Wie das MacBook Air moderne Laptops veränderte

Wir schreiben das Jahr 1998. Bei der Bundestagswahl löst Gerhard Schröder CDU-Mann Helmut Kohl nach sechzehn Jahren als Bundeskanzler ab, Sänger Falco stirbt bei einem Autounfall in der Dominikanischen Republik, US-Präsident Bill Clinton gerät durch die Lewinsky-Affäre unter Druck und der von Mitsubishi und Hewlett-Packard entwickelte Laptop Pedion kommt auf den Markt. Was der letzte Punkt in dieser Aufzählung zu suchen hat? Ganz einfach: Der Pedion ist ein Laptop weit vor seiner Zeit; ein revolutionäres Gerät; ein Stück Technik, das wirkt, als wolle jemand der Welt einen Vorgeschmack auf die Möglichkeiten des herannahenden neuen Jahrtausends geben. Er ist ein MacBook Air – zehn Jahre vor dem MacBook Air.

Das MacBook Air … zehn Jahre vor dem MacBook Air

Anders als die Konkurrenz, die dick klobig und schwer daherkommt, ist der Pedion leicht, grazil – und vor allem dünn. An der dicksten Stelle misst er gerade einmal 18,4 mm, was ihn mit weitem Abstand zum bis dato dünnsten Laptop der Welt macht. Erst 2009 wird mit dem Vaio X von Sony ein Gerät erscheinen, das Mitsubishis Kreation in dieser Hinsicht unterbieten kann. Die Fachpresse zeigt sich nicht nur vom Formfaktor, sondern auch von den verbauten leistungsstarken Komponenten hellauf begeistert. Voraussetzungen für einen Erfolg sind also durchaus geben – doch dieser stellt sich nie ein.

So zukunftsweisend das Gerät auch sein mag: Es ist schlicht nicht an den Käufer zu bringen. Der Kaufpreis von umgerechnet 10.000 DM liegt weit über dem, was die meisten Menschen für einen Laptop auszugeben bereit sind und die zahlreichen technischen Probleme zwingen Mitsubishi nur wenige Jahre später sogar dazu, das Modell wieder vom Markt zu nehmen. Alle Pläne verschwinden wieder in den Schubladen der Ingenieure, die Revolution der Laptop-Industrie wird vorerst vertagt – bis ins Jahr 2008.

Das „One more thing“

Zehn Jahre später steht Apple-Chef Steve Jobs auf der Bühne der Macworld in San Francisco. Die rund einstündige Keynote neigt sich ihrem Ende entgegen, als sich Jobs anschickt, das „One more thing“ vorzustellen. Wie bei nahezu allen Vorstellungen großer Produkte – zuletzt bei der Präsentation des ersten iPhones ein Jahr zuvor – gelingt es ihm, den perfekten Spannungsbogen aus Selbstbeweihräucherung aufzubauen, der unweigerlich in einem fast schon magischen Moment seinen Höhepunkt findet. In Anlehnung an den ersten Mac, den Steve Jobs 1984 aus einer Tasche hervorholte, zieht er den dünnen Laptop dieses Mal aus einem Briefumschlag. Es ist ihm wieder einmal gelungen: Wie eine Gemeinde hängt der Saal an den Lippen seines Ersatz-Heiligen, der sich wenig später durch die Folien seiner Präsentation klickt.

Viel muss er nicht sagen. Auch die Folien selber kommen ohne Worte aus. Die großflächigen Produktfotos erzählen die ganze Geschichte. „So sieht es aus. Unglaublich. Es ist das dünnste Notebook der Welt“, lässt der wie immer mit Turnschuhen, Jeans und Pullover bekleidete CEO sein Publikum wissen. Diese Lüge zeigt, welche Rolle Apple gegen Ende des letzten Jahrzehnts einnimmt: Die Firma aus Cupertino ist kein Erfinder, sondern ein Trendsetter, der Ideen aufnimmt, verbessert und bei der breiten Masse hoffähig macht. So war es beim iPhone im Jahr zuvor, so ist es nun beim MacBook, und so wird es auch beim 2010 präsentierten iPad wieder werden.

Das MacBook bricht mit den Konventionen

Ein Artikel der „PC World“ aus dem Jahr 2008 zeigt, wie die meisten Laptops der Oberklasse zu dieser Zeit aussehen. Sie haben Anschlüsse für nahezu alle erdenklichen Nutzungsszenarien an Bord und werden von einem DVD-Laufwerk auf eine Dicke von mehreren Zentimetern aufgebläht. Die Verarbeitungsqualität von Tastatur und Trackpad ist Glückssache; Plastik dominiert das äußere Erscheinungsbild. Obwohl ein guter Laptop gerne mal an die 2000 Euro kostet, fühlen sich einige Modelle an wie Kleinkram aus dem sprichwörtlichen Kaugummiautomaten.

