Warum es Livestreaming-Apps schwer haben

Livestreaming-Apps waren mal im Trend. Als Periscope und Meerkat erschienen, wurden sie von einigen bereits als Zukunft der Sozialen Netzwerke gefeiert. Rund zwei Jahre später ist eine der Apps längst eingestellt, die andere außerhalb einer spitzen Zielgruppe kaum relevant. In die Schlagzeilen kommen Dienste dieser Art meist nur, wenn grausame Verbrechen mit ihnen übertragen werden. Doch warum haben es Livesteaming-Apps so schwer, in der breiten Masse Fuß zu fassen? Und wer sind die Hoffnungsträger von Periscope und Co.?

Periscope gibt sich recht verschlossen. Während andere Soziale Netzwerke gerne und häufig Zahlen präsentieren, ist es um Periscope in dieser Hinsicht eher ruhig. Die letzte Statistik dieser Art datiert aus dem August 2015: Damals verzeichnete die App rund 10 Millionen registrierte Nutzer. Wie genau sich die Zahlen seitdem entwickelt haben, weiß außerhalb der Büros der Twitter-Tochter keiner so genau. Einziger Anhaltspunkt für die Popularität des Netzwerks ist eine Statistik aus dem Januar 2017, nach der täglich 1,9 Millionen Menschen Periscope nutzen. Dies mag nach viel klingen, ist aber verglichen mit den Großen der Branche fast lächerlich wenig: Facebook nutzen täglich 1,3 Milliarden Menschen, Instagram 300 Millionen, Twitter 313 Millionen und Snapchat 150 Millionen. Selbst das Karrierenetzwerk Xing – außerhalb des deutschsprachigen Raums kaum relevant – wies im Herbst 2016 mehr registrierte Nutzer auf als Periscope mehr als ein Jahr zuvor.

Zum ersten Geburtstag im März 2016 konnte das Team hinter der App trotzdem beeindruckende Zahlen präsentieren. Seit Beginn habe es insgesamt 200 Millionen Übertragungen gegeben; täglich schauten alle Nutzer zusammen genommen 110 Jahre Livestreams. Diese Werte werden allerdings schnell relativiert, wenn man einen Blick auf Snapchats Bilanz wirft. Die Plattform verzeichnet täglich 10 Milliarden Videoaufrufe. Warum haben es Livestreaming-Apps so schwer, in der breiten Masse Fuß zu fassen, während Snapchat mit ähnlichen, aber zeitversetzten Inhalten zu einem der erfolgreichsten Netzwerke der letzten Jahre wurde?

Teures Datenvolumen – Schlechter Netzausbau

Schaffen wir erst einmal zwei infrastrukturelle Gründe aus dem Weg, die vor allem in Deutschland eine nicht zu verachtende Rolle spielen. Das Datenvolumen ist hierzulande nicht nur teuer, sondern auch knapp. Als der Bayrische Rundfunk im November 2016 deutsche Mobilfunktarife mit denen anderer europäischer Länder verglich, fasste er seine ernüchternden Erkenntnisse in einem Satz treffend zusammen. „50 Gigabyte in Frankreich sind billiger als 1 Gigabyte in Deutschland“ – Elf Wörter und zwei Zahlen, die das ganze Elend offenbaren, mit dem sich die Mobilfunkkunden hierzulande täglich herumschlagen müssen.

Vor diesem Hintergrund ist es nur verständlich, dass die wenigsten ihr wertvolles digitales Gut für Livestreams verwenden wollen, die aktiv wie passiv schon einmal große Datenmengen umfassen können. Außerhalb des heimischen WLANs werden sie zum teuren Spaß – Und innerhalb des heimischen WLANs gibt es wenig, was einen Livestream rechtfertigen würde. Ein weiteres Problem ist der aktuelle Stand des Netzausbaus. Er wird zwar vorangetrieben, häufig aber nicht schnell genug. Vielerorts ist vom Traum der LTE-Verbindung nur noch das „E“ übrig geblieben. Und wer darauf hoffen muss, dass die Messenger-Nachricht ohne stundenlange Verzögerung ankommt, verschwendet sicher keinen Gedanken an Livestreams.

