Was sind eigentlich Fake News?

„I bet you got it twisted, you don‘t know who to trust“ – Tupac in „All Eyez on Me“

„Fake News“. Kaum ein medialer Begriff wurde in den vergangenen Monaten so intensiv diskutiert. Facebook will ihnen auf der eigenen Plattform die Reichweite entziehen, deutsche Medien fürchten ihren Einfluss auf die Bundestagswahl im kommenden Herbst und Politiker schicken sich an, verstärkt gegen die Verbreitung falscher Meldungen vorgehen. Doch nicht nur die „Fake News“ selbst erfreuen sich gerade großer Aufmerksamkeit – auch Maßnahmen gegen diese können aktuell auf eine Leserschaft hoffen.

Während sich Seiten wie das österreichische Angeot „Mimikarma“ eher um die kleineren Fakes kümmert, die auf Facebook die Runde machen, analysiert die Tagesschau in ihren „Faktenfinder“ schon einmal größere Themen wie das vermeintliche Bekennerschreiben aus der linksextremistischen Szene, das nach dem Anschlag auf den Teambus von Borussia Dortmund im Internet aufgetaucht war (und allem Anschein nach eine Fälschung ist). Trotz seiner medialer Dauerpräsenz ist der Begriff „Fake News“ bisher erstaunlich schwammig definiert. In ihm Mischen sich Falschmeldungen, Satire, Werbung und sogar faktisch richtige Artikel so lange zu einer Masse, bis keiner mehr so richtig durchblickt.

Von Serien-Comebacks und Falschmeldungen

Ende 2013 vermeldeten deutsche Online-Medien die Sensation. Neun Jahre nach der letzten Staffel habe der amerikanische TV-Sender NBC ein Comeback der Serie „Friends“ offiziell bestätigt. Bild.de, Focus Online, Stern.de und sogar N24 – fast alle großen Nachrichtenseiten mit einem nicht allzu kleinen Boulevard-Anteil griffen die Meldung auf. Schließlich versprach ein Artikel über eine Rückkehr der noch immer beliebten Serie reichlich Klicks. Auch der Journalist und Blogger Richard Gutjahr las die Comeback-Meldungen – und wurde sogleich stutzig: Warum stammten die aktuellsten Artikel über die „Friends“-Rückkehr ausgerechnet von deutschen Medien und nicht von den amerikanischen Kollegen, die Geschichten solcher Art normalerweise zuerst aufgreifen?

Also machte sich Gutjahr an die Recherche. Es dauerte nicht lange, bis er die Onlinepräsenz der Bild als ursprüngliche Quelle ausgemacht hatte. Das Springer-Medium hatte die Meldung als erstes aufgegriffen, alle anderen hatten den Bild-Artikel als Grundlage für ihre eigenen Beiträge genutzt. Die Quelle, auf die sich die Bild stützte, stammte allerdings aus dem Jahr April 2013. Warum also griff die Seite die in der Zwischenzeit längst dementierte Nachricht im Dezember noch einmal auf?

Gutjahr liefert in seinem Blogbeitrag auch dafür eine Erklärung. Der Artikel trägt nach der amerikanischen Schreibweise das Datum 2013-4-12 – er wurde also am 12. April 2013 online gestellt. Ein Bild-Redakteur, so Gutjahrs These, habe das Datum als 4. Dezember 2013 fehlinterpretiert und die Meldung somit als „frisch“ eingestuft. Da sich weder bei der Bild, noch bei den anderen Medien jemand die Mühe machte, die Fakten zu überprüfen, verbreitete sich die Nachricht von der „Friends“-Rückkehr rasant weiter.

Dabei hätte schon eine kurze Recherche ausgereicht, um die Gerüchte als haltlos zu enttarnen. NBC, das in den Meldungen immer als angebliche Quelle der Bestätigung genannt worden war, hatte die Gerüchte schon im April 2013 dementiert. Auch alle sechs Hauptdarsteller der Serie erteilten einem Comeback im Laufe des Jahres eine Absage. Und schließlich hatte Schauspieler Matthew Perry rund ein Jahr vor der Bild-Meldung auf Twitter verlautbaren lassen, dass es auch zu Thanksgiving 2014 keine Neuauflage der Serie geben würde.

