Besser als sein Ruf? – iMovie-App im Test

Auf dem Desktop teilt Apple die Nutzer seiner Schnittsoftware seit jeher in zwei klar voneinander abgegrenzte Gruppen ein. iMovie richtet sich an den ambitionierten Hobbyfilmer, der aus seinem Urlaubsmaterial einen hochwertig wirkenden Clip zusammenbasteln will. Es ist ein ebenso übersichtlich wie einfach zu bedienen und lässt sich schnell erlernen. Die Software, die es mit jedem neuen Mac gratis gibt, ist der Einstieg in Apples Welt der Schnittprogramme, die von Final Cut Pro X komplettiert wird.

Für fast 300 Euro erfüllt das Programm durch seine Features und die wahre Fülle an Plugins die Bedürfnisse eines Jeden, der mit dem Erstellen von Bewegtbild sein Geld verdient. Wie iMovie ist Final Cut ausschließlich für den Mac erhältlich – und nutzt dort seinen Heimvorteil gnadenlos aus: Dank einer nahezu perfekten Anpassung an die vorhandene Hardware erledigt Final Cut Pro X viele Aufgaben merklich schneller als so manche Konkurrenz.

iMovie als einziges mobiles Schnittprogramm

Auf den mobilen Geräten gibt es diese Aufteilung nicht. iMovie ist hier Apples einziges klassisches Schnittprogramm. Daran konnte auch die Veröffentlichung von Clips nichts ändern. Geht Apple also davon aus, dass auf iOS-Geräten ohnehin nur ambitionierte Amateure ihre Clips bearbeiten? Was auf den ersten Blick durchaus plausibel klingt, will bei genauerem Hinsehen nicht so recht zum iPad Pro passen, das Apple explizit als Ersatz für einen Laptop bewirbt. Sogar auf der Produktseite selber wirbt der Hersteller mit der Möglichkeit, 4k-Videos flüssig bearbeiten zu können. Der A9X-Chip habe genug Leistung für Aufgaben, für die man vor ein paar Jahren noch „Workstations oder Personalcomputer“ gebraucht habe, erklärt Apple seinen zukünftigen Kunden dort gewohnt selbstbewusst. Die Hardware scheint also für professionelle Aufgaben geeignet zu sein. Warum lässt Apple die Umsetzung in diesem Fall an der Software scheitern?

Apple steht vor der schwierigen Aufgabe, ein Mittelmaß aus einfacher Bedieung und Featurefülle zu finden. iOS läuft auf vielen verschiedenen Geräten – und in Cupertino will man den Anspruch erfüllen, auf allen Plattformen die gleiche Nutzungserfahrung zu bieten. Natürlich wird das mobile Betriebssystem in seiner elften Version ab Herbst auf dem iPad mit einigen Features versehen werden, die den Sprung aufs iPhone nicht schaffen – doch das grundlegende Prizip bliebt gleich. Eine Schnittsoftware muss sich vom iPad Pro bis zum iPhone SE auf allen Geräten gleichermaßen einfach bedienen lassen.

Apple steckt damit in einer nur schwer zu lösenden Zwickmühle: Zu viele Features würden die Programme vor allem auf kleineren Geräten unbrauchbar machen. Eine zu sehr abgespeckte Version von Final Cut hingegen würde professionelle Nutzer eher verärgern, als sie dazu zu bringen, ihre Filme auf dem iPad Pro zu schneiden. Bis Apple einen Ausweg aus diesem Dilemma gefunden hat, werden filmbegeisterte iOS-Nutzer mit iMovie vorlieb nehmen müssen. Grund genug, einen Blick auf die Schnittsoftware zu werfen und die Frage zu beantworten: Ist iMovie vielleicht sogar besser als sein Ruf?

Parallelen zur Desktop-Version

Schon beim ersten Öffnen werden die Parallelen zur Desktop-Version deutlich. Zu Beginn eines neuen Projekts kann gewählt werden, ob aus diesem ein Film oder ein Trailer werden soll. Letzterer besteht aus vorgefertigten Vorlagen; lediglich der Text auf den Einblendungen, die Videoschnipsel dazwischen und der Abspann können angepasst werden. Die eigene kreative Leistung läuft hier also gegen Null. Dieses Feature mag sich dazu eignen, die Gästen auf Omas 80. Geburtstag mit einem lustigen Trailer aus Großmutters Urlaubsvideos zu beeindrucken – für mehr ist die Funktion allerdings nicht wirklich zu gebrauchen.

Interessanter ist da die Möglichkeit, ohne Vorlage einen eigenen Film zu erstellen. Dafür können Fotos oder Videos aus der „Fotos“-Bibliothek importiert werden. iOS beitet von Haus aus die Möglichkeit, Medien in geringer Auflösung auf dem Gerät zu speichern und die Originale in iCloud hochzuladen. Leider ist iMovie nicht in der Lage, mit diesen kleineren Dateien zu arbeiten. Bevor mit dem Schneiden begonnen werden kann, müssen alle Bilder und Videos erst einmal in voller Auflösung heruntergeladen werden, was vor allem bei Geräten mit weniger Speicherplatz schnell zum Problem werden kann.

Solide Bearbeitungsoptionen

Der Aufbau des Schnittprogramms orientiert sich an der Desktop-Version.

Auch der Aufbau des Schnittprogramms orientiert sich unübersehbar an Schnittprogrammen für den Desktop. Die Vorschau des Videomaterials nimmt den meisten Platz auf dem Bildschirm ein; am unteren Bildschirmrand befinden sich die Timeline, die auf maximal zwei Videospuren ausgeweitet werden kann. iMovie lässt sich recht intuitiv bedienen. Vieles funktioniert so, wie man es nach Jahren im Apple-Betriebssystem erwarten würde.