Doch es gibt noch eine größere Hürde, die nicht nur auf Deutschland, sondern einen großen Teil der Nutzerschaft zutrifft. Es passieren im alltäglichen Leben schlicht zu wenige Momente, die spannend genug sind, einen Livestream zu tragen. Philip Steuer fasste dieses Problem in seinem Artikel „Scheiße. Mein Leben ist zu langweilig für Livestreams“ schon 2015 treffend zusammen, als Periscope und Meerkat (Erinnert sich noch jemand?) noch als neue Trend-Apps durch die Tech-Blogs geisterten.

Wenig geeignete Inhalte

Bild: Periscope

Nun kann man einwerfen, dass mangelnder Inhalt noch niemanden davon abgehalten hat, trotzdem zu senden. Schließlich würden auch auf Netzwerken wie Snapchat hauptsächlich Belanglosigkeiten geteilt. Das ist sicher richtig. Doch die wenigsten der typischen Snapchat-Inhalte würden einen ganzen Livestream tragen. Sich zeitversetzt Bilder mit mehr oder weniger lustigen Filtern oder kurze Videos anzusehen ist etwas anderes, als bei der Situation live dabei zu sein.

Ein Selfie kann als Snap wunderbar funktionieren und lässt sich zur Not auch auf dem heimischen Sofa aufnehmen. Hinter einem Livestream steckt deutlich mehr. In diesem Medium geht es darum, ständig Unterhaltung zu bieten. Bist du zu langweilig, schaltet dein Publikum schneller weg, als du „Zuschauerbindung“ sagen kannst. Doch selbst wenn die Inhalte außerhalb der eigenen vier Wände produziert werden, ist nicht garantiert, dass sie einen interessanten Stream ergeben. Der Bowling-Abend des Snapchat-Kontakts mag zeitversetzt und in kleinen Schnipseln ein Publikum finden. Aber als halbstündiger Livestream, aufgenommen von einer unterdurchschnittlichen Smartphonekamera? Vermutlich eher nicht.

Bild: Periscope

In den Stores von Apple und Google bewirbt Periscope seine App im Übrigen mit der Liveübertragung eines Sonnenuntergangs – ein denkbar schlecht gewähltes Beispiel, um das Potential der App zu illustrieren. Selbst wenn ein solches Ereignis einen Livestream tragen würde, ist es nicht geeignet, einen Kanal dauerhaft zu befüllen.

Solche Sonnenuntergänge kommen mit Glück ein paar Mal im Monat vor und hängen stark vom Zufall ab. Was zeigt man seinen Followern, wenn der Himmel gerade mal nichts Spektakuläres zu bieten hat? Es ist schwer, mit den limitierten Möglichkeiten und ohne größeren Aufwand regelmäßig unterhaltsamen Content zu bringen. Und wer nicht regelmäßig postet, läuft Gefahr, sein Publikum an andere Angebote zu verlieren, die es im Internet zu Hauf gibt.

Vor allem für neue Nutzer ist es schwierig, interessante Streamer zu finden. Zwar schlägt Periscope gleich nach der Anmeldung die Kanäle der Streamer vor, denen man auch auf Twitter folgt; jedoch ist nicht gesagt, dass diese die Plattform auch aktiv nutzen. Auch die von Periscope selbst hervorgehobenen Übertragungen sind – sofern sie nicht von etablierten Medienhäusern stammen – Neulingen nur schwer zugänglich.