Solche Meldungen sind natürlich falsch und damit für Leser und Journalisten gleichermaßen ärgerlich – in die Kategorie „Fake News“ fallen sie deswegen aber nicht. Hinter ihnen stecken Fehler, die durch unsorgfältige Recherche, fehlende Zeit und die Motivation begünstigt werden, eine Meldung als Erster zu bringen. Der zugegeben etwas abgedroschene Spruch „Jeder macht Fehler, aber bei Journalisten stehen sie gleich in der Zeitung“ passt hier sogar noch besser als bei dem Medium, auf das er sich ursprünglich bezog. In einigen Online-Redaktionen sorgt die ständige Jagd nach Klicks heute für einen enormen Druck, der Fehler jeder Art begünstigt. Aber auch fehlerhafte Originalquellen oder Banales wie Übersetzungsfehler können dafür sorgen, dass eine Falschmeldung verbreitet wird. Irren ist menschlich – es muss nicht immer eine böse Absicht dahinter stecken.

Satire: Falsche Nachrichten – Aber keine „Fake News“

Ähnlich verhält es sich mit der Satire. Auch in diesem Fall sind alle Meldungen falsch – und im Gegensatz zu den klassischen „Enten“ ist dies den Urhebern sogar von Beginn an bewusst. „Fake News“ sind die trotzdem nicht. Schließlich verfolgen die meisten Angebote gar nicht das Ziel, die Wahrheit zu verbreiten. Den Machern geht es in den meisten Fällen viel mehr darum, bewusst falsche, überspitzt formulierte und humorige News zu veröffentlichen. Sie sollen in erster Linie unterhalten, aber auch Kritik anbringen oder auf Misstände aufmerksam machen.

Wenn der „Postillion“ schreibt, dass auch am Karfreitag getanzt werden dürfe, so lange man dabei traurig aussehe, soll dies durch seine Absurdität nicht nur für Lacher sorgen, sondern kann auch als Meinungsäußerung verstanden werden. Trotzdem wandelt Satire immer auf einem schmalen Grad: Wird eine Geschichte zu unglaubwürdig, verliert sie schnell ihre Wirkung. Die angesprochene Karfreitags-Regelung wirkt zwar absurd, könnte aber trotzdem morgen eingeführt werden. Obwohl der „Postillion“ immer wieder Reaktionen von Nutzern postet, die eine satirische Meldung für wahr halten, weiß ein Großteil der Leser, was hinter der Seite steckt: Eine Satireseite ist keine seriöse Nachrichtenquelle, sondern ein Unterhaltungsangebot, dass höchstens indirekt eine Botschaft transportiert.

Auch die Werbung nutzt falsche Nachrichten

Auch „Fake News“ sind bewusst falsche Nachrichten, hinter denen allerdings eine andere Intention steckt. Nicht selten ist diese Geld. Vor allem der Teil der Werbebrache, dem ohnehin schon der Ruf vorauseilt, wenig seriös zu sein, bedient sich gerne an falschen Nachrichtenseiten, um für Diätmittel, Faltencreme oder Glücksspielseiten zu werden. Häufig gleicht sich diese Form der Werbung nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich. Anzeigen rund um Personen, die mit einem vermeintlichen Trick unglaublich reich geworden sind, iPhones für 17 Euro gekauft haben oder wegen eines Diätprodukts nun von Ärzten gehasst werden, hat vermutlich jeder Internet-Nutzer schon einmal zu Gesicht bekommen. Lange Zeit tauchte Werbung dieser Art vor allem auf kleineren Seiten auf, die entweder Schwierigkeiten hatten, andere Werbepartner zu finden oder selbst in einer rechtlichen Grauzone operierten. Doch in letzter Zeit scheinen diese Anzeigen auch vermehrt auf größeren Seiten aufzutauchen.

Das Portal „Testbericht.de“ durchsuchte im vergangenen Herbst 100 große deutschsprachige Nachrichtenportale – und fand auf 72 von ihnen Anzeigen für falsche Nachrichtenseiten. Dass solche Werbung auch auf eigentliche seriösen Seiten auftaucht, liegt vor allem an der Zersplitterung des Werbemarktes. Seiteninhaber übertragen die Aufgabe, passende Werbekunden für ihr Portal zu finden, häufig auf einen externen Vermarkter. Dieser bedient sich wiederum meist bei einem Werbenetzwerk, welches über ein Pool aus Anzeigen und Werbekunden verfügt, und integriert dieses auf der eigentlichen Nachrichtenseite. Über dieses gelingt es den unseriösen Anbietern, ihre Anzeigen auch auf großen Nachrichtenportalen auftauchen zu lassen.

