“ als das jährliche Allstar-Spiel, in dem die besten Akteure aus Ost und West gegeneinander antreten. In diesem geht es mal nicht um Punkte, Wurfquoten oder Spielzüge – es geht einzig und allein um die Show. Und wenn es einer verstand, die Zuschauer durch seinen Spielstil zu unterhalten, dann war es Kobe Bryant. Kein Wunder also, dass Kobe trotz einer durchschnittlichen Saison im letzten Jahr noch einmal ins Allstar-Spiel gewählt wurde. Obwohl seit diesem Jahr auch Medienvertreter und die Spieler selber mitbestimmen können, wer im Februar in New Orleans auf dem Parkett stehen soll, haben die Fans doch noch immer einen großen Anteil an der Nominierung der Allstars.

Über Webseite und App der NBA sowie auf Facebook und Twitter können sie für ihre Favoriten abstimmen. Auf den Sozialen Netzwerken reicht ein Beitrag mit Vor- und Nachnamen des Spielers unter dem Hashtag „#NBAVOTE“ aus, um seine Stimme abzugeben. Was darauf folgte, könnte ohne weiteres im VHS-Kurs „Wie Social Media funktioniert“ als Beispiel dienen. Die Fans begannen nämlich, ihre eingeschränkte Macht zu nutzen und wählten den basketballerisch durchschnittlichen, dafür aber umso beliebteren georgischen Center Zaza Pachulia ins Allstar-Spiel. Auch das Beispiel, um das es in diesem Artikel gehen soll, ist nicht weniger absurd. Aber alles der Reihe nach.

Kehrt Bryant wirklich zurück?

Am 2. Januar machte ein Post auf Twitter die Runde, der eine kleine Sensation anzudeuten schien. Der kanadische Youtuber Troydan veröffentlichte einen Screenshot seiner angeblichen Konversation mit eben jenem Kobe Bryant. In diesem deutete der ehemalige Basketball-Star an, für das Allstar-Spiel zurückkehren zu wollen, sollte es Troy gelingen, genug Stimmen für ihn zu sammeln. Das Bild postete der Youtuber mit einem Bild Bryants und der in Großbuchstaben verfassten Aufforderung, für seinen Lieblingsspieler abzustimmen. Innerhalb von vier Stunden wurde der Beitrag rund 1400 mal geteilt und brachte einige Fans tatsächlich dazu, auf Twitter und Facebook für Kobe abzustimmen.

Sogar Sport-Nachrichtenseiten griffen das Thema auf. Während sich die philippinische Seite „Spin.ph“ immerhin noch die Mühe machte, die Hintergründe ihrer Quelle zu recherchieren und sie als bekannten Youtuber vorzustellen, bezeichnete „clutchpoints.com“ den 29-Jährigen lediglich als „jungen Fan“. Letztere versuchten wenigstens noch, ihre Glaubwürdigkeit zu retten, indem sie die Möglichkeit einer Fälschung zumindest nicht ausschlossen. Nach eigenen Angaben erreichten Troydan in Folge seines Tweets sogar Mails von Firmen, die an einer Zusammenarbeit mit dem ehemaligen NBA-Star interessiert waren und den Youtuber nach Möglichkeiten fragten, mit Kobe in Kontakt zu treten. Spätestens jetzt war der Tweet „viral gegangen“ und hatte somit offiziell die höchste Auszeichnung der Social Media Welt erreicht.

Konversation ist komplett erfunden

Einziges Problem an Troydans angeblich sensationeller Geschichte: Sie ist komplett erfunden; die Konversation zwischen ihm und Kobe hat es nie gegeben. Wie der Youtuber in einem Video verriet, sei es erstaunlich einfach gewesen, die angeblichen Privatnachrichten zu erstellen. Er habe lediglich nach „Fake Twitter direct message“ gesucht, auf den ersten Link geklickt und seinen „Chatverlauf“ mit Kobe erstellt. Gleich mehrere Indizien deuteten darauf hin, dass diese Konversation so nie stattgefunden haben konnte. Zum einen sind alle Nachrichten mit „now“ überschreiben. Selbst wenn Kobe – so unwahrscheinlich dieser Fall auch ist – jedes Mal sofort geantwortet hätte, könnte lediglich die neuste Nachricht gerade angekommen und dementsprechend mit „now“ betitelt sein. Der Screenshot zeigt also ein Szenario, dass so überhaupt gar nicht eintreten kann. Zum anderen sind Kobes private Nachrichten nicht für alle offen. Bryant muss einem Nutzer folgen, um DMs von ihm erhalten zu können. Troydan hätte also gar nicht die Möglichkeit gehabt, sein Idol anzuschreiben. Obwohl diese Ungereimtheiten einigen Nutzern schon vor Troydans Video aufgefallen waren, schadete dies der Verbreitung des Tweets kaum.

Das falsche Meldungen in Sozialen Netzwerken verbreitet werden, ist sicher keine bahnbrechende Erkenntnis. Spätestens seit der US-Wahl scheint das Thema „Fake News“ medial dauerpräsent zu sein. Das eigentlich recht harmlose Beispiel von Kobe Bryants angeblicher Rückkehr zeigt, wie unklar der Begriff eigentlich ist. Hier vermischen sich Falschmeldungen, Trolle, Social Bots, Propaganda, normale Artikel und sogar Satire zu einer Masse, bis niemand mehr in der Lage ist, irgendwie durchzublicken. Hinter Falschmeldungen muss nicht immer die böse Absicht stecken, Menschen zu beeinflussen. Manchmal reichen ein vermutlich als Scherz gedachter Tweet und zwei zu wenig recherchierende Autoren aus, um mit einer Flachmeldung ein potentielles Millionenpublikum zu erreichen. Laut Similarweb verzeichnen „Spin.ph“ und „Clutchpoints.com“ – die beiden Seiten, die die Meldung vor allem verbreiteten – monatlich 1,6 beziehungsweise 1,9 Millionen Aufrufe. Und die angesprochenen Artikel sind bis heute unverändert auf den jeweiligen Seiten zu finden. Das Beispiel von Bryants angeblicher Rückkehr zeigt, wie schnell sich in Zeiten von Social Media Falschmeldungen verbreiten können – selbst wenn hinter ihnen nur ein einziger Tweet steckt.