Vom Nebenprodukt zur Millionen-App – Die Geschichte von Wunderlist

„Who`s with me creating the next innovative web app?“

Mit diesem Aufruf, veröffentlicht auf der Karriereplattform Xing, beginnt die Geschichte eines der vielleicht bekanntesten deutschen Startups der letzten Jahre. Verfasser Christian Reber, zu diesem Zeitpunkt Chef einer Webagentur und so täglich mit den Problemen konfrontiert, die sich bei der Organisation von Aufgaben im Team ergeben, hat eine Vision im Kopf. Er will ein Tool entwickeln, das großen Teams dabei hilft, ihre ToDos zu koordinieren. Es soll überall verfügbar, schön anzusehen und einfach zu nutzen sein. Reber, der schon früh mit dem Programmieren begonnen hat, schwebt nicht weniger als eine Art „Facebook für die Arbeit“ vor – eine Plattform für fast alle erdenklichen Zwecke, die jeder wie selbstverständlich nutzt. Auch einen Namen hat Reber schon: Das Tool soll „Wunderkit“ heißen.

Trotz des großen Potentials, das ein solchen Programm mitbringt, findet sein Xing-Aufruf nur wenig Beachtung. Lediglich ein Nutzer meldet sich – es ist Investor Frank Thelen, der in der Folge maßgeblich dran beteiligt ist, die ersten Investorengelder nach Berlin zu holen, wo Reber den Aufbau seines Unternehmens plant. „Einige Monate, nachdem wir lp.labs verkauft hatten trafen Marc und ich Christian bei einem Meetup in Berlin (…). Wir verknüpften uns auf Xing (…) und einige Wochen später sah ich seine Nachricht: ‚Wer will sich mir anschließen, um eine Produktmanagement-Software der nächsten Generation zu bauen?‘ Ich war sehr neugierig“, erinnert sich Thelen später in einem Blogbeitrag an den Moment, der über ein paar Umwege zur Geburtsstunde von Wunderlist werden sollte.

Nach langen Finanzierungsgesprächen erklärt sich der High-Tech Gründerfonds schließlich bereit, eine halbe Millionen Euro in Rebers Projekt zu investieren – obwohl zu diesem Zeitpunkt noch keine Zeile Code geschrieben ist. Das Wunderkit existiert ausschließlich als „Slideware“ auf PowerPoint-Folien. Doch es reicht aus, um die Investoren zu überzeugen. Mit einer handvoll Mitarbeiter beginnt Reber Anfang 2010, die skizzierte Vision in die Realität umzusetzen.

Ein Nebenprodukt entsteht

Dass eine solche Herkulesaufgabe ihre Zeit in Anspruch nehmen wird, merken die 6Wunderkinder – wie sich das Startups in Anlehnung an sein Produkt nennt – schnell. Mindestens ein Jahr Entwicklungszeit würde vergehen, ehe eine erste Version des Tools erscheinen könne. Ein so langer Zeitraum, in der ein Startup nichts von sich hören lässt, tut dem Businessplan eines jungen Unternehmens nie besonders gut. Dies gilt vor allem für die Wunderkinder, die in der Anfangszeit kein Geld für Werbung ausgeben und ganz auf die virale Verbreitung ihres Produkts setzen. Also beschließen die Macher, einen Teil der bereits für das Wunderkit entwickelten Funktionen auszukoppeln und in einer eigenen App zu veröffentlichen – der Wunderlist. Als kostenloser Appetithappen soll das Programm die auf den Hauptgang wartenden Gäste der 6Wunderkinder bei Laune halten.

Im Herbst 2016 erscheint Wunderlist für den Desktop – und wird mit einer seltsamen Mischung aus Begeisterung und Ernüchterung aufgenommen. „Als uns im November eine Mail des Berliner Startups 6Wunderkinder in Bezug auf dessen gerade gestarteten Taskmanager erreichte, konnte ich ein innerliches Kopfschütteln nicht vermeiden“, schrieb der Blog „netzwertig“ im Februar 2011, „Nahezu im Wochentakt (bewusst überspitzt) schienen wir im vergangenen Jahr Hinweise auf Tools zu erhalten, die sich auf die ein oder andere Weise dem Thema Aufgabenverwaltung und To-Do-Listen widmeten.“

