Die besondere Kalender-App – Vantage im Test

Eigentlich gibt es kaum etwas langweiligeres als eine Kalender-App. Man muss sie haben; sie ist irgendwie unersetzlich, wenn man seine Termine digital organisieren will – aber trotzdem nicht sonderlich spannend. Manche erinnert sie an die unschönen Seiten des Lebens: Das Meeting, auf das man eigentlich gar keine Lust hat; die Feier eines entfernten Verwandten, zu der man aus Höflichkeit geht; den Termindruck im Allgemeinen. Meist sind solche Apps eher zurückhaltend gestaltet. Übersicht ist das höchste Gebot. Schließlich wird diese Art der Software nicht dafür gemacht, sich Stunden in ihr zu verlieren. Sie soll vielmehr so schnell wie möglich einen Überblick über alle Termine geben und das einfache Anlegen neuer Verpflichtungen ermöglichen. Doch was für ein Produkt entsteht, wenn die App sich im Design nicht mehr vornehm zurückhält? Wenn sie sich nicht nur als einfache Produktivitätssoftware, sondern auch als Lifestyle-Produkt sieht? Die App Vantage versucht, genau diesen Weg zu bestreiten und verpackt ihre Funktionen in eine stylische Hülle. Ob das Konzept aufgeht, lest ihr in diesem Testbericht.

Dieser Zeistrahl ist das Herzstück der App.

Bereits das erste Öffnen der App zeigt, dass es sich bei Vantage nicht um einen gewöhnlichen Vertreter seiner Art handelt: Nach einer ausführlichen Einführung zeigt sich in einem perspektivisch verzogenen Zeitstrahl das Herzstück des Programms. Ähnlich wie die Noten bei „Guitar Hero“ (an die guten Ableger der Reihe erinnern sich vermutlich nur noch die älteren Leser) erscheinen die Termine erst kaum wahrnehmbar am Horizont, um schließlich immer näher zu kommen. Eine ungewöhnliche Designentscheidung, die Vantage von den vielen Mitbewerbern abhebt. Am oberen Rand des Bildschirms befindet sich eine weitere Leiste, die einen Überblick über die Termine der folgenden Tage geben soll, angesichts des angesprochenen Zeitstrahls allerdings fast schon überflüssig wirkt. Eine klassische Monatsansicht ist ebenso vorhanden wie die Detailansicht der kommenden drei Tage und eine Liste der anstehenden Termine – Vantage kommt damit sicher nicht an den miCal heran, der auf dem iPhone in dieser Disziplin die Spitzenposition einnimmt, lässt aber gleichzeitig keine wichtige Ansicht vermissen. Hier ordnet sich die App also irgendwo im soliden Mittelfeld ein.

Funktionsarmut als Schwäche

Die Standard-Funktionen, die eine jede Kalender-App mitbringen muss, um überhaupt als eine solche zu gelten, sind natürlich auch bei Vantage vorhanden: Start- und Endzeit, Farbe, Ort, Alarm und die Möglichkeit, andere Nutzer zu Terminen einzuladen. Doch schon bei regelmäßigen Terminen beginnt sich mit der Funktionsarmut eine nicht ganz unerhebliche Schwäche des Kalenders zu zeigen. Verpflichtungen können sich lediglich täglich, wöchentlich, monatlich oder jährlich wiederholen. Für individuelle Zyklen bittet die in der Grundversion bereits 4,99 Euro teure App ihre Nutzer noch einmal mit 1,99 Euro zur Kasse. Ein Termin, der sich zum Beispiel nur alle zwei Wochen wiederholt, lässt sich mit der Standardversion somit nicht abbilden. Angesichts der in diesem Punkt deutlich besser aufgestellten Mitbewerber ist dies im ständigen Wettbewerb der Kalender-Apps gelinde gesagt sicherlich kein Vorteil. Hinzu kommt, dass Vantage nicht einmal eine einfache Funktion wie eine Suche zu bieten hat. So kann selbst das praktische Feature, einen Termin zu einem ToDo zu machen, nicht über die Funktionsarmut hinwegtäuschen.

Der am meisten beachtete und gleichzeitig kontrovers diskutierte Aspekt der App ist sicherlich das Design. Vantage meistert darin einen seltenen Drahtseilakt: Sie schafft es, eine gewisse dreidimensionale Struktur in die App zu bringen, ohne dabei wie Software von 2012 zu wirken. Damit ist das Programm so etwas wie der Gegenpol zu den vielen anderen Produktivitätsapps, die versuchen, möglichst flach und modern zu wirken. Schließlich ist dies gerade das Design-Gebot der Stunde: Googles im Material Design gehaltenes Android bietet ebenso wie das iOS der Jony-Ive-Ära kaum Elemente, die sich auf dem Bildschirm abheben.

