Leben und Tod der Castingshows

Am 20. April 2017 feierte das Format der Castingshow seinen 18. Geburtstag. Obwohl es sich manchmal so anfühlt, als würden Sendungen dieser Art bereits seit Anbeginn der Fernsehgeschichte gesendet, sind diese doch ein relativ junges Format. Nicht einmal zwei Jahrzehnte laufen Castingsendungen im Fernsehen – lächerlich wenig verglichen mit Urgesteinen wie Quizshows oder gar Nachrichtenformaten. Und trotzdem scheint es so, als seien die Hochzeiten der medialen Talentsuche lange vorbei. Zeit, einen Blick auf das Leben und Sterben der Castingshows zu werfen.Jonathan Dowling ist außerhalb seines Heimatlandes Neuseeland wohl kaum jemandem ein Begriff. Dabei ist er es, dem die Fernsehzuschauer die nie enden wollende Jagd nach frischen Fernsehgesichtern zu verdanken haben. Der Fernsehproduzent nahm sich Brain Epstein, Malcom McLaren und Simon Fuller – Manager der Beatles, Sex Pistols und Spice Girls – zum Vorbild, zog Lehren aus ihrer Vorgehensweise und setzte seine Erkenntnisse in eine Show um. Popstars war geboren und Fernsehstationen rund um den Globus um ein in Dauerschleife gesendetes Format reicher.

Offensiver Umgang mit dem Thema Talentsuche

Mit dem Ziel, eine möglichst massentaugliche Girl Band zu schaffen, ließ Dowling von einer Jury aus über 500 Kandidaten Fünf auswählen, die zusammen die heute längst vergessene band TrueBliss bildeten. Dowling bediente sich einer Praxis, die hinter den Kulissen bereits fast ein Jahrzehnt zuvor erstmals erfolgreich erprobt worden war: Dem künstlichen Zusammenstellen von Bands.

Doch während die Castingbands der frühen Neunziger ihre Entstehungsgeschichte häufig zu verschweigen versuchten, ging Popstars offensiv mit dem Thema Talentsuche um. Die Show machte den Prozess, der zuvor hinter den verschlossenen Türen der Musikmanager stattgefunden hatte, nicht nur öffentlich – sie blies ihn gleich zu einer neunwöchigen Show auf. Anders als im Fall von Take That und Co. sollte aus der Show nicht in erster Linie eine langfristig kommerziell erfolgreiche Band entstehen. Stattdessen wurde die Entstehungsgeschichte zelebriert und zum nationalen Medienevent erhoben.

Ein simpler Kniff

Im Jahr 2000 adaptierte RTL II das Format und wurde so zum ersten deutschsprachigen Sender, der eine Castingshow ausstrahlte. Trotz guter Quoten des neuseeländischen Originals zweifelten die großen Sender offenbar noch am langfristigen Erfolg des Formats. Das sollte sich ein Jahr später ändern. Ausgerechnet Simon Fuller, an dessen Vorgehensweise sich Dowling bei der Konzeption seiner Sendung orientiert hatte, formte die Castingshow durch einen simplen Kniff zu dem, was sie noch heute ist.

Fuller degradierte die Jury zum Beobachter, ließ das Publikum selber per Telefonvoting über den Sieger bestimmen und nannte die Show Pop Idol. Sie wurde zum Vorbild für „Deutschland sucht den Superstar“, das bereits seit 2002 auf RTL läuft und das Original damit bei weitem überlebte. Pop Idol wurde bereits 2004 eingestellt, nachdem Juror Simon Cowell die Sendung medienwirksam verlassen hatte, um mit X Factor das gleiche unter anderem Namen weiterzuproduzieren.

Ein etabliertes Konzept

Als VOX Cowells Show 2010 nach Deutschland brachte und getreu des Vorbilds fleißig Sänger suchte, hatte dieser seine Talentwettbewerbe mit Britain‘s Got Talent bereits auf Begabungen aller Art ausgeweitet. Wie bei DSDS vertraute RTL auch bei der deutschen Umsetzung Das Supertalent Dieter Bohlen den Vorsitz der Jury an. In Großbritannien hatte Cowells X Factor Fullers Pop Idol schnell verdrängt – im deutschen Fernsehen liefen die Formate der beiden Konkurrenten in einer Sendegruppe fröhlich nebeneinander.

Am grundlegenden Konzept einer Castingshow hat sich seit Pop Idol wenig geändert. Nach wie vor kann sich vom Schüler bis zum Beamten jeder bewerben – vorausgesetzt, er hat die in einigen Shows sehr niedrig angesetzte Altersgrenze überschritten. Vor Beginn der eigentlichen Aufzeichnung bestimmt ein Vorcasting, welche Kandidaten auf die Jury losgelassen und damit im Fernsehen gezeigt werden. Diese sind meistens entweder besonders fernsehtauglich oder tatsächlich talentiert – langweiliges Mittelmaß will schließlich niemand sehen. Die Jury bestimmt, wer sich im Recall beweisen und in die Liveshows einziehen darf, wo die Entscheidungsgewalt über Sieg und Niederlage in die Hände der Zuschauer gelegt wird. In diesem Schema lässt sich – natürlich mit kleinen Abweichungen – so gut wie alles casten. Sänger, Tänzer, Schauspieler, Artisten, Models oder Fußballer für ein Benifizspiel gegen den FC Bayern München; Es gibt nichts, was im Fernsehen nicht schon einmal gesucht wurde.

