Das Ende der Beständigkeit

Früher – als Zeitungen die Art und Weise bestimmten, wie textbasierter und tagesaktueller Journalismus gemacht wurde – herrschte in den meisten Redaktionen eine klare Vorstellung davon, wie ein journalistischer Text auszusehen hatte. Unter einer passenden Überschrift sollte sich dieser in die klar erkennbaren Elemente Einleitung, Hauptteil und Schluss aufteilen. Während die Einleitung meist dick gedruckt in wenigen Zeilen klar machte, was den Leser erwarten würde und ebenjenen im besten Falle dazu brachte, auch den Rest zu lesen, wurden die Informationen gebündelt im Hauptteil präsentiert. Der Schluss stellte dann einen Bezug zum Anfang her, um die erzählerische Klammer um den Text zu schließen. Je nach Art des Beitrags dienten eventuelle Bilder oder hervorgehobene Zitate schließlich dazu, etwas Abwechslung in das äußerer Erscheinungsbild einer Publikation zu bringen. An diesem Prinzip hat sich bis heute nicht viel geändert.

Die Auflösung der Beständigkeit

Im Print-Journalismus werden Texte abgegeben. Diese Formulierung kommt nicht von ungefähr. Wer etwas abgibt, legt die Verfügungsgewalt über dieses Gut in die Hände anderer. Im gedruckten Journalismus ist es nicht anders. Sobald die letzte Zeile getippt ist, sind dem Autoren nahezu alle Möglichkeiten genommen, sich mit seinem Werk weiter zu beschäftigen. Der Text steht fest; den Rest erledigen andere. Eine Schlussredaktion überprüft Fakten und Rechtschreibung, um den Text schließlich durch Druckerpresse und Austräger direkt zum Leser zu schicken. Behandelt der Artikel ein besonders kontroverses Thema, meldet sich dieser eventuell in Form eines Leserbriefs zurück, meist ist aber wenig von ihm zu hören. Ein analoger Text ist beständig, sobald er den Schreibtisch des Autoren verlässt, steht seine Form weitgehend fest.

Mitte der 90er Jahre kam der Online-Journalismus und löste diese Beständigkeit des Textes langsam auf. Die neue Form des Publishings erlaubte es, Fehler nachträglich zu korrigieren oder den Inhalt bei einer Wendung der Ereignisse entsprechend zu aktualisieren. Auf einigen Blogs ist es inzwischen gängige Praxis, Beiträge auch nach Tagen oder Wochen noch mit Updates zu versorgen, sollte es Neuigkeiten geben. Online werden Texte nicht abgegeben – Im Gegenteil: Ein Teil der Arbeit beginnt erst mit dem Klick auf den „Veröffentlichen“-Knopf.

Neue Perspektiven durch die Kommentare

So entstehen in den Kommentaren unter den Beiträgen – eine entsprechende Kommentarkultur vorausgesetzt – Diskussionen, in denen die Leser ihre Gedankengänge äußern oder den Autor auf weitere Aspekte hinweisen. Die Chefredakteurin des britischen Guardian, Katharina Viner, fasste diese neue Rolle des vormaligen Konsumenten in ihrem Vortrag „Der Aufstieg des Lesers“ mit einem Beispiel zusammen: Als die Ölpest im Golf von Mexiko im April 2010 unaufhaltsam schien, richtete der Guardian eine Plattform für Lösungsvorschläge ein, auf der sich zahlreiche Experten zu Wort meldeten.

Viner spricht damit nicht Ironisch von „Besserwissern“, sondern von den vielen professionellen Tauchern, Chemikern, Ingenieuren oder Physikern, die ihr Wissen in Form von eigenen Beiträgen einbrachten. Gebündelt sendete die Webseite ihre Ergebnisse an die offiziellen Stellen weiter – und half so mit, die Katastrophe in den Griff zu bekommen. Ein ähnlicher – wenn natürlich auch nicht ganz so intensiver – Austausch lässt sich bei einigen Seiten unter den Artikeln beobachten. Wenn die Redaktion nicht aktiv an diesem teilnimmt, so greift sie doch zumindest moderierend ein. Trotzdem könnten die meisten Artikel, die heute online erscheinen, problemlos auch auf Papier gedruckt werden.

