Gute Charaktere in Videospielen – Lilli aus „Harveys neue Augen“

In vielen humoristischen Produktionen – egal, ob Film, Serie oder Spiel – scheinen vernünftig und glaubwürdig geschriebene Charaktere selten weit oben auf der Prioritätenliste zu stehen. Häufig sind die Protagonisten nicht viel mehr als austauschbare Abziehbilder bestimmter Stereotype. Sie werden auf ein paar Eigenschaften reduziert, auf welchen die Schreiber dann wunderbar ihre Gags aufbauen können. Meist sind die verschiedenen Figuren solcher Produktionen dann so unterschiedlich, dass selbst ein normaler Dialog schnell zu einem Feuerwerk der Witze wird. Die Gag-Raketen werden einfach so schnell wie möglich hintereinander abgeschossen – irgendeine wird beim Publikum schon ein anerkennendes „Ahh“ oder „Ohh“ hervorrufen. Doch es gibt auch Werke, die erstaunlich vielschichtige und weniger durchschaubare Charaktere zu bieten haben. Ein Beispiel ist das Adventure „Harveys neue Augen“ des deutschen Entwicklerstudios Deadalic, in welchem eine gewisse Lilli die Hauptrolle spielt.

Die Schülerin lebt zusammen mit Edna – der Heldin aus dem Vorgänger – und weiteren Mitschülern unter der Herrschaft von Oberin Ignatz in einem Kloster. Lilli scheint schüchtern zu sein, sie spricht im ganzen Spiel kaum ein Wort. Lediglich Laute wie ein zustimmendes „Hm“ oder ein ablehnendes „Mm-mm“ sind aus ihrem Mund zu vernehmen. Lillis Mitmenschen scheinen ihre Gedankengänge bereits zu ahnen: Sie muss nur zum Sprechen ansetzen, schon bringen sie genau das zur Sprache, was die Klosterschülerin von ihnen will. Und wenn sie doch einmal versucht, etwas zu sagen, fahren ihr andere meist wüst über den Mund, sodass sie im Verlauf der Geschichte nur selten die Möglichkeit bekommt, sich zu äußern.

Gedanken, Gefühle und Motive bleiben verborgen

Über Lillis Gedanken, Gefühle und Motive erfahren wir wenig.

Wir als Spieler erfahren so wenig über ihre Gedanken, Gefühle und Motive. Uns bleibt nicht viel mehr übrig, als dem Erzähler – im Übrigen wunderbar von Götz Otto gesprochen – zu vertrauen, der sich allerdings schon früh im Spiel als unzuverlässig herausstellt. Er versucht beispielsweise, dem Spieler weiß zu machen, dass Lilli liebend gerne auf einer Schaukel spielen würde, die an einem von Termiten befallenen Ast über dem Abgrund hängt. Lilli selbst hält dies verständlicherweise für keine besonders gute Idee und weigert sich, den Anweisungen des Spielers Folge zu leisten – schließlich liegt ihr etwas an ihrem Leben. Schon nach ein paar Minuten ist klar, dass die Ausführungen des Erzählers nicht immer unbedingt der Wahrheit entsprechen müssen.

Lillis Wille, immer alles richtig zu machen und die Aufträge der Oberin Ignatz zu erfüllen, enden nicht selten in einer Katastrophe, die meist mit Tadel von eben jener quittiert wird. Ihr Verhalten wird dabei zum Symbol: Indem Lilli versucht, es allen recht zu machen und sich ohne Ausnahme an die Klosterregeln zu halten, steuert sie fast zwangsläufig auf eben diese Zwischenfälle zu. Dazu streut der Erzähler immer wieder Andeutungen auf vergangene Missgeschicke, die erklären, warum Mitschüler und Oberin gleichermaßen wenig Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben. Vor allem letztere versucht gar nicht erst, dies Lilli gegenüber zu verheimlichen, was sich in geringschätzigem Verhalten äußert. Trotzdem lässt die Klosterschülerin sich ohne Widerspruch eine ganze Reihe unangenehmer Aufgaben auftragen, für die sie sich statt Anerkennung meist nur einen weiteren Tadel einhandelt.

Das Misstrauen der Mitschüler

Die Zensurgnome lassen das verschwinden, was Lilli lieber nicht sehen will.

Ihre Mitschüler, allen voran der gemeine Shawny, bringen ihr schon von Beginn des Spiels an ein großes Maß an Misstrauen entgegen. Sie vermuten einen Zusammenhang zwischen Lillis Anwesenheit und den merkwürdigen Unfällen, die sich seit ihrer Ankunft im Kloster häufen. Lediglich Mitschüler Capu und ihre beste Freundin Edna halten weiter zu ihr. Als sich Ednas Erzfeind Doktor Marcel anschickt, dem Kloster einen Besuch abzustatten, zieht sie sich trotzdem zurück, um Lilli den Großteil der Arbeit zu überlassen. Oberin Ignatz scheint die kleine Anti-Heldin hingegen weiter für ein naives und nicht sonderlich geschicktes Mädchen zu halten, dem sie leicht die unangenehmen Aufgaben des Klosteralltags übertragen kann.