Apples neuer Laptop bricht gleich reihenweise mit den bisherigen Konventionen der Branche. Er brachte seine Technik in einem edlen Aluminiumgehäuse mit abgerundeten Kanten unter, anstatt auf günstigere, aber wesentlich weniger hochwertige Alternativen zu setzen. Auch Tastatur und Trackpad setzen in puncto Qualität neue Maßstäbe. Trotzdem müssen sich die Käufer – ähnlich wie bei den aktuellen Modellen der MacBook Pro Reihe – in Verzicht üben.

Neben der obligatorischen Stromversorgung bietet das bis zu 1700 Euro teure Stück Technik einen USB-Anschluss, eine Klinkenbuchse und einen Micro-DVI-Eingang für Beamer oder externe Bildschirme. Diese selbst nach heutigen etwas dünne Auswahl an Anschlüssen kommt 2008 einer Revolution gleich. Und wie bei jeder Revolution zeigen sich die Etablierten alles andere als erfreut. Wo ist der Eingang für das LAN-Kabel? Was mache ich, wenn ich Drucker und Digitalkamera gleichzeitig anschließen möchte? Und wo ist das DVD-Laufwerk, mit dem 2008 nahezu jeder andere Laptop ausgestattet ist? Die Liste an Kritikpunkten, die Nutzer und Presse dem Laptop entgegenbringen, ist lang.

Vision eines flachen Laptops

Doch Apple selber stört sich daran wenig. Für die Verwirklichung ihrer Vision eines flachen Laptops werfen die Konstrukteure alle Anschlüsse über Bord, zu denen es eine kabellose Alternative gibt. Dieser Schritt ist mit einigen schmerzhaften Kompromissen verbunden, die die Vorwürfe befeuern, Apple richte sich zu sehr auf die Zukunft aus und vergesse dabei die Gegenwart. Schließlich mag das Internet schon 2008 eine ordentliche Auswahl an Medien bieten, doch praktisch sorgen langsame Verbindungen und das schlichte Vorhandensein von DVDs in vielen Haushalten dafür, dass die meisten Kunden doch nicht auf ein Laufwerk verzichten wollen. Zudem sind die Geräte, die sich über WLAN ansteuern lassen und somit keinen der rar gesäten USB-Anschlüsse belegen, wesentlich weniger verbreitet als heute.

Neben der mangelnden Auswahl an geeigneten Geräten schreckt auch der Preis dieser viele Kunden ab. Für die „Time Capsule“ – eine Mischung aus Router und externer Festplatte – verlangt Apple fast 300 Euro. Auch WLAN-Drucker sind längst nicht so populär wie neun Jahre später. Damals wie heute müssen die „Early Adopter“ mit einigen Einschränkungen leben, ebnen mit ihrem Kauf aber auch den Weg für die folgenden Entwicklungen. Weil sich das MacBook Air nach einer Preissenkung und in späteren Modellen besser verkauft, beginnen immer mehr Hersteller, kabellose Peripherie-Geräte zu entwickeln. Auch die Laptop-Industrie selber merkt, welch großes Potential in dünnen Laptops steckt – und versucht sich ebenfalls im Weglassen.

Das MacBook Air als großes Vorbild

Heute, neun Jahre nach dem berühmten Briefumschlag auf der Macworld, gehören Laptops mit Laufwerk zu den vom Aussterben bedrohten Arten. 2008 populäre Anschlüsse wie VGA oder LAN lassen ein Gerät heute durch ihre pure Anwesenheit veraltet wirken. (Eine Ausnahme sind Gaming-Laptops. Aber die Designverbrechen dieser Geräte sind ein Theme für einen eigenen Artikel.) Stattdessen gibt es Geräte wie das LG Gram oder den Spectre von HP, die mit Slogans wie „Power in verführerisch flacher Form“ beworben werden.

Extrem dünne Laptops sind sind im Jahr 2017 längst keine Zukunftsvision mehr. Fast zwanzig Jahre nach dem Pedion sind sie im Mainstream angekommen, obwohl sie auf den ein oder anderen Anschluss verzichten. Und schließlich schickt sich Apple mit dem 12‘‘ MacBook und den aktuellen Modellen der MacBook Pro-Reihe selber an, das Erbe des Airs anzutreten. Außer einer Klinkenbuchse finden sich an den neuen Geräten lediglich bis zu vier USB-C Anschlüsse. Ähnlich wie 2008 wird Apple auch heute wieder vorgeworfen, zu sehr an die Zukunft zu denken. Für den Moment mag diese Kritik zutreffen – doch wer weiß, vielleicht zeigt sich Apple gerade einmal wieder als Trendsetter.