Wir brauchen mehr Tech-Kolumnisten!

Als Tech-Journalist Walt Mossberg Anfang April seinen baldigen Ruhestand ankündigte, gratulierte ihm sogar Apple-CEO Tim Cook auf Twitter. Man kann dies leicht als weiteren, letzten Beweis für die angeblich unkritische Haltung sehen, mit der Mossberg Zeit seiner Karriere auf die Firma aus Cupertino blickte. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn dieser eine Tweet steht symbolisch für die Anerkennung, die dem 70-jährigen auch außerhalb der Apple-Firmenzentrale entgegengebracht wird. Sein Wort ist für Kunden und Konzernchefs gleichermaßen bedeutend – nicht zuletzt, weil er die Branche schon so lange verfolgt wie kaum ein anderer. Als sich Mossberg 1991 entschied, seine Kolumne im „Wall Street Journal“ dem Thema Technik zu widmen, war ein Laptop von Apple über sieben Kilogramm schwer und Snapchat-Gründer Evan Spiegel nicht einmal ein Jahr alt. Über die Jahre kamen und gingen die Trends – aber Mossberg blieb. Egal, ob er einen Tech-Blog ins Leben rief, eine Fernsehsendung gestaltete oder Podiumsdiskussionen organisierte: Erfolgreich war er mit seinen Projekten fast immer.

Trotz seiner Erfahrung und Expertise behielt er seinen Sinn für die Fragen des normalen Kunden und geht bis heute einen Schritt weiter, als es viele seiner Kollegen tun. Wo diese „nur“ Produkte besprechen, bildet er in seinen Kolumnen Entwicklungen ab, beleuchtet die Strategien der großen Branchenvertreter und scheut sich nicht, seine Meinung klar zu äußern. Er konfrontiert uns schonungslos damit, dass wir trotz Slack und HipChat immer noch „Mails haben“ und beschreibt, wie sich der klassische PC langsam aber sicher neu erfindet. Tech-Journalismus ist für Mossberg mehr als nur die Bewertung von technischen Produkten: In ihm werden die Themen Lifestyle, Politik und Wirtschaft zu einer komplexen Einheit, die es zu durchdringen gilt. Der Journalist kratzt dabei nicht nur an der Oberfläche, sondern taucht tiefer in Themen ein. Doch Mossberg beschäftigt sich nicht nur mit bedeutenden Marken – er ist längst selbst zu einer geworden. Noch während ich die Zeilen seiner Rücktrittsankündigung las, kam mir eine entscheidende Frage in den Sinn: Wieso gibt es eigentlich keinen deutschen Walt Mossberg?

Clickbait, Spekulationen und SEO-Nachrichten

Beginnen möchte ich meine Ursachenforschung bei einem in den Google Suchergebnissen meist prominent vertretenden Angebot: Chip.de. Die Seite bezeichnet sich selbstbewusst als „Deutschlands Webseite Nr. 1 für Computer, Handy und Home Entertaiment“. Und das ist vor allem deswegen traurig, weil es stimmt. Mit ihren rund 75 Millionen monatlichen Aufrufen hat es Chip.de nicht nur auf Rang 25 der reichweitenstärksten deutschsprachigen Pages gebracht, sondern steht auch symbolisch für all das, was mich an der Art Tech-Journalismus stört, die heute so häufig zu finden ist. Schnelle Inhalte mit Titeln wie „Verstörendes Familien-Foto: Hier müssen Sie genau hinschauen“ vermengen sich dort mit Clickbait, Spekulationen und SEO-optimierten Nachrichten zu einer Maße, die vieles tut – außer den Leser wirklich zu informieren.

Viele der täglich dort erscheinenden Artikel sorgen – beabsichtigt oder nicht – sogar für das genaue Gegenteil. Wenn Chip in einem Beitrag die Spekulationen aufgreift, das (noch nicht erschienene) OnePlus 5 könnte mit doppelt so viel Arbeitsspeicher ausgestattet sein wie das (noch nicht erschienene) iPhone 8, werden damit unter Umständen Kaufentscheidungen beeinflusst. Ein unbedarfter Leser – genau diesen erreicht die Seite mit ihrem Fokus auf SEO-Optimierung – könnte leicht den Eindruck gewinnen, die Performance eines Smartphones ließe sich leicht an der Zahl ablesen, die in der Specs-Tabelle vor „GB RAM“ steht. Dass der Arbeitsspeicher allein wenig darüber aussagt, wie gut ein Smartphone im Alltag tatsächlich läuft, erfährt der Nutzer in dem Artikel nicht.

