Ein Blick auf Microsoft’s To-Do: Nicht mehr als eine Beta

Als Microsoft die App To-Do vor ein paar Tagen vorstellte, dürften nicht wenige Nutzer ein Deja-Vu gehabt haben. Wie die Wunderlist kommt auch To-Do aus den Büros der 6Wunderkinder und versucht mit einiger Aufmerksamkeit der Medien, in einem schwierigen Markt Fuß zu fassen. Und wieder gilt es, teilweise jahrelangen Vorsprung der Konkurrenz innerhalb kurzer Zeit aufzuholen. Also alles so wie bei der Veröffentlichung von Wunderlist 2010, nur dass die Protagonisten inzwischen andere Namen tragen.

Statt Producteev (bereits seit 2014 ohne Update) oder Remeber the Milk heißt der Gegner nun vornehmlich Todoist. Mit einer Mischung aus einfachem Design und umfangreichen Funktionen gelang es der App in den letzten Jahren, sich eine beeindruckend große Nutzerschaft aufzubauen. Dass die App des unabhängigen Entwicklers Doist der Hauptgegner ist, versucht Microsoft gar nicht erst zu verbergen. To-Do bietet nicht nur Wunderlist-, sondern Todoist-Nutzern die Möglichkeit, ihre bereits bestehenden Aufgaben zu importieren.

Der Kampf gegen Todoist?

Ein Überblick über To-Do.

Schon die Anmeldung bei To-Do zeigt, warum Microsoft diesen Vorstoß auf den Taskmanager-Olymp nicht mit Wunderlist versucht. Dort kann man sich nach wie vor mit einem Google- oder Wunderlist-Konto anmelden – ein Relikt aus Tagen, in denen die App als unabhängiges Angebot auf dem Markt agierte. To-Do ist nun ein Bestandteil von Office 365 und bietet außer dem hauseigenen Microsoft-Konto keine weitere Anmeldemöglichkeit. So ist der Nutzer gezwungen, sich ein Stückchen mehr an das Microsoft-Ökosystem zu binden. Und eine von Grund auf neu entwickelte App kann einfacher in das Microsoft-System eingebunden werden als eine bereits Bestehende.

Offenbar fürchteten die Entwickler, ein zwingendes Microsoft-Konto für die Wunderlist hätte unter den Nutzern einen Sturm der Entrüstung ausgelöst und diese zum Massenhafte Abwandern bewegt. Durch die neue App kommen nur diejenigen mit, die ohnehin bereit sind, einen Schritt tiefer in das Microsoft-Ökosystem einzutauchen. Zudem schafft die App schafft nur dort den Sprung auf andere Plattformen, wo Microsoft gegen die Konkurrenz keine Chance hat: Bei den Smartphones. Für iOS und Android ist eine native App verfügbar; Mac-Nutzern bleibt nur der Umweg über den Web-Client.

Wunderlist wird in die Rente geschickt

To-Do passt zum Selbstverständnis der Redmonder, vom Betriebssystem bis zur Notiz-App alles aus einer Hand anbieten zu können – da passt eine To-Do-Liste perfekt ins Portfolio. Sogar der Name passt zur Strategie. Er ist zwar ungefähr so kreativ wie der Titel „Word“ für ein Schreibprogramm, bedient sich aber eines allgemeinen und weit verbreiteten Begriffs. Er beschreibt nicht nur perfekt, was die App leisten kann, sondern bring ihr auch ganz neben bei gute Platzierungen in den Suchergebnissen ein. Sucht man im AppStore nach wenig spezifischen Begriffen wie „to do list“, erscheint die App unter den ersten drei Ergebnissen.

Mit der endgültigen Veröffentlichung von To-Do tritt dann das ein, was viele schon nach der Übernahme im Jahr 2015 befürchtet hatten: Die Marke Wunderlist wird aus dem Portfolio des Software-Riesen verschwinden. Dass der neue Besitzer seiner Errngenschaft überhaupt eine mehr als zwei Jahre lange Übergangszeit erlaubte und sie nicht sofort einstellte, hängt sicher auch mit den Millionen Nutzern zusammen. Sie waren der Hauptgrund für die millionenschwere Übernahme und sollten nicht durch eine zu schnelle Integration in bereits bestehende Microsoft-Produkte abgeschreckt werden.

Erkennbare Parallelen zum Vorgänger

Optisch ähneln sich Wunderlist und To-Do.

Microsoft schien seine neuen Nutzer langsam an die Vorzüge der Office-Integration heranführen zu wollen, um ihnen dann bei der Nachfolge-Software keine Wahl mehr zu lassen. Sollte ein signifikanter Teil dieser Nutzer durch To-Do tatsächlich zum Schritt in die Microsoft-Welt bwegt werden, könnte die teure Übernahme schon als Erfolg gewertet werden.

Fans der Wunderlist bleibt immerhin noch das Design. Optisch ähneln sich die beiden Apps unverkennbar – einige Elemente sind sogar eins zu eins vom Vorgänger übernommen worden. Eine Übersicht über die Listen findet sich nach wie vor auf der linken Seite, während circa Dreiviertel des verfügbaren Platzes von wechselnden Detailansichten eingenommen wird.

Wie nahezu alle Microsoft-Programme ist auch To-Do im typischen Windows-10-Stil gehalten. Die großen weißen Flächen, die das Gesamtbild bestimmen, werden lediglich von den recht sparsam eingesetzten farbigen Akzenten unterbrochen; Icons sind schick und zurückhaltend designt. Jede Liste ist mit einem Banner versehen, dessen Motiv und Farbe angepasst werden können. Insgesamt also ein zurückhaltendes Design, das der Funktionalität nicht im Weg steht. To-Do sieht so aus, wie man sich eine Kreuzung aus der Wunderlist und der Microsoft-Designphilosophie vorstellen würde: Schick, aber irgendwie nicht sonderlich spannend.

