Spielzeug oder Spiel? – Die Roboter-Fabrik im Test

Apps für Kinder sind so etwas wie das Parallel-Universum des AppStores. Wer dem Grundschulalter entwachsen ist und selber noch keine Kinder hat, kommt mit diesem Bereich des Stores naturgemäß nur äußerst selten in Berührung. Abseits des großen Scheinwerferlichts scheint sich dort jedoch eine von den weniger schönen Entwicklungen der letzten Jahre weitgehend verschonte gebliebene App-Landschaft entwickelt zu haben. Die Bereitschaft, einmalig einen festen Preis für eine App zu zahlen, anstatt sich in die verlockenden Free-to-play-Regionen zu begeben, ist in diesem Genre unverändert hoch. Hier geben sich viele Entwickler noch die Mühe, Zeit, Arbeit und Liebe in ihre Produkte zu stecken, anstatt das nächstbeste Konzept zu kopieren und auf den Erfolg zu hoffen.

Ein relevantes Thema

Trotzdem schenkte ich diesem Bereich in den letzten Jahren kaum Aufmerksamkeit. Dabei sind Apps, die sich an eine junge Zielgruppe richten, ein durchaus relevantes Thema. Die Debatte darüber, welche Medienangebote Kinder in welchem Umfang nutzen sollten, wird dank umstrittener Thesen wie die der „digitalen Demenz“ nicht immer nur sachlich geführt. Häufig scheint es so, als stünden sich Befürworter und Gegner digitaler Medien unversöhnlich gegenüber. Während die einen das ungeheure Potential dieser hervorheben, sehen die anderen in ihnen vor allem Gefahren für die kindliche Entwicklung. Apps leisten einen wichtigen Bestandteil zur hitzig geführten Diskussion und zeigen, wozu digitale Medien in der Lage sind. Wirklich relevant schienen Lern-Apps in meiner Wahrnehmung allerdings nicht.

Erst die „Roboter Fabrik“ des amerikanischen Entwicklers Tinybop, die es vor kurzem gratis im AppStore gab, rief mir die Existenz dieses Genres wieder in Erinnerung. In dem Spiel, dass sich laut Beschreibung an Kinder zwischen sechs und acht Jahren richtet, geht es darum, Roboter zu bauen, was die Beschreibung unmissverständlich deutlich macht: Das Wort „Roboter“ kommt dort ganze 28 Mal vor.

Aus Interesse und in der leisen Hoffnung, zumindest ein paar Stunden gut unterhalten zu werden, lud ich mir die App herunter. Gut gemachtes Unterhaltungsprogramm für Kinder ist schließlich in der Lage, viele Generationen zu begeistern, versuchte ich vor mir selber den Fakt zu rechtfertigen, dass ich gerade eine App für Kinder heruntergeladen hatte. Bestes Beispiel ist wohl die „Sendung mit der Maus“, deren durchschnittlicher Zuschauer berühmterweise knapp 40 Jahre alt ist. Kann man mit der „Roboter-Fabrik“ seinen Spaß haben, auch wenn man mehr als zehn Jahre älter ist als die eigentliche Zielgruppe? Finden wir es heraus.

Kein klassisches Spiel

In diesem Menü kann der Torso des Roboters mit zusätzlichen Elementen versehen werden.

Die „Roboter-Fabrik“ wehrt sich nach Kräften dagegen, einem klassischen Spiele-Genre zugeteilt zu werden. Tinybop selbst beschreibt sein Werk als „digitales Spielzeug“ – man hätte wohl keinen passenderen Begriff finden können. Tatsächlich ist die Software Legosteinen ähnlicher als einem klassischen Computerspiel. Es geht dem Entwickler darum, Kindern die Möglichkeit zu geben, sich kreativ auszuprobieren, was auch das fehlende Beiwerk erklärt: Es gibt keine Geschichte, keine Missionen, kein vorgegebenes Ziel. In einer Spielewelt, in der die meisten Entwickler ihren Spielern so gut wie alles vorgeben, ist dies eine willkommene Abwechslung. Die Geschichten sollen sich hier vor allem in den Köpfen der Kinder entwickeln, anstatt vorgegeben zu werden. Auch die Kreativität und die Fähigkeit zur Problemlösung sollen laut Entwickler durch ihr Spiel gefördert werden.

Apps, in denen sich der Spieler ohne Zeitdruck ausprobieren kann, sind wie gemacht für den Touchscreen. Die „Roboter-Fabrik“ kommt ohne Analogsticks oder Knöpfe aus, die bei herkömmlichen Mobile Games gleich eine ganze Reihe an Problemen mit sich bringen. Sie bieten keinerlei haptisches Feedback und sind nur schwer zu erfühlen, was die Steuerung häufig unpräzise und somit wenig zufriedenstellend wirken lässt. Der Grund, warum Puzzlespiele auf den mobilen Geräten deutlich erfolgreicher sind als beispielsweise Shooter. Bei der „Roboter-Fabrik“ kann die Steuerung hingegen überzeugen.

Gelungene Steuerung

Die App macht es einfach, kreative Roboter zu gestalten.