Warum waren diese Shows erfolgreich?

Doch warum liefen Castingshows über viele Jahre so erfolgreich? Wieso bewarben sich jedes Jahr Zehntausende? Und was brachte Millionen Menschen dazu, jede Staffel aufs neue einzuschalten? Lange Zeit verfügten die Castingshows der Privatsender quasi über das Monopol, den Normalbürger zu Prominenz zu verhelfen. Die vom Sender versprochene Karriere, innerhalb eines halben Jahres vom Nobody zum Superstar aufzusteigen, bewegte nicht wenige vor allem junge Menschen zur Anmeldung.

Musste man vorher hoffen, zufällig entdeckt zu werden oder sich durch jahrelange harte Arbeit langsam ein Publikum aufbauen, lockten Shows wie DSDS nun mit einer Aussicht auf schnellen Ruhm. Schon während der Liveshows gelang es den Sendern und der Boulevardpresse, die Kandidaten als Stars zu präsentieren – inklusive Autogrammstunden, Postern in Jugendmagazinen und Homestorys. Obwohl schnell klar wurde, dass dieser Ruhm nur von kurzer Dauer ist, verlor diese Aussicht lange Zeit nichts von ihrer Anziehungskraft.

Aufstiegsgeschichten und soapartige Elemente

Aus Sicht der Zuschauer speiste sich die Faszination vor allem aus zwei Faktoren: Den Aufstiegsgeschichten der Kandidaten und den soapartigen Elementen der Sendung. Kandidaten, deren traurige Hintergrundgeschichte möglichst tränenreich verwertet werden konnte, wurden von den Machern mit Kusshand genommen. Dabei war es völlig unerheblich, dass der Tod eines Verwandten oder die eigene unheilbare Krankheit mit dem gesuchten Talent rein gar nichts zu tun hatten. Je emotionaler sich ein Einspielfilm gestalten ließ, desto besser.

Zudem gelang es den zuständigen Sender recht gut, ständige Konflikte zwischen den Kandidaten heraufzubeschwören. Dabei bedienten sie sich eines alten Fernsehtricks. Wenn man Kandidaten mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten auf engstem Raum zusammenbringt, wird das gemeinsame Ziel – das selbstverständlich nur einer erreichen kann – früher oder später ganz von selbst zu Konflikten führen. Und jede unüberlegte Aussage, jeder verpatzte Auftritt bediente das Erhabenheitsgefühl der Zuschauer. Egal, was einen am eigenen Leben stört – man muss sich wenigstens nicht von Dieter Bohlen beleidigen lassen.

Quoten wie Wetten, dass…?

Jahrelang lief die Talentsuche im Privatfernsehen sehr erfolgreich. 2011 schalteten im Schnitt über sechs Millionen Menschen ein, wenn RTL den nächsten Superstar suchte. Ein Jahr später konnte das Supertalent sogar fast acht Millionen Zuschauer vor den Bildschirm locken. Damit drang das Privatfernsehen in Regionen ein, die zuvor fast ausschließlich Wetten, dass…?-Sendungen und Fußballspielen vorbehalten waren.

Seitdem bauten beide Sendungen stetig ab. Während das Supertalent in der letzten Staffel immerhin noch vier Millionen Menschen erreichte, fiel die 2017er Staffel von DSDS im Schnitt unter drei Millionen Zuschauer Einige Sendungen erreichten nicht einmal mehr den Senderschnitt. Das Konzept, Talent in einer Fernsehshow zu suchen, scheint in den letzten sechzehn Jahren schlicht „totgesendet“ worden zu sein. Auch The Voice of Germany, das sich mit dem Fokus auf die Stimme und dem respektvollen Umgang mit den Kandidaten als bewusstes Gegenstück zu den vorherrschenden Shows positionierte, konnte daran wenig ändern.

Der Pakt mit dem Privatfernsehen

Als Kandidat mit Geltungsdrang – oder gar als talentierter Musiker – ist man heute nicht mehr unbedingt darauf angewiesen, den Pakt mit dem Privatfernsehen einzugehen, um bekannt zu werden. Auf YouTube, Soundcloud und anderen Plattformen kann heute jeder ein potentielles Millionenpublikum erreichen, ohne sich von einer bunt zusammengewürfelten Jury vorführen zu lassen. Und dafür ist nicht einmal ein besonderes Talent notwendig, wie ein Blick auf einige erfolgreiche YouTube-Kanäle zeigt.

Nicht nur die potentiellen Kandidaten, sondern auch die Zuschauer wandern zunehmend ins Internet ab. Unter diesem Problem leidet zwar das gesamte lineare Fernsehen; die Castingsendungen trifft diese Entwicklung aber ganz besonders. Ihr angesprochenes Monopol, dem Normalbürger zu Ruhm zu verhelfen, wird vom Internet infrage gestellt. YouTube produziert Berühmtheiten, die allen Fernsehstars eins voraus haben: Sie wirken authentisch. Egal, wie viel Mühe sich die Sender auch geben, ihre Kandidaten als „Normalbürger“ zu inszinieren – an Heimvideos mit schlechtem Ton kommen sie nicht heran. Gegen Bibi und Co. wirkt selbst der glaubwürdigste DSDS-Teilnehmer wie ein künstlich hochgezüchtetes Produkt der endlos professionalisierten Medienwelt.