„Snowfall“ verschiebt die Grenzen

2012 erschien „Snowfall“ auf der Webseite der New York Times und verschob damit die Grenzen dessen, was ein Artikel sein konnte. Die Reportage über ein Lawinenunglück kombinierte den altehrwürdigen Text multimedial mit Fotos, Videos und Audio. Gleichzeitig lagerte die Redaktion die Geschichte auf eine eigene Unterseite aus und warf dort alle Banner, Leisten und sonstige Bedienelemente der eigentlichen Seite über Bord. Der Nutzer sollte sich komplett auf das Werk konzentrieren, ohne von anderen Elementen links, rechts, über- und unterhalb des Contents abgelenkt zu werden. Mit dem in der Folge „Storrytellig“ genannten Konzept war ein neues Genre im Online-Jouralismus entstanden: Hochwertige Reportagen, die nicht nur aufwendig recherchiert, sondern auch edel präsentiert werden. Solche Geschichten ließen sich schon nicht so einfach auf Papier übertragen.

Der Online-Journalismus hat bedauerlicherweise nicht nur Geschichten wie „Snowfall“ hervorgebracht. Phänomene wie Clickbait und Buzzfeed-artige Schlagzeilen kommen den meisten vermutlich eher in den Sinn, wenn es um digitalen Journalismus geht. Diese Entwicklungen sind eine direkte Folge des finanziellen Drucks, unter dem viele Seiten heute stehen. Um sich zu finanzieren, setzten die meisten Seiten auf die klassische Banner-Werbung – Einnahmen sind also direkt davon abhängig, wie viele Nutzer die Seite besuchen oder auf einen Artikel klicken.

Eine finanzielle Herausforderung

Zwar verlegte die Werbebranche in den letzten Jahren immer mehr finanzielle Ressourcen ins Internet, mit dem Werbemarkt wuchs allerdings auch die Anzahl derjenigen, die online mit Anzeigen ihr Geld verdienen wollen. Obwohl der Kuchen insgesamt immer weiter wächst, wird das Stück, das für den einzelnen übrig bleibt, beständig kleiner. Somit ist der Anbieter gezwungen, die Masse zu erreichen – auch wenn seine Inhalte dies vielleicht gar nicht zulassen. Reichweite ist das oberste Gebot.

Auch im Online-Journalismus gilt also das, was die Youtuber von Ultralativ in ihrem Video „Warum alles ohne Skript?“ schon für die Webvideoplattform skizzierten. Einem Service wie Google AdSense ist es – vorausgesetzt, es wurde kein Vermarkter zwischengeschaltet – im ersten Schritt erst einmal egal, ob die Anzeigen auf einen kurzen Clickbait-Artikel oder eine hochwertige Reportage geschaltet werden. Anders als die Konsumenten bemisst AdSense den Wert einer Geschichte nicht an ihrer Qualität, sondern einzig an der Anzahl ihrer Aufrufe.

Im Printbereich kann es sich eine Wochenzeitung leisten, mehr Aufwand, Zeit und damit Geld in eine Geschichte zu stecken, da sie ihr Produkt am Kiosk teurer verkauft als das Boulevardblatt oder die Tageszeitung. Online konkurrieren sie alle im gleichen Markt. Als Folge werden Geschichten häufig nur noch häppchenweise serviert, da wenige Redaktionen noch die Zeit haben, für jeden einzelnen Artikel aufwändig die Hintergrüde zu recherchieren. Zudem kommt es im Web, allen voran im Geschäft mit täglichen Nachrichten, vor allem auf Schnelligkeit an. Wer eine Nachricht als erster bringt, kann oft die meisten Klicks und damit die höchsten Einnahmen erzielen. Doch egal, ob SEO-optimierter Artikel, Kommentar oder Reportage – eines haben sie alle gemeinsam. Sie sind bei ihrer Veröffentlichung weitgehend komplett, inklusive Einstieg, Hauptteil und Ende.

Das Ende von Einstieg – Hauptteil – Schluss?