Wenig Anlass für Begeisterungsstürme

Die ersten Versionen der Desktop-App geben tatsächlich wenig Anlass, in Begeisterungsstürme zu verfallen. Mit dem Produkt, das wir heute als Wunderlist kennen, haben diese nämlich nicht viel gemein. Das Design wirkt grau und langweilig; wichtige Funktionen fehlen. Auch die kurz vor Weihnachten 2010 erscheinende App macht es Anfangs nicht viel besser: Häufige Abstürze und Darstellungsfehler bringen ihr den Ruf ein, schlampig programmiert worden zu sein. Knapp zwei Jahre später verrät Reber in einem Gespräch mit „Spiegel Online“, dass rund 90% des Programmcodes bei Portierungen auf anderen Plattformen übernommen worden sei. Diese Vorgehensweise erlaubt es den Wunderkindern zwar, ihre App innerhalb weniger Monate auf allen erdenklichen Systemen verfügbar zu machen, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass Fehler in allen Versionen zu finden sind. Eine versprochene Syncronisation zwischen allen Plattformen – damals keine Selbstverständlichkeit – funktioniert zudem nur mit Glück: Aufgaben verschwinden oder tauchen plötzlich doppelt auf und treiben den Nutzer so an den Rand des Wahnsinns. Das Wunderlist der Anfangstage ist nicht viel mehr als eine Useability-Katastrophe.

Dass die App trotz all dieser Probleme eine Begeisterung auslöst, liegt vor allem an ihrem Erfolg, der sich nicht nur in den Nutzerzahlen, sondern auch in den Investorengeldern widerspiegelt. Nach Release der iPhone-App kann Wunderlist innerhalb kürzester Zeit viele neue Nutzer gewinnen. Im Dezember 2010 nutzen 40.000 Menschen den Dienst, im Februar 2011 sind es fast 300.000, Ende des gleichen Jahres bereits 1,5 Millionen. Viele von ihnen kommen aus den USA, was angesichts des Standorts der 6Wunderkinder in der Hauptstadt besonders bemerkenswert ist.

Anders als als die vielen jungen Unternehmen vor Ort kann Reber mit seinem Team nicht auf die Strukturen des gut vernetzten Silicon Valley zurückgreifen. Das Startup macht das beste aus seinen Möglichkeiten – in einem Land, das damals wie heute digital einigen Nachholbedarf hat. Als Journalist Jan Tißler das Team der 6Wunderkinder 2011 porträtiert, sitzen alle 25 Mitarbeiter vor Ort. In einer Startup-Welt, die von Home Offices und quer über den Globus verteilten Teams dominiert wird, ist diese Vorgehensweise schon damals außergewöhnlich.

Die ersten Millionen-Investitionen

Während sich die Nutzer also den noch immer kostenlosen Appetithappen schmecken lassen, verkauft das Startup seinen Investoren weiter das Versprechen vom Wunderkit, das in Berlin noch wie vor ganz oben auf der Prioritätenliste steht. Schließlich ist es das Produkt, mit dem die Wunderkinder in Zukunft ihr Geld verdienen möchten. Im November 2011 – der monetäre Hoffungsträger befindet sich da gerade in einer geschlossenen Beta – gelingt es Reber, einen weiteren Investor zu gewinnen. Eine Londoner Investorengruppe rund um Skype-Gründer Niklas Zennström unterstützt das Projekt zusätzlich zum High-Tech Gründerfonds, der ebenfalls weiter in die Firma investiert. Rund 4,2 Millionen US-Dollar kommen zusammen. „Mit dieser Finanzierungsrunde wird es möglich sein, unser Produkt zu erweitern, unsere Marktposition im Produktivitätssektor zu verbessern und Millionen neue Nutzer zu erreichen“, gibt sich Reber in einem Gespräch mit der „Gründerszene“ optimistisch.