Nach den Anschlägen von Manchester übertrug ein Nutzer die ein paar Tage später stattfindene Schweigeminute live über Periscope. Das Ereignis hätten einen guten Livestream abgeben können. Eine Großstadt in Echtzeit für eine Minute zu Stillstand kommen zu sehen – das sind die Momente, für die Apps wie Periscope entwickelt wurden. Nur leider widmete sich der Streamer die ersten Minuten seiner Übertragung vor allem seiner Community: Während er durch die Stadt ging, wünschte er ihnen einen guten Morgen und beantwortete für Außenstehende wenig interessante Fragen. Schließlich stellte er sich in die an diesem Tag offenbar besonders lange Schlange beim Bäcker, um sich den morgendlichen Coffee to Go zu kaufen. Spannung sieht anders aus.

Plattform für Verbrechen?

Wenn Periscope oder Konkurrent Facebook Live in die Schlagzeilen gerät, dann liegt der Grund meist in einem Verbrechen. Im Januar 2017 nahm die schwedische Polizei in Uppsala drei Männer fest, die eine junge Frau vergewaltigt haben sollen. Sonderlich schwer machten sie der Polizei die Ermittlungsarbeit nicht. Die Männer hatten ihre Tat mit Facebook Live übertragen, woraufhin Zuschauer die Polizei verständigten. Der Vorfall reiht sich ein in eine immer länger werdende Liste an ähnlichen Taten. Die Misshandlung eines jungen Mannes mit Behinderung in Chicago teilten die Täter ebenso über Facebook Live wie eine Mutter in Ohio, die ihr zweijähriges Kind mit Tape an die Wand klebte.

Warum scheinen Periscope und Co. gerade bei Verbrechen gegen andere Menschen so häufig zum Einsatz zu kommen? „Natürlich fällt einem zuerst Dummheit als Grund ein“, sagte Raymond Surette, Professor an der University of Central Florida, dem britischen Guardian. „Man könnte genauso gut in die örtliche Polizeiwache gehen und dort in der Lobby das Verbrechen gestehen.“ Doch auf den zweiten Blick steckt hinter den live übertragenen Verbrechen mehr. Surette und sein Team machten in Studien die vor allem unter jungen Leuten verbreitete Kultur des Teilens kombiniert mit Leichtsinn und der Möglichkeit, mit einer bösen Tat Berühmtheit zu erlangen, als Gründe aus.

In einigen Fällen versuchen Nutzer sogar, ihren eigenen Suizidversuch in Echtzeit zu übertragen. Die Aufzeichnung solcher Versuche verbreitet sich nicht selten viral. Auf einen normalen Nutzer können die über Livestreaming-Apps verbreiteten Taten abschreckend wirken. Will man seine Inhalte wirklich in eine Reihe mit solchen Streams stellen?

Journalismus als Hoffnungsträger

Noch ist für Livestreaming-Apps nicht alles verloren. In den rund zwei Jahren seit Erscheinen der ersten Dienste scheint sich inzwischen eine Gruppe herausgebildet zu haben, die Periscope und vergleichbare Alternativen mit den dringend benötigten Inhalten befüllt: Journalisten. Es ist heute einfacher denn je, ohne Kamerateam und Ü-Wagen, dafür aber mit Smartphone und Selfiestick live von wichtigen Ereignissen zu berichten. Journalisten können dank Periscope ohne große Kosten alles von der G7-Demonstration bis zur Bundespressekonferenz in Echtzeit übertragen und eine beachtliche Zuschauerschaft erreichen, wie Martin Heller, Journalist bei der Welt und N24, auf Twitter bestätigte.

Durch den Chat ist ein Periscope-Livestream zudem persönlicher als die klassische Live-Schalte. Nutzer können Fragen stellen und das Programm so mit beeinflussen – oder es gleich selber auf die Beine stellen. Passend zu generellen Entwicklung des Journalismus bricht hier die einst klare Rollenverteilung von Sender und Empfänger immer mehr auf. Mit Periscope kann jeder zum Live-Reporter werden – vorausgesetzt, er hat noch Datenvolumen.