Das gefällt selbstverständlich weder Vermarktern noch Seiteninhabern. Doch ihre Versuche, gegen diese Art der Werbung vorzugehen, sind nur selten von langfristigem Erfolg gekrönt. „Wir bzw. unser Vermarkter treiben einen nicht geringen Aufwand, solche Werbekunden (…) rechtzeitig und schnell auf die Blacklist zu setzen um damit zu verhindern, dass eine Anzeigenschaltung gelingt“, zitiert „Testberichte.de“ Johannes Vogel, Geschäftsführer der Süddeutsche Zeitung digitale Medien GmbH, „Dies ist jedoch ein Katz- und Mausspiel und lässt sich nicht immer zu 100 % vermeiden.“ Bis Vermarkter und Seiteninhaber eine effektive Methode gefunden haben, gegen „Fake News“ als Werbung vorzugehen, werden vermutlich noch viele Familienväter von Ärzten gehasst werden.

Warum glauben wir „Fake News“?

Die „Fake News“, die Politiker und Medien gleichermaßen in Sorge versetzen, tauchen allerdings nicht in Form schlecht geschriebener Werbetexte auf. Sie sehen vielmehr die bewusst falschen Nachrichten als Gefahr, die eine politische Beeinflussung der Leserschaft zum Ziel haben. Personen oder Sachverhalten werden darin in ein besonders gutes – beziehungsweise schlechtes – Licht gerückt, um die eigene Position auf- oder die des Gegners abzuwerten. Gleich zwei der „Fake News“, die 2016 auf Facebook die höchsten Interaktionsraten erzielen konnten, wurden im US-Wahlkampf veröffentlicht. Während sich der Papst auf die Seite von Donald Trump schlug, rieten die Terroristen von ISIS den in den USA lebenden Muslimen dazu, Hillary Clinton zu wählen. Beide Meldungen sind selbstverständlich erfunden – und wurden trotzdem hunderttausendfach auf der Plattform geteilt.

Bleibt die Frage, warum „Fake News“ überhaupt einen Effekt erzielen. Ein Teil der Antwort könnte das Phänomen des Konformitätsdrucks (quasi das wissenschaftliche Wort für Gruppenzwang) liefern. Verschiedene Studien zeigen, dass sich Menschen in einer sozialen Gruppe häufig einer Mehrheitsmeinung anschließen – selbst dann, wenn sie diese eigentlich für falsch halten. Mit steigender Große der Gruppe sinkt die Anzahl der Personen, die der Gruppenmeinung widersprechen, tendenziell immer weiter ab. Wenn nun also „Fake News“ veröffentlicht und auf Sozialen Netzwerken mit entsprechenden Kommentaren geteilt werden, entsteht der Eindruck, diese würden die Meinung einer Mehrheit abbilden.

Klickt sich ein normaler Nutzer durch die Trends auf Twitter, könnten ihn massenhaft geteilte „Fake News“ kombiniert mit entsprechenden Meinungsäußerungen davon abbringen, seine eigene Ansicht zu äußern. Ob eine Nachricht dabei von Bots oder realen Personen verbreitet wird, spielt im ersten Schritt keine große Rolle. Es entsteht ein ähnlicher Effekt wie derjenige, den Elisabeth Noelle-Neumann in ihrem Werk „Die Schweigespirale“ schon Anfang der 80er-Jahre beschrieb: Menschen, die soziale Isolation fürchten, halten sich zurück, wenn ihre Ansicht nicht der vermeintlich vorherrschenden Meinung entspricht. „Fake News“ können so dazu beitragen, gesellschaftliche Meinungen zu beeinflussen.

Hinzu kommt, dass Wiederholungen dazu beitragen können, einen Sachverhalt glaubwürdiger erscheinen zu lassen. Lisa Fazio von der Vanderbilt Universität gelang es, dieses Phänomen in einer Studie nachzuweisen. Sie konfrontierte ihre Testpersonen, die allesamt wussten, dass der Pazifik der größte Ozean der Welt ist, immer wieder mit Material, dass den Atlantik als eben diesen auswies. Durch diese Vorgehensweise gelang es tatsächlich, mehr Leute von dieser falschen Tatsache zu überzeugen. Die Wahrheit konnte durch diese Methode trotzdem nicht überschrieben werden. Ob eine Behauptung als richtig oder falsch angesehen wurde, hing nämlich größtenteils davon ab, ob sie tatsächlich stimmte. Und das ist doch irgendwie beruhigend.