Gleichzeitig erreicht die Begeisterung um das junge Unternehmen seinen Höhepunkt: Viele Kinderkrankheiten der Wunderlist sind besiegt, das Potential des in den Startlöchern stehenden Wunderkits scheint riesig. In einigen Medien ist bereits von einer zukünftigen Milliardenbewertung die Rede, die tatsächlich in greifbare Nähe zu rücken scheint. Im Januar 2012 kündigen die 6Wunderkinder in einer Roadmap an, Wunderkit im Februar des gleichen Jahres veröffentlichen zu wollen. Optimismus und Erwartungshaltung der Öffentlichkeit sind hoch wie nie. Wenn schon das eigentliche Nebenprodukt so viele Menschen erreicht, wie erfolgreich soll dann erst das eigentliche Projekt werden, an dem ein Team von mehr als 25 Leuten rund zwei Jahre lang gearbeitet hat?

Die Geschichte von Wunderlist im Zeistrahl

Wachsen und Scheitern

Dass es zu diesem Zeitpunkt hinter den Kulissen alles andere als rund läuft, ahnen außerhalb der Berliner Büros die wenigsten. Ähnlich wie im Falle der Wunderlist der Anfangstage haben die Entwickler auch bei ihrem Premium-Produkt mit schlechter Useability und Programmfehlern zu kämpfen. Während das frühere Nebenprodukt immer weiter wächst, sorgt die stockende Entwicklung des Wunderkits im Team zunehmend für Frust. Als der High-Tech Gründerfonds Mitte 2012 seine Anteile an einen anderen Investor verkauft, beginnt die grenzenlose Begeisterung rund um die Wunderkinder langsam zu schwinden. Erste Gerüchte, nach denen das Wunderkit ein schnelles Ende droht, machen in der Hauptstadt die Runde. Und obwohl die Software in seinen ersten Monaten 400.000 Nutzer zur Anmeldung bewegen kann, bleibt der Grad der Nutzung tatsächlich hinter den Erwartungen zurück.

Im September zeiht Reber die Reißleine: Das Wunderkit wird nach rund sechs Monaten eingestellt, der Traum vom „Facebook für die Arbeit“ ist geplatzt. In Zukunft will sich das Unternehmen ganz auf die Wunderlist konzentrieren, deren Nutzerschaft inzwischen bei rund drei Millionen Usern liegt. Plötzlich müssen die Wunderkinder beweisen, dass sie auf für die kleine Schwester einen funktionierenden Finanzierungsansatz auf die Beine stellen können. „Es bekam viel Aufmerksamkeit und wuchs sehr schnell. Aber es funktionierte nicht. Es war zu komplex. (…) Christian traf die unglaublich schwierige Entscheidung, das Team auf Wunderlist zu refokussieren. Ich habe großen Respekt vor der Art und Weise, wie er diesen dramatischen Strategieschwenk ausführte und seinem Team, Management und den Investoren kommunizierte“, schreibt Frank Thelen später über die vielleicht schwerste Zeit der jungen Firmengeschichte. Profit hat das Startup bis dahin noch nicht gemacht: Die Entwicklung der beiden Apps hat viel Geld gekostet, der finanzielle Hoffnungsträger enttäuscht.

Der Beginn einer Übergansgzeit

Nach dem Aus des Wunderkits implementiert der Entwickler die wichtigsten Funktionen der einstigen Vorzeige-App schließlich in Wunderlist, deren zweite Version das beste aus beiden Anwendugen miteinander kombinieren soll. Trotz des eingeführten Bezahlmodells Wunderlist Pro, das mit 4,49 Euro im Monat beziehungsweise 44,99 Euro im Jahr zu buche schlägt, ist die Richtung unklar, die die Wunderkinder nun einschlagen wollen. Richtet man sich weiter hauptsächlich an den Businesskunden? Oder besteht die Zielgruppe nun vor allem aus Privatanwendern, die höhere Ansprüche an ihre Todo-Liste stellen? Liegt der Fokus auf kleinen Teams? Oder auf dem Einzelkämpfer?

Der Anfang des Jahres 2013 markiert den Beginn einer Übergangszeit, die vor allem von einer Frage begleitet wird: Wie viel ist unsere App eigentlich noch wert? Die schon zuvor nicht zu verachtende Konkurrenz hatte das Wunderkit-Desaster genutzt, um zum Branchenprimus aufzuschließen. Nichtsdestotrotz wird weiter fleißig in die Wunderkinder investiert: Sequoia, eine bekannte Risiko-Investitionsgruppe aus dem Silicon Valley, steuert Ende 2013 weitere 19 Millionen US-Dollar zur Finanzierung bei. Damit hat 6Wunderkinder seit seiner Gründung drei Jahre zuvor insgesamt rund 30 Millionen US-Dollar von Investoren erhalten.