Bewusste Irreführung des Lesers

Selbstverständlich ist Chip.de nicht das einzige Angebot, das eine solche Strategie verfolgt. Auch bei teilweise deutlich kleineren Seiten lässt sich eine Entwicklung in Richtung immer kürzerer Nachrichtenschnipsel beobachten. Themen werden nicht mehr ausführlich behandelt, sondern in ein großes Puzzle aus 200-Wörter-Artikeln zerlegt, das der Leser am Ende selber zusammensetzen muss. Die reine Anzahl an Artikeln scheint den meisten Verantwortlichen heute wichtiger zu sein als ihr Mehrwert für den Leser. Auf einigen Seiten wird jener sogar durch als redaktionelle Beiträge getarnte Werbung gezielt in die Irre geführt.

Bereits Anfang 2016 skizzierte Carsten Dobschat in einem lesenswerten Artikel bei den „Mobile Geeks“ die Methoden, mit denen sein einstiger Arbeitgeber „MacNotes“ die Grenzen zwischen Werbung und Inhalt gezielt verschwimmen lässt. Schlecht geschriebene Werbetexte als unabhängige Tests zu verkaufen mag kurzfristig für schnelle Einnahmen sorgen. Langfristig vertreibt diese Strategie aber die Stammleser und zerstört das mühsam aufgebaute Vertrauen. Nicht erst die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass Vertrauen der Leserschaft für jedes journalistische Angebot ein ungeheuer wichtiges Gut ist.

Natürlich handelt es sich bei „MacNotes“ um einen Einzelfall, der keineswegs exemplarisch für eine ganze Branche stehen soll. Es gibt auch hierzulande vergleichsweise kleine Seiten, deren Autoren Zeit, Mühe und Herzblut in ihre Inhalte stecken. Ein Beispiel hierfür findet sich auf der „Apfelpage“. Unter dem Motto „Es ist nicht wichtig, wer deine Meinung teilt – Hauptsache du teilst sie“ veröffentlicht Journalist Matthias Petrat dort monatlich eine Kolumne.

Es gibt auch gute Inhalte

Petrat nimmt sich Zeit für seine Beiträge, die ebenso gut recherchiert wie ausführlich sind. Ähnlich wie Walt Mossberg bei „The Verge“ und „Recode“ lässt er in seine Artikel nicht nur seine Meinung einfließen, sondern beleuchtet auch Hintergründe und Entwicklungen – und zwar so umfangreich, dass er eine Kolumne rund um den Apple TV schon mal mit der Erfindung des Fernsehers im Jahr 1883 beginnen lässt. Im Kommentarbereich unter unter den Kolumnen – eine Zone, die man auf manch anderen Seiten besser meiden sollte – entwickeln sich meist interessante Diskussionen. Wenn ein Leser merkt, dass ein Inhalt nicht „zwischen Tagesschau und Wetterkarte“ produziert wurde, ist seine Wettschätzung ihm gegenüber meist deutlich höher angesiedelt – und das ist auch in den Kommentaren zu spüren.

Solche Beiträge, die einen Blick auf das „große Ganze“ werfen, anstatt eigentlich zusammenhängende Themen immer weiter zu zersplittern, sind für ein Angebot wie die „Apfelpage“ ungeheuer wichtig. Sie gehören zu den Inhalten, die darüber entscheiden, wie relevant eine Seite in der Gruppe der technikaffinen Leser tatsächlich ist. Relevanz lässt sich nämlich nicht mit der reinen Anzahl an Seitenaufrufen bemessen. Sie ergibt sich stattdessen vor allem aus der Bedeutung eines Beitrags für die angepeilte Zielgruppe. Chip.de mag zwar monatlich fast 80 Millionen Mal aufgerufen werden – unter den Geeks und Nerds genießt sie trotzdem keinen besonders guten Ruf. Denn diese Lesergruppe weiß, dass RAM nicht alles ist.