Die Blog-Plattform Medium schick sich nun mit dem Feature „Serien“ an, dieses Merkmal eines Artikels in Frage zu stellen. Das von Twitter-Mitgründer Evan Williams ins Leben gerufene Angebot orientiert sich dafür wie so viele andere Apps in letzter Zeit an Snapchat, setzt sein Feature aber deutlich textlastiger um. Eine solche Serie besteht aus mehreren Karten mit Fotos und Text, wobei sich der geschriebene Inhalt meist auf wenige Sätze beschränkt. Rudimentäre Formatierungen, wie zum Beispiel Zitate, sind ebenfalls möglich. Durch ein Tippen auf die rechte Hälfte des Bildschirms springt die Geschichte zur nächsten Karte, während ein Balken am oberen Rand den Fortschritt anzeigt. Der größte Unterschied zum offensichtlichen Vorbild: Die Serie verschwindet nicht nach ein paar Stunden, sondern bliebt bestehen und kann vom Ersteller auch nach Veröffentlichung immer weiter fortgeführt werden.

Wie die englischsprachige Wired in einem Artikel feststellte, bedient sich Medium bei seinen Serien an einer alten Idee: Dem Feuilleton-Roman. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert erreichte diese Form der Erzählung, bei der in regelmäßigem Abstand neue Abschnitte einer Geschichte erscheinen, den Höhepunkt ihrer Popularität. Charles Dickens „Oliver Twist“ und „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque erschienen jeweils in dieser Form und sind den meisten Leser bis heute ein Begriff. Doch ist dieses Format auch mit nicht-fiktionalen Geschichten und journalistischem Anspruch kompatibel?

Geschichten werden in Echtzeit erzählt

Die Serien bieten Autoren die Möglichkeit, eine Geschichte in Echtzeit zu erzählen. Als Leser kann man so an dem teilhaben, was der Journalist während seiner Recherche erlebt. Beispielhaft dafür steht die Geschichte von Luis, einem Jungen aus Haiti, der den Traum verfolgt, Diplomat werden zu wollen. In einem Land, das als einziger Staat der Karibik auf der Liste der 45 am wenigsten entwickelten Länder der Welt steht, ist ein Aufstieg aus der Armut in den Diplomatenstand fast ausgeschlossen.

Als die Autorin eine eventuelle Verwandte findet, die in den USA in einem Krankenhaus arbeitet, scheint Luis Traum tatsächlich näher zu rücken. Obwohl die Geschichte zu diesem Zeitpunkt weit davon entfernt ist, „komplett“ zu sein, legt die Journalistin eine Serie auf Medium an. Sie will ihre Leser ihre Recherche miterleben lassen und so die Geschichte erzählen, hinter der noch viele Fragezeichen stehen: Ist die Dame in den Vereinigten Staaten tatsächlich mit dem Jungen verwandt? Und wie wird sie auf die Kontaktaufnahme reagieren? Nicht nur die Leser wissen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wie es weitergehen wird – auch die Autorin weiß es nicht. Bisher existieren weder analog noch digital viele Formate, die den Leser in Echtzeit über den Stand der Recherche auf dem Laufenden halten

Das Vine für Text

Eine Reduzierung auf Bilder und wenig Text ist zudem eine Einschränkung, die das Potential mitbringt, jede Menge kreative Energie freizusetzen. An Beispielen für diesen Prozess mangelt es nicht. Bevor das inzwischen eingestellte Soziale Netzwerk Vine zur Meme-Maschine wurde, tobten sich zahlreiche Kreative auf der Plattform aus. Sie versuchten, aus den sechs Sekunden, die Vine ihnen gab, das Maximum herauszuholen. Das Resultat waren Clips wie jenen, in dem ein Nutzer seine Finger den Turm des „Big Ben“ in London hochklettern und an den Zeigern der Uhr drehen ließ. Natürlich sind solche Werke weit davon entfernt, auf Spielflm-Niveau zu agieren. Trotzdem zeigen sie, wie viel sich mit einem gewissen Maß an Kreativität aus solchen Angeboten herausholen lässt.