Die Feature-Armut

In Sachen Funktionsumfang wirkt To-Do noch wie eine abgespeckte Lite-Version ihres Vorgängers. Standard-Funktionen und interessante Ansätze sind schon vorhanden, einige wichtige Features fehlen. Wie bei nahezu jedem modernen Taskmanager bilden Listen auch bei To-Do das zentrale Element. Sie sind der einzige Ort, an dem Aufgaben abgelegt und weiter bearbeitet werden können. Eine Inbox ist in der aktuellen Version nämlich ebenso wenig vorhanden wie eine Übersicht über die kommenden Tage und die Möglichkeit, Listen mehrstufig zu organisieren – alles Features, die Wunderlist teilweise schon seit Jahren bot.

Für Menschen, die sich streng nach David Allens „Getting things done“ organisieren oder ihre großen Listen gerne in viele kleinere unteilen, kommt Microsofts neue App bereits an diesem Punkt an ihre Grenzen. To-Do ist auf eine Organisation mit wenigen, allgemein gehaltenen Listen ausgelegt. Weicht man von dieser Norm ab, wird es schnell unübersichtlich.

Auch bei den Aufgaben serviert Wunderlist nicht viel mehr als Standardkost. Ein Eintrag kann selbstverständlich mit Datum, Erinnerung und Notizen versehen und zudem als regelmäßig wiederkehrend definiert werden. Doch schon an diesem Punkt endet die relativ kurze Feature-Liste, die To-Do im Konkurrenzkampf mit Todoist sicher nicht hilft.

Die Konkurrenz bietet mehr

Der Umgang mit Unteraufgaben gehört in meinen Augen zu den großen Stärken von Todoist. Ein normaler Eintrag lässt sich durch simples Einrücken einfach als Unteraufgabe definiert werden, verliert dabei allerdings keinerlei Funktion. Fälligkeitsdatum oder Priorität bleiben von der übergeordneten Aufgabe unabhängig. Die Organisation von größeren Projekten mit Arbeitsschritten wird so enorm vereinfacht.

To-Do lässt Unteraufgaben hingegen gleich komplett weg. Da auch Tags und Labels fehlen, um Aufgaben als zusammengehörig zu kennzeichnen, ist die App für komplexere Projekte fast komplett ungeeignet. Natürlich können für größere Aufgaben wie das Verfassen einer Hausarbeit eigene Listen angelegt werden, worunter wiederum die Übersichtlichkeit auf der Ebene der Listen leidet.

Fokus auf intelligente Funktionen

„Mein Tag“ bringt intelligente Funktionen in die To-Do-Liste.

Da hilft es auch wenig, dass der Fokus der Entwickler auf „intelligenten Funktionen“ lag, die vor allem in der „Mein Tag“-Funktion zu finden sind. Ein Tippen auf das Glühbirnensymbol bringt „intelligent priorisierte“ Vorschläge zum Vorschein, die sich zur „Mein Tag“-Ansicht manuell hinzufügen lassen. Hinter dem gut klingenden Marketing-Wort verbirgt sich allerdings nicht viel mehr als eine Liste der überfälligen oder bald fälligen Aufgaben. To-Do will den Nutzer dazu anregen, jeden Morgen zu überlegen, was tatsächlich getan werden muss.

In der Praxis mag diese Idee ganz gut klingen, in der Praxis bedeutet sie jedoch einen Arbeitsschritt mehr: Überfällige Aufgaben, die in anderen Apps automatisch in einer Heute-Ansicht erscheinen, müssen manuell hinzugefügt werden. Erstellt man eine Aufgabe und versieht sie mit dem Datum des heutigen Tages, erscheinen sie ebenfalls erst dann in der „Mein Tag“-Ansicht, wenn sie von Hand hinzugefügt werden. Das ist nicht nur wenig intuitiv, sondern kann in entscheidenden Momenten auch für Verwirrung sorgen. Selbst bei sich täglich wiederholenden Terminen überspringt To-Do aus einem nicht ersichtlichen Grund schon mal einen Tag.

Fazit: Potential, aber gerade nicht wirklich zu gebrauchen

All diese kleineren Unstimmigkeiten trüben de Gesamteindruck der App aktuell noch deutlich. Gelingt es dem Entwickler, diese zu lösen und um einige wichtige Features zu erweitern, könnte To-Do tatsächlich zu einem bedeutenden Mitbewerber auf dem Markt der Taskmanger werden. Bis dahin ist die App vor allem für Nutzer mit höheren Ansprüchen wenig brauchbar. Es gibt keine mehrstufige Projektstruktur, keine Unteraufgaben, keine Tags und Labels, kein Teilen von Aufgaben – wer einen komplexen Workflow umsetzen oder mit Kollegen zusammenarbeiten will, wird mit To-Do aktuell nicht weit kommen. Hinzu kommen Probleme mit der Syncronisation, die in der Windows-App hin und wieder einen Großteil der Aufgaben verschwinden lässt. Zwar lässt sich dieses Problem durch ab- und wieder anmelden in der App lösen – ärgerlich ist es trotzdem. Für eine App, die unter Syncronisationsproblemen leidet, ohne erkennbaren Grund Aufgaben überspringt und zusätzliche manuelle Arbeitsschritte erforderlich macht, kann aktuell schlichtweg keine Empfehlung ausgesprochen werden. Auch wenn Potential vorhanden ist.

To-Do befindet sich eben in einer Preview-Version. Und das merkt man der App auch an.