Ein einfaches Tippen auf die Timeline bringt die Bearbeitungsmöglichkeiten zum Vorschein, die sich in verschiedene Kategorien einteilen lassen. Hinter der Schere verbergen sich wenig überraschend Optionen, den Clip zurechtzuschneiden. So kann ein Clip geteilt werden, um anderes Material dazwischen zu schneiden. Die Übergänge, die ebenfalls In diesem Segment zu finden sind, beschränken sich im wesentlichen auf Auflösen, Folie, Wischen und Blende. Audio und Video können getrennt werden, was unerlässlich ist, will man seinen Clip mit Musik oder Voiceover versehen.

Merkwürdige Designentscheidungen

Der Tacho bringt den Nutzer zu den Geschwindigkeitsoptionen und damit zu einer merkwürdigen Designentscheidung seitens Apple. Ein Clip kann lediglich schrittweise auf bis zu 1/8 der ursprünglichen Geschwindigkeit verlangsamt werden. Ohne die Hilfe einer anderen App ist es also nicht möglich, einen Film im Zeitraffer abspielen zu lassen. Eine unverständliche Entscheidung, lassen sich schnell abgespielte Clips mit dem Smartphone doch besser aufnehmen als Zeitlupen.

Text-Einblendungen sind ein nicht zu verachtender Bestandteil des Mediums Film. Durch ihn kann dem Nutzer eine Information vermittelt werden, die sich durch ein Voiceover nur schwer vermitteln lassen. iMovie setzt hier auf Vorlagen, die Nutzern vom Desktop bekannt vorkommen dürften. Der Text kann lediglich zentral in der Mitte oder in einer der unteren Ecken positioniert werden. Nicht einmal die Schriftart kann angepasst werden, wodurch das Ergebnis nicht wirklich individuell wirkt. Die mobile Version leidet in diesem Bereich unter dem gleichen Problem wie der große Bruder: Sobald Text eingeblendet wird, ist sofort erkennbar, mit welchem Programm der Clip geschnitten wurde. Schließlich lassen sich die Aufnahmen auch mit Filtern versehen, die allerdings eher an Instagram als an ernstzunehmende Farbkorrektur erinnert.

Mittelmäßige Audio-Optionen

Die Übergänge sind eher rudimentär.

Auch Audio ist untrennbar mit Video verbunden. Wenn es sich nicht gerade um ein „lustiges“ Facebook-Video mit großen schwarzen Balken über und unter dem eigentlichen Clip handelt, in denen nicht nur Text, sondern auch jede Menge Emojis untergebracht werden kann, verliert ein Film ohne Ton einen großen Teil seiner Wirkung. iMovie bringt von Haus aus eine Reihe an Optionen mit, Ton zu bearbeiten. Ein Voiceover kann direkt in der App eingesprochen werden. Neben dem internen Mikro bieten sich vor allem Lightning- oder USB-Mikrofone an, die schon für wenig Geld zu einer signifikanten Verbesserung des Tons führen können. Auch bei der mobilen Videoproduktion gilt die Regel: Ist der Ton gut, fällt dies den wenigsten auf – Ist er schlecht, ruiniert der den Gesamteindruck des Videos sofort.

Die Mediathek mit den meist wenig realistischen Soundeffekten hilft ebenso wenig wie die auf vielen Ebenen enttäuschende Sektion namens „Filmmusik“, den auditiven Eindruck des Videos zu verbessern. Hinter dem einige Stufen zu hoch gegriffenen Begriff verbirgt iMovie rund einminütige Tracks, die zu bestimmten Genres passen sollen, allerdings alles andere als hochwertig klingen. Auch die Auswahl kommt eher dünn daher: Die mobile iMovie-Mediathek ist im Grunde eine sehr abgespeckte Version der ohnehin schon dünnen Auswahl auf dem Desktop.

Bei der Audio-Bearbeitung macht es sich zudem negativ bemerkbar, dass iMovie auf die klassische Größenaufteilung in Schnittprogrammen setzt: Die Videospur ist deutlich größer als die Tonspur, was das Zurechtschneiden dieser recht fummelig macht. Je kleiner der Bildschirm, desto größer das Problem. Einen Clip auf Musik zu schneiden wird so fast unmöglich.

Nicht nur für Amateure

iMovie ist nicht nur für Amateure eine Option. Videografen, die ihren Kunden hochwertige Videos liefern wollen, werden um die Software wohl einen weiten Bogen machen. Für Journalisten könnte iMovie dennoch eine Überlegung wert sein. Ein Bericht von einem Ereignis kommt ohne große Effekte aus, Namenseinblendungen sind in den meisten Fällen mehr als ausreichend. Unter Zeitdruck lässt sich mit iMovie schnell etwas zusammenschneiden, ohne durch den Import von Videomaterial auf den Laptop wertvolle Zeit zu verlieren.

iMovie eignet sich, Clips ohne große Übergänge aneinanderzuhängen – und viele Nachrichtenbeiträge erfordern nicht viel mehr. Das iPhone nimmt bereits seit Jahren in guter Qualität auf; externe Mikrofone sorgen für zumindest annehmbaren Ton. Journalisten erreichen über Periscope ihre Zielgruppe – Warum sollte dies nicht auch mit mobil zusammengeschnittenen Filmen funktionieren?

iMovie
iMovie
Entwickler: Apple
Preis: Kostenlos