Schon die ersten Spielstunden zeigen, dass der Vorwurf der Mitschüler durchaus berechtigt sein könnte. Den bemitleidenswerten Freeman, der Lillis Image bei der Oberin als erster in Frage stellt, bringt sie beispielsweise dazu, in den Schulbrunnen zu klettern, ehe sie ihm ein Bienennest auf den Kopf fallen lässt. Schließlich lockt sie die Schaukelbaum-Termiten zu ihrem mit Honig überzogenen Mitschüler, woraufhin diese sich gleich über ihn hermachen. Es ist nicht der einzige Vorfall, der einem anderen Schüler das Leben kostet. Um eine Bombe loszuwerden, die ihr beim Umgraben der Beete in die Hände fällt, sprengt sie den immer verängstigten Memphis samt Ofen, in dem sich dieser versteckt, kurzerhand in die Luft. Alle sterblichen Überreste werden in Lillis Gedanken von den lustigen Zensurgnomen mit einer rosa Flüssigkeit überdeckt. So wird ausgeblendet, was Lilli lieber nicht sehen will.

Absicht oder nur ein Versehen?

„Harveys neue Augen“ lässt uns mit der Frage zurück, ob diese „Zwischenfälle“ tatsächlich nur Lillis vermeintlicher Tollpatschigkeit geschuldet sind. Ober ist die Klosterschülerin doch nicht so brav und unschuldig, wie sie zu seien scheint? Um in der Geschichte weiter zu kommen, bleibt uns nichts anderes übrig, als zu ihren Komplizen zu werden und einen großen Teil der Mitschüler nach und nach das Zeitliche segnen zu lassen. Als Spieler erahnen wir nämlich schnell, worauf Lillis Machenschaften hinauslaufen. Aber sind auch ihr die Konsequenzen ihres Handels bewusst? Oder liefert sie ihre Mitschüler ganz aus Versehen einen nach dem anderen ans Messer?

Oberin Ignatz hält nicht allzu viel von Lilli – genau wie ihre Mitschüler.

Der Wille, sich an die Klosterregeln zu halten, kämpft in ihrem Kopf beständig mit den Rachegedanken, die sich in ihrem Unterbewusstsein langsam aber sicher durchzusetzen scheinen. Deutlich wird dies vor allem durch entsprechende Passagen des Erzählers. Nachdem dieser eine Weile darüber philosophiert, welche unheilbaren Krankheiten Lilli einer besonders unangenehmen Zeitgenossin an den Hals wünscht, schließt dieser seinen Monolog mit den Worten: „Aber ein braves Mädchen denkt so etwas nicht.“

Lilli hilft so beispielsweise der Mitschülerin Birgit, von der sie zuvor schlecht behandelt worden war, ein Banner mit Meerschweinchen-Motiv anzufertigen, obwohl (oder gerade weil?) sie damit Ärger für die Lieblingsschülerin der Oberin heraufbeschwört. In Lillis Welt ist ihr Vorgehen nur logisch: Sie hilft einer Mitschülerin und erfüllt so den Wunsch der Oberin, die auf das dritte Banner in der Schulkantine nicht länger verzichten will. Dass Birgits Motiv der Oberin nicht gefallen würde, konnte sie ja nicht wissen. Oder etwa doch? Schließlich hatte Lilli noch wenige Szenen vorher auf einer Notiz gelesen, dass sich Ignatz ein anderes Motiv für das fehlende Banner in der Kantine wünschte.

Arbeit für die Zensurgnome

Lilli ist den anderen meist unterlegen, kann sich nicht wehren und wird für uncool gehalten, weil sie mit Jugendwörtern wie „gumbo“ oder den Eigenheiten der Japano-Subkultur des Spiels nichts anfangen kann. Ihre (unfreiwilligen?) Rachefeldzüge werden so allerdings nur teilweise verständlich. Um alle Aufgaben zu erfüllen, die sie von Ignatz aufgetragen bekommen hat, lässt sie auch mal ein Kreuz auf den eigentlich ganz netten Frank fallen, der auf der Suche nach Beweisen für eine Kirchenverschwörung in der Schulkapelle nach Gräbern bohrt.  Wir als Spieler können erahnen, worauf Franks Forschungsprojekt hinausläuft, zögern aber trotzdem nicht, ihm den Presslufthammer in die Hand zu geben, mit dem er seine Pläne sogleich in die Tat umsetzt. Das Ergebnis ist Arbeit für die Zensurgnome.

Das Beispiel von Lilli aus „Harveys neue Augen“ zeigt, dass auch in humoristischen Produktionen Platz für etwas vielschichtigere Charaktere ist. Die Witze basieren anders als bei vielen anderen Spielen oder Serien, die von ihren Gags leben, nicht nur auf wenigen Charaktereigenschaften. Stattdessen bleiben ihre Gedanken und Gefühle lange Zeit rätselhaft, was die Klosterschülerin von den vielen Abziehbild-Chrakteren abhebt.