Natürlich kann man diese neue Art des Erzählens auch kritisch sehen. Geschichten sind nicht mehr komplett, sondern setzen sich über die gängige Struktur aus Einleitung, Hauptteil und Schluss hinweg, die Medium in der Ankündigung des neuen Features selber als „altmodisch“ bezeichnete. Zudem begebe sich die Plattform mit der neuen Funktion auf das Niveau eines Sozialen Netzwerks, das noch vor wenigen Jahren als Messenger für Nacktbilder verschrien war. Unterstützt Medium durch die Serien also nur die ohnehin schon vorherrschende Tendenz, Informationen nur noch in kleinen Häppchen zu präsentieren? Ist der Journalismus ganz im Allgemeinen überhaupt mit dem „Prinzip Snapchat“ kompatibel? Oder wird hier zusammengebracht, was besser strikt getrennt hätte bleiben sollen?

Eine neue Nutzergruppe

Wie erfolgreich Mediums Serien am Ende tatsächlich werden, bleibt abzuwarten. Fest steht, dass diese Potential mit sich bringen, eine ganz neue Nutzergruppe (wieder?) für guten Journalismus begeistern zu können. Auf den ersten Blick scheint es absurd, zu behaupten, Snapchat konkurriere mit klassischen Medienangeboten. Zu groß scheinen die Unterschiede zwischen dem Sozialen Netzwerk und beispielsweise Spiegel Online. Doch auf einer Ebene stehen beide Angebote fast unausweichlich miteinander im Wettbewerb – der Zeit. Angenommen, eine Person konsumiert jeden Tag vier Stunden Medien. Unterbewusst wird sie sich genau überlegen, wo sie diese Zeit verbingt. Zum Frühstück gibt es ein Youtube-Video, in der Mittagspause tippt der Finger ganz automatisch auf das gelbe Icon mit dem weißen Geist und am Abend lässt man den Tag mit ein paar Folgen seiner Lieblingsserie auf Netflix ausklingen.

Dabei lernt der Nutzer fast schon nebenbei, wie Angebote zu bedienen sind, wo ihre Eigenarten liegen. Wenn er das „Prinzip Snapchat“ erst einmal verinnerlicht hat, ist es für ihn auch kein Problem mehr, sich in Instagrams Stories zurechtzufinden – oder eben in Mediums Serien. Funktionen einfach eins zu eins aus anderen Apps zu übernehmen mag auf den ersten Blick wie dreister Diebstahl klingen. Doch auf der anderen Seite ist es völlig normal, dass Innovationen zum Standard und von Mitbewerbern übernommen werden.

Die Zukunft des Nachrichtenjournalismus?

Ein Medienangebot muss sich in gewisser Weise an die Gewohnheiten des Publikums anpassen – ansonsten besteht die Gefahr, dass die Macher diese Gruppe der Leser, Zuhörer oder Zuschauer dauerhaft verlieren. In der Vergangenheit ist diese Wendung bereits einigen Medien gelungen. Mit dem Aufstieg des Fernsehens wandelte sich das Radio vom Leit- zum Begleitmedium und passte seine Inhalte dementsprechend an. Heute kann man dem Programm der meisten Sender selbst dann bequem lauschen, wenn die Aufmerksamkeit eigentlich gerade auf anderem liegt. Hochwertige Features oder tiefgründige Hintergrundberichte lassen sich meist nur noch auf gebührenfinanzierten Kanälen finden.

Eine ähnliche Entwicklung könnte auch der Online-Journalismus nehmen: Während die Nachrichten, die die „Masse“ erreichen sollen, nach dem „Prinzip Snapchat“ an die Nutzer verteilt werden, verbleibt auf der klassischen Webseite – ob mobil oder am Desktop – alles, was über Nachrichten hinausgeht. Zwar richtet sich Medium mit den Serien vorrangig an Autoren, die hochwertige und aufwendig recherchierte Geschichten erzählen wollen, der Aufbau würde sich aber ebenso gut für klassische Nachrichten nutzen lassen. Schließlich sind die Zeiten, in denen jeder Beitrag wie ein Zeitungsartikel aussehen muss, schon lange vorbei.

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