Die ESPN-Entlassungen – Ein Zeichen für die ganze Branche?

Von der Öffentlichkeit hierzulande weitgehend unbemerkt ging vor rund zwei Monaten ein Beben durch die us-amerikanische Medienlandschaft: Der Sportsender ESPN entließ auf einen Schlag rund 100 Mitarbeiter. Es war nicht das erst mal, dass sich das Netzwerk von Beschäftigen trennte. Bereits im Oktober 2015 hatten rund 300 Personen ihren Job beim „weltweiten Marktführer der Sportübertragung“ verloren. Sie waren vor allem für den technischen Bereich zuständig, blieben für den Zuschauer also weitgehend unsichtbar. Ende April traf es erstmals auch so genanntes „on-screen talent“, also Moderatoren, Experten und Analysten, die vor der Kamera zu sehen sind. Die Entwicklung des Senders zwang die Geschäftsführung dazu, einige bei den Zuschauer unpopuläre Entscheidungen zu treffen und beliebte TV-Gesichter vor die Tür zu setzen. 

Teure Rechte – Sinkende Abo-Zahlen

Schnell wurden vor allem zwei Gründe für die erneuten Entlassungen ausgemacht. Zum einen wären da die teuren Übertragungsrechte. ESPN überweist den großen Sportligen NFL und NBA jährlich zusammengenommen 3,3 Milliarden Dollar. Die Footballer sind dabei mit 1,9 Milliarden Dollar pro Spielzeit etwas teurer als die Basketballer, deren Übertragungsrechte ESPN 2014 immerhin 1,4 Milliarden Dollar jährlich wert waren. Auch Eishockey, Tennis, Cricket und diverse andere Sportarten auf College-Niveau dürften nicht günstig gewesen sein.

Doch ESPN bleibt wenig anderes übrig, als die immer höher ansteigenden finanziellen Forderungen der Ligen zu erfüllen. Im Jahr 1987 konnte sich der Sender erstmals Übertragungsrechte für die NFL sichern. Die acht sonntäglichen Begegnungen, die das Netzwerk fortan übertragen durfte, setzten die Entwicklung vom Spartensender zum großen international aktiven Angebot in Gang, das ESPN heute ist. Seitdem gehören Liveübertragungen der Football-Liga quasi zur Identität des Senders. Auch der Basketball entwickelte sich über die Jahre zu einem Garant für gute Quoten. Ein weltweiter Marktführer ohne Übertragungsrechte für die weltweit führenden und in den USA ungeheuer populären Ligen wäre schlicht undenkbar.

Den steigenden Kosten für die Rechte stehen die seit Jahren sinkenden Abo-Zahlen gegenüber. Dabei liegen die goldenen Zeiten des Sport-Netzwerks gerade einmal rund sechs Jahre zurück: 2011 konnte ESPN mit 100 Millionen zahlenden Kunden ein Allzeit-Hoch verkünden. Seitdem gingen die Zahlen rapide zurück. Heute haben weniger als 88 Millionen Haushalte den Sportsender abonniert. Allein im Oktober 2016 verlor ESPN über 621.000 Kunden. Jeden Tag kehrten im Schnitt rund 19.700 Nutzer dem teuersten Bezahlsender Nordamerikas des Rücken.

Der Verlust von Talent

ESPN leidet also unter den gleichen Problemen, mit denen viele Medienhäuaser bereits seit mehr als einer Dekade zu kämpfen haben: Die alten Finanzierungsmodelle funktionieren nicht mehr, die neuen noch nicht. Der Journalismus befindet sich in einer schmerzhaften Übergangsphase, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Wie viele Redaktionen werden in den kommenden Jahren zusammengelegt werden? Wie viele Magazine werden aufgrund sinkender Absatzzahlen eingestellt werden? Wie viele Journalisten werden ihren Job verlieren? Keiner weiß es. An dieser Stelle sollen nicht noch einmal die vielen Gründe für die Krise angeführt werden, in der sich der Journalismus gegenwärtig befindet. Diese wurden in den letzten Jahren bereits ausführlich beschrieben. Stattdessen soll es um einen anderen Aspekt gehen, der mit dieser Entwicklung einhergeht: Um den Verlust von Talent.

