Sind Audioinhalte die Zukunft des Journalismus?

Am 30. Oktober 1938 bescherte CBS dem Radio einen der iknonischsten Momente seiner damals noch recht jungen Geschichte. An diesem Abend strahlte der Sender die von Drehbuchautor Howard Koch umgesetzte Hörspiel-Adaption des Sciene-Fiction-Klassikers „Krieg der Welten“ aus. Koch, der dafür bekannt war, auch schweren literarischen Stoff massentauglich umzusetzen, ließ die Geschichte nicht einfach nur von mehreren Sprechern vorlesen und mit passenden Tönen unterlegen. Er bediente sich zusätzlich Elementen einer gewöhnlichen Radiosendung. Wetterberichte, Musikeinspielungen und vermeintliche Live-Schalten an den Ort des Geschehens ließen die Szenerie real wirken – und versetzten Menschen so in Panik.

Die „New York Times“ berichtet Tags darauf beispielsweise von beinahe 900 Personen, die in Sorge und auf der Suche nach verlässlichen Informationen bei der Zeitung anriefen. Etliche suchten Schutz in den örtlichen Polizeistationen – die glücklicherweise über das Hörspiel informiert worden waren und die Schutzsuchenden beruhigen konnten. Trotzdem ebbte die Hysterie erst ab, als sich der Spielort des Weltenkrieges an belebtere Orte verlegte. Als das Radio von Aliens auf dem menschenleeren Times Square oder Raumschiffen im Central Park berichtete, dämmerte es den Menschen in der Nähe, dass hier etwas nicht stimmen könne.

Der Mythos der Massenhysterie

Bis heute ist unklar welches Ausmaß die Panik tatsächlich erreichte. Schätzungen gehen von sechs Millionen Zuhörern aus, von denen einer Studie des „Times Magazine“ zufolge 1,7 Millionen den Angriff der Aliens für real hielten. Wirklich verlässlich sind diese Zahlen allerdings nicht: An der Umfrage, die der Studie zu Grunde lag, beteiligten sich gerade einmal 135 Personen. Der Mythos der Massenhysterie wurde vor allem von anderen Medien etabliert. In Deutschland griffen die Zeitungen der Nazi-Propaganda den Vorfall gerne auf, um die Amerikaner als naiven und von den Medien manipulierten Haufen darzustellen. Auch die Zeitungen in den USA – Sie sahen sich in ihrer Rolle als führendes Medium vom aufstrebenden Radio bedroht – nutzten den Vorfall, um der Konkurