Technische Produkte sind Lifestyle-Produkte – und müssen auch so aussehen

Vor zwanzig Jahren waren PCs und ihre Bildschirme große vergilbte Kästen, heute sind es nicht nur im oberen Preissegment hochwertige Produkte, die ihr Design nicht zu verstecken brauchen. Nicht nur in der Unterhaltungselektronik, sondern auch bei den Arbeitsmaschinen scheint das Design inzwischen zu einem Feature geworden zu sein. Und das ist keine schlechte Entwicklung.

Mit technischen Spezifikationen verhält es sich ähnlich wie mit Schiedsrichtern im Sport: Die meisten merken erst dann etwas von ihnen, wenn sie keine Leistung bringen. Wer sich nicht gerade professionell mit Videoschnitt beschäftigt oder auf seinem Gerät die neusten Spiele zockt, wird im Alltag kaum bemerken, wie leistungsstark die Prozessoren in seinem Smartphone sind, ob im neuen Laptop nun 16 oder 32 Gigabyte an RAM stecken oder wie schnell die Festplatte im Desktop-PC ist. Erst wenn selbst Menüs am Smartphone nur noch zäh laufen, der Laptop bei vielen offenen Tabs im Browser an seine Grenzen gerät und der PC eine gefühlte Ewigkeit zum Hochfahren braucht, machen sich die Innereien eines technischen Geräts tatsächlich bemerkbar. Im Optimalfall merkt man wenig von ihnen. Sie sind einfach da und verrichten klaglos ihre Arbeit.

Design und Verarbeitung sind immer präsent

Was dem Nutzer hingegen immer präsent bleibt, sind Design und Verarbeitung eines Geräts. Tastatur und Trackpad können je nach Verarbeitung einen durchschnittlichen Laptop hochwertig erscheinen lassen – oder einen hochwertigen Laptop durchschnittlich. Sie sind die einzigen Komponenten, mit denen der Käufer in der alltäglichen Nutzung tatsächlich in Berührung kommt, was sie zu ungeheuer wichtigen Bestandteilen eines jeden Laptops macht. Dies haben in den letzten Jahren glücklicherweise immer mehr Hersteller erkannt. Das HP Spectre oder die XPS-Reihe von Dell bieten nicht nur leistungsstarke Komponenten, sondern auch hochwertige Materialien und eine gute Verarbeitungsqualiät.

Man muss nur einen Blick auf die Produktseite des Spectre werfen, um diese neue Herangehensweise zu sehen. Im ersten Absatz der Beschreibung hebt HP die „verführerisch flache Form“ hervor, spricht von „ausgezeichneter Verarbeitung“ und einem „atemberaubend flachen Design“, das den Spectre zu einem „luxoriösen Notebook“ machen würden. Dass der Laptop je nach Ausstattung mit einem i5 beziehungsweise i7 ausgestattet ausgeliefert wird, ist hier lediglich eine Randnotiz. Es folgen vier Bilder, die das außergewöhnliche Design illustrieren sollen, ein Absatz darüber, wie dünn und leicht das Gerät ist und ein Abschnitt, der die „meisterhafte Fertigung“ aus Kohlefaser und Aluminium unterstreicht. Tastatur, Trackpad und selbst das Kolbenscharnier, das von „High-End Möbeldesign“ inspiriert sei, werden auf der Produktseite ebenfalls prominent platziert. Um das erste Mal ausführlicher über die technischen Daten informiert zu werden, muss der Nutzer die Seite erst einmal bis zur Hälfte durchscrollen. HP scheint eine Zielgruppe erreichen zu wollen, die sich weniger für die technischen Details und mehr für das Design eines Produkts interessiert.

Design wird wichtiger

Dies verdeutlicht, welch hohe Priorität das Äußere bei vielen Herstellern inzwischen genießt. PCs, Laptops, Smartphones oder Fernseher sind längst keine reinen Gebrauchsgegenstände mehr: Sie sind Lifestyle-Produkte, die gut aussehen und eine Botschaft transportieren müssen. Apple gelang es über die Jahre beispielsweise immer wieder erfolgreich, sich als Hersteller von hochwertigen Arbeitsgeräten für Kreative im Markt zu positionieren. Wie kaum einer anderen Firma gelang es Apple, eine junge und individualistische Zielgruppe anzusprechen, die auch nicht davor zurückschreckte, für das „i“ im Produktnamen tiefer in die Tasche zu greifen.

Macs und iPhones waren für diese Kunden nicht bloß Computer oder Telefone, sondern fast schon Ausdruck ihrer Persönlichkeit. Versuchte sich Apple an Produkten, die dieser Masche nicht entsprachen, wurden diese meist zu Misserfolgen. Das iPhone 5c war seiner Zeit zwar immer noch teurer als ein Großteil der Mitbewerber, wirkte mit seiner bunten Rückseite aus Plastik gegenüber dem zeitgleich erschienenen iPhone 5s aber trotzdem „billig“. Natürlich ist Apple nicht die einzige Firma, die ihr Produkt erfolgreich mit einem positiven Image verknüpfte: Träger von Nike-Klamotten sind sportlich, Fahrer von Audis sind wohlhabend, Konsumenten von Red Bull sind abenteuerlustig – die Liste ließe sich noch länger fortsetzen.

Die 90er-Jahre: Funktionalität über Aussehen

Eine Intention, technische Produkte mit einem positiven Image zu verbinden, schien in den 90er Jahren verloren gegangen zu sein. Damals waren PCs riesige, eckige Kästen, die zu allem Überfluss auch noch dazu neigten, mit der Zeit zu vergilben. Und dafür mussten sie nicht einmal in einem Raucherhaushalt stehen: Der Effekt setzte irgendwann auch ohne Mithilfe des Besitzers ein. Mit Ausnahme des Bildschirms, der bei vielen Röhrenmonitoren tatsächlich aus Glas bestand, dominierte Plastik Gehäuse, Tastatur und Maus. Anstatt zum kreativen und produktiven Arbeiten anzuregen, versprühten diese den Charme eines Plattenbaus aus der Nachkriegszeit.

Auch das Betriebssystem konnte das Aussehen der Hülle nicht kompensieren – es machte den Gesamteindruck je nach Ausführung manchmal sogar noch schlimmer. Kaum einer mit einem gewissen Maß an Restgeschmack hätte sich ein solches, nach Arbeit aussehendes Monstrum freiwillig in einen Raum wie das Wohnzimmer gestellt. Die Funktionalität stand hier eindeutig über dem Design. Ein PC sollte vor allem seine Arbeit verrichten und musste damit nicht unbedingt gut aussehen.

Ein solches Gerät könnte man nach heutigen Standards unmöglich an den Käufer bringen – egal, wie gut seine technischen Spezifikationen auch sein mögen. Ähnlich wie das Sofa oder der Schreibtisch sind PCs und Laptops inzwischen zu Einrichtungsgegenständen geworden, die sich in die Gestaltung des Wohnraums einfügen müssen. Dies gilt nicht nur für Unterhaltungselektronik wie Fernseher oder Spielekonsolen, sondern auch für diejenige Technik, mit der täglich gearbeitet wird. Laptops, Bildschirme, Tastaturen und Mäuse sind Teil des Setups, das für viele Nutzer heute mehr bieten muss als reine Funktionalität. In einem modernen Home Office geht es es längst auch darum, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, die ein produktives Arbeiten unterstützt. Denn das Design bemerkt man immer.


Beitragsbild: Damian Zaleski

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