Nachdem die grundlegende Komponente – quasi der Oberkörper des Roboters – ausgewählt wurde, können die in verschiedene Kategorien einsortierten Teile einfach an den gewünschten Platz gezogen werden. Rote und blaue Punkte zeigen, wo ein Teil befestigt werden kann und helfen gleichzeitig, Bauteile geometrisch zu platzieren. Wo wir gerade von Teilen reden: Hier bietet die Roboter-Fabrik eine große Auswahl an Komponenten, die als Arme, Hände, Beine oder Accessoires fungieren.

Von harmlosen Teilen wie Einkaufswagenräder über einen krabbenartigen Greifarm bis hin zur flammenschießenden Kanone ist hier alles dabei. Trotzdem werden alle Bauteile kindgerecht präsentiert. Die Flammenkanone lässt nur kurzzeitig ein kleines Feuer im Testgelände erscheinen, das allerdings relativ schnell verschwindet, ohne irgendeinen Schaden angerichtet zu haben. Auch der Bohrer hinterlässt die Welt so, wie er sie vorgefunden hat.

Nicht immer ist auf den ersten Blick ersichtlich, welches Bauteil was bewirkt. Erst im auf der Webseite des Entwicklers zu findenden Handbuch werden die Bauteile und ihre Funktionen erklärt. Im Spiel selbst hilft nur das Ausprobieren. Ob ein Bauteil lediglich eine optische Spielerei oder tatsächlich ein sinnvoller Bestandteil des Roboters ist, zeigt meist erst ein Testlauf. Unterschiedliche Bauteile sorgen tatsächlich für ein unterschiedliches Ergebnis. Düsen ermöglichen beispielsweise Flüge oder schnelle Fahrten, verabschieden sich aber auch in jede Menge Qualm, sobald sie zu lange überlastet werden.

Wenig Herausforderung – Herausragende Präsentation

Die Testwelt zeichnet sich durch einen einzigartigen Grafikstil aus.

Die Testwelt, in welcher Roboter nach Lust und Laune ausprobiert und getestet werden können, verfügt zwar über jede Menge Hindernisse, stellt die Konstruktionen aber nicht wirklich vor Herausforderungen. Selbst mit einfachen Konstruktionen lässt sich so gut wie alles ohne größere Probleme überwinden. Das Spiel an sich bietet also wenig Gründe, einen bestehenden Roboter zu verbessern: Er ist häufig bereits in einer frühen Version allen Anforderungen gewachsen, die die Spielwelt an ihn stellt.

Die „Roboter-Fabrik“ glänzt durch eine herausragende Präsentation. Owen Daveys hochwertiger Zeichenstil ist eine angenehme Abwechslung zu den rundgelutschen animierten Figuren mit überdimensionierten Köpfen und großen Augen, die sonst die mobilen Spiele beherrschen. Stattdessen bringt vor allem das Testgelände den Charme alter „Biene Maja“-Folgen mit, die mit wenig FPS, dafür aber mit umso mehr Liebe zum Details daherkamen.

Knallige Farben sind in der Roboter-Fabrik nur äußerst selten zu finden. Die Welt sieht ein wenig aus, als hätte der Zeichner von „Wickie und die starken Männer“ die Spielwelt von Super Mario interpretiert – eine Rückbesinnung auf die Zeit, in der sich Unterhaltung für Kinder vor allem durch ihre hohe Qualität auszeichnete. Auch der Ton zählt zu den Stärken des Werkes. Hin und wieder geben die Roboter die für ihre Zunft typischen Laute von sich. Auch ohne dass sie wirklich etwas sagen wird ihnen so zumindest etwas Charakter verliehen. Durch die Funktion, neutrale, glückliche und verärgerte Kommentare einzusprechen, lässt sich der Roboter auch in diesem Bereich individualisieren.

Fazit

Bestimmte Werkzeuge werden über ein Menü in der linken unteren Ecke aktiviert.

Selten viel es mir so schwer, zu einer App ein Fazit zu ziehen. Eigentlich wollte ich die App mögen mit ihrem tollen Grafikstil, ihrer interessanten Idee und ihrem sympathisch wirkenden Entwicklerteam. Doch meine die anfängliche Begeisterung, mit der ich die Roboter-Fabrik ausprobiert hatte, wich schnell einer gewissen Langeweile.

Ich begann, all die fehlenden Elemente eines klassischen Spiels zu vermissen. Ohne Missionen, ohne Belohnungen und ohne Ziel vor Augen verlor das Spiel schnell seinen Sinn. Roboter zu bauen, nur um Roboter gebaut zu haben, reichte recht schnell nicht mehr als Motivation aus, das Spiel zu starten. Hinzu kommt, dass die Roboter-Fabrik so gut wie keinen Anreiz gibt, eine Konstruktion zu verbessern. Selbst eine einfache Konstruktion bestehend aus Torso und Rändern reicht aus, um die meisten Hindernisse zu überwinden.

Zwar ermöglichen die vielen Optionen den ein oder anderen kreativen Roboter, doch das grundlegende Prinzip bleibt das gleiche. Ob sich das Konstrukt fahrend, fliegend oder krabbelnd durch die Gegend bewegt, spielt spätestens nach dem fünften Roboter keine wirkliche Rolle mehr. Ohne die vom Entwickler offenbar vorausgesetzte Fähigkeit (oder den Willen dazu), eine eigene Geschichte zu erfinden,