Seinen Job zu verlieren ist immer hart. Selbst in einem Arbeitsmarkt, in dem Personaler ihre „menschlichen Ressourcen“ nach dem „Hire-and-Fire“-Prinzip verwalten und ein häufiger Wechsel des Brötchengebers keine Schande ist, tut eine Entlassung weh. Während die Medienlandschaft in den Vereinigten Staaten berechtigterweise darüber diskutiert, wie sich die Entlassungen auf die Zukunft des Senders auswirken, wird häufig vergessen, was sie für die Entlassenen selber bedeuten. Sie verlieren nicht nur ihren Arbeitsplatz, sondern auch einen Teil ihres öffentlichen Auftretens. Der entlassene NBA-Experte Marc Stein trägt den Namen seines baldigen Ex-Arbeitgebers, für den er 15 Jahre lang hauptberuflich schrieb, sogar im Twitter-Nutzernamen.

Wie geht es weiter?

Natürlich werden einige von ihnen anderswo weitermachen können. Sie werden bei einem anderen Medienhaus unterkommen oder sogar ein eigenes Projekt in Angriff nehmen, wie es der bekannte Sportjournalist Bill Simmons tat, nachdem ESPN seinen Vertrag 2015 nicht verlängerte. Doch was passiert mit dem Rest, der weder von einem bestehenden Angebot aufgegriffen wird, noch sein eigenes ins Leben ruft?

Einige werden versuchen, sich als freie Journalisten durchzuschlagen. Irgendjemand wird schon für die eigene Arbeit bezahlen – vor allem dann, wenn man einige Jahre Erfahrung beim größten Sportsender der Welt als Referenz mitbringt. Doch dies ändert nichts daran, dass ein Leben ohne festen Arbeitgeber hart sein kann. Statt eines sicheren Gehaltschecks gibt es jeden Monat nur die Ungewissheit, wie viel Geld wirklich reinkommt. Diese Art zu Leben und zu Arbeiten ist nicht für alle etwas: Einige mögen die damit verbundenen Freiheiten lieben, während andere die Branche lieber fluchtartig verlassen, bevor sie zum Freelancer zu werden. Vor allem die PR nimmt ehemalige Journalisten gerne auf, die gewillt sind, ihrer Profession den Rücken zu kehren. Mit jedem Journalisten, der die Seiten wechselt, verliert die Branche Talent, das sie gerade in schwierigen Zeit gut gebrauchen könnte.

Wer liefert die hochwertigen Inhalte?

Dies ist eine alamierende Entwicklung. Wenn nicht einmal das weltweit führende und zum Milliarden-Konzern Disney gehörende ESPN seinen Mitarbeitern eine sichere Umgebung bieten kann, um hochwertige Inhalte zu erstellen, wer dann?

Der Journalismus verliert durch diese nicht nur bestehendes Talent, er schreckt auch zukünftiges ab. Unter dem Damokles-Schwert einer drohenden Entlassung danach gemessen zu werden, wie gut die eigenen Artikel geklickt werden, klingt nicht gerade nach einem Traumberuf. Wozu eine Journalisten-Schule besuchen, jahrelang studieren und sich bei unterdurchschnittlicher Bezahlung in vielen Überstunden den sprichwörtlichen Hintern aufreißen, wenn die Struckturen in vielen Verlagen gute Inhalte vorsichtig formuliert nicht gerade unterstützen? Wer soll den guten Content der Zukunft erstellen, wenn jetzige Journalisten die Branche wechseln und der potentielle Nachwuchs diesen Beruf gar nicht erst einschlägt?

Vielleicht darf man die aktuellen Entwicklungen nicht zu negativ sehen. Früher oder später wird sich die Branche erholen, sie wird neue Finanzierungsmöglichkeiten finden, an die heute noch gar nicht zu denken ist. Schließlich war es vor ein paar Jahren auch nur schwer vorstellbar, dass Nutzer die Journalisten für ihre Arbeit im Internet direkt bezahlen. Heute gibt es Seiten wie Patreon oder Steady, auf denen genau das passiert. Wenn Journalisten mit einer gehörigen Protion Idealismus ausgestattet auf ein Publikum treffen, das genug von Clickbait und Nonsense-Nachrichten hat, scheint Crowdfounding zu funktionieren. Größere Medienhäuser tun sich auf diesem Gebiet weiterhin schwer.

Es bleibt also fraglich, wie viel Zeit dem Journalismus noch bleibt, ein flächendeckendes Finanzierungsmodell zu finden. Selbst die erfolgreichsten Projekte sind weit von einer Summe entfernt, die eine größere Redaktion ernähren könnte. Einzelne Journalisten, die über diese Seiten ihren Lebensunterhalt verdienen, sind nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn gleichzeitig weiter Redaktionen zusammengelegt und Journalisten entlassen werden. Die Entlassungen bei ESPN sind ein Zeichen für die gesamte Branche: Wenn der Riese wankt, schaut der Rest gebannt zu.