In einer Reihe mit Evernote und Dropbox?

Im Interview mit „t3n“ formuliert Reber seine Ziele derweilen nicht weniger optimistisch als zuvor. „Es gibt Unternehmen, die mit diesem Konzept der Softwareentwicklung, damit meine ich vor allem Evernote und Dropbox, zu Milliarden-Unternehmen geworden sind und Millionen von Umsatz jedes Jahr generieren. Und genau da wollen wir hin.“ Ein Massenprodukt mit bis zu 100 Millionen Nutzern sei nun das Ziel, dem man mit der Entwicklung von Wunderlist 3 näherkommen wolle. Trotzdem bleiben Unternehmen, die nach Angaben der Wunderkinder rund 40% aller zahlenden Kunden ausmachen, zumindest offiziell die Hauptzielgruppe des Startups. Wie viele Kunden zu diesem Zeitpunkt überhaupt bezahlen, verrät das Unternehmen aber selbst auf Nachfrage nicht. Glaubt man den Meinungen einiger Experten, ist Wunderlist auch 2014 noch weit davon entfernt, profitabel zu wirtschaften.

Rund eineinhalb Jahre lang ist es vergleichsweise ruhig um Deutschlands Vorzeige Startup. Die App wird zwar konsequent weiterentwickelt, sorgt aber für deutlich weniger Schlagzeilen als in den Wochen zuvor. Obwohl die Nutzerzahl bis Mitte 2015 auf beachtliche 13 Millionen steigt und die 6Wunderkinder auf 60 Millionen US-Dollar geschätzt werden, ist Wunderlist nur noch selten Thema auf den einschlägigen Tech-Blogs. Auch der Rest der Presse, der das Unternehmen zuvor gerne als Paradebeispiel für erfolgreiches Gründen eines Startups anführte, scheint zunehmend das Interesse an den Wunderkindern zu verlieren.

Der Exit

Dies sollte sich bald ändern. Im Mai 2015 kommen erste Gerüchte auf, Microsoft wolle die Macher hinter der App im Zuge seiner Verjüngungskur übernehmen. Und tatsächlich wird der Verkauf Anfang Juni von beiden Seiten offiziell bestätigt. Als Kaufpreis steht eine Summe zwischen 100 und 200 Millionen US-Dollar im Raum – viel Geld für ein deutsches Startup mit 13 Millionen Nutzern. Letztere sind es wohl auch, die für den Konzern aus Redmond den Ausschlag zum Kauf geben. 13 Millionen Nutzer sind sicher keine schelchte Basis, um der schwächelnden Mobile-Sparte rund um Microsofts Office-Apps wieder auf die Beine zu helfen. 2015 wird immer deutlicher, dass Windows Phone im Wettrennen mit iOS und Android auf die Dauer nicht bestehen kann. Zwar verzeichnet die Sparte – zum bis heute letzten Mal – leichtes Wachstum, kann die Erwartungen der Konzernspitze aber trotzdem nicht erfüllen. Unter CEO Satya Nadella konzentriert sich Microsoft im folgenden darauf, ihre Software auch auf iOS und Android möglichst gut zu positionieren. Auch der Wunderlist-Zukauf ist Teil dieser Strategie.

Die Geschichte von Wunderlist ist geprägt von Höhen und Tiefen. Einem rasanten Aufstieg, der die sechs Wunderkinder innerhalb weniger Monate zum bekanntesten deutschen Startup werden ließ, folgte mit dem Wunderkit-Desaster schnell die erste große Enttäuschung. Der zurückgehenden Begeisterung zum Trotz wuchs Wunderlist über die Jahre stetig weiter, bis sich nicht nur die legendären Investoren von Sequoia, sondern auch Microsofts Entscheider für das Produkt aus der Bundeshauptstadt interessierten. Obwohl die Wunderkinder also einmal krachend scheiterten, ihre selbstgesteckten Ziele zum Teil weit verfehlten und vor dem Exit vermutlich nie profitabel waren – ihr einstiges Nebenprodukt ist dennoch eine Erfolgsgeschichte.