Hohes Risiko – Hohe Rendite?

Die in Vantage vorhandenen Schriftarten.

Die Entscheidung, sich gegen diesen Trend zu stellen, war sicher keine risikolose. Wer konnte ausschließen, dass die App von den Nutzern am Ende tatsächlich als altbacken und „aus der Zeit gefallen“ wahrgenommen wird? Auf der anderen Seite gab die Entscheidung der App einen entscheidenden Vorteil: Wiedererkennungswert. Um aus der Masse der Kalender-Apps herauszustechen, ohne die Mitbewerber mit einer langen Liste an Features übertrumpfen zu müssen, ist dies sicher kein schlechtes Mittel. Oder, wie der Broker sagen würde: Hohe Rendite geht mit hohem Risiko nicht selten Hand in Hand.

Doch es sind auch die gestalterischen Details, die Vantage zu einer besonderen App machen. Da wäre zum Beispiel die Möglichkeit, einen Termin mit einem passenden und geschmackvoll gestalteten Sticker zu versehen. Oder der vermutlich von wenigen überhaupt beachtete Fakt, dass die Farbe des Termins als kleines Fähnchen neben dem Eintrag auf dem Zeitstrahl angezeigt wird. Sogar die Schriftart der einzelnen Termine kann gewählt werden, wobei sich die Auswahl dort auf ein paar wenige Optionen beschränkt. Wer will, kann den Geburtstag des Freundes in einer verschnörkelten Handschrift und die Prüfung in der Uni in klassischem Times New Roman festhalten – oder andersrum. Die verschiedenen Themes lassen zudem Raum für Anpassungen an den persönlichen Geschmack – sechs von ihnen sind frei verfügbar, zwei müssen für jeweils 0,99 Euro separat erworben werden. Somit werden für die „Vollversion“ von Vantage mit allen Features und Themes insgesamt 8,96 Euro fällig. Nicht gerade güstig für eine Kalender-App.

Nicht wenige kritische Kommentare

Man kann diese Funktionen nun leicht als Spielerei abtun, was viele Nutzer sicherlich auch tun werden. Exemplarisch dafür stehen die vielen kritischen Kommentare zur App, die sich unter den entsprechenden Meldungen auf den Tech-Blogs zu sammeln begannen, als Apple die Software gerade zur „App der Woche“ gekürt hatte. Der Tenor der Kommentatoren: Apple schaue nur noch darauf, was gut aussehe, lassen den praktischen Nutzen außer acht und ganz allgemein sei im AppStore heute Vieles zu finden, was Mac- und iPhone-Nutzer früher nicht einmal mit der Kneifzange angefasst hätten.

Mit dem Design sind die Entwickler ein Risiko eingegangen.

Sicherlich ist diese Kritik zu einem Teil berechtigt. Ein Kalender, der aussieht wie ein Computerspiel, mit der Funktion wirbt, Termine mit Stickern versehen zu können und gleichzeitig einige mehr oder weniger wichtige Funktionen vermissen lässt, trifft sicher nicht jedermanns Geschmack. Das war den Entwicklern vermutlich schon klar, bevor sie ihr Programm im AppStore veröffentlichten. Dennoch ist es gut, dass es eine solche App gibt. Sie bewegt sich abseits der ausgetretenen Pfade und traut sich, mit einer neuen Herangehensweise an Alltägliches wie einen Kalender heranzugehen – auch wenn diese nicht jedem gefällt.

Nicht jeder stellt an eine solche App die gleichen Anforderungen. Unter der oben aufgeführten Meldung sind fast ebenso viele Nutzerbeiträge zu finden, die Vantage für das außergewöhnliche Design und den Mut loben, einen Kalender der etwas anderen Art programmiert zu haben. Nur, weil man selber mit ihr nichts anfangen kann, muss man nicht gleich kategorisch ausschließen, dass es andere könnten. Für den Privatnutzer, der nicht täglich zwanzig Termine unter einen Hut bringen muss, dafür aber an der Optik Gefallen findet und seinem Kalender gerne einen persönlichen Anstrich verleiht, könnte mit Vantage durchaus glücklich werden.

Vantage Kalender
Vantage Kalender
Entwickler: Fortyfour AB
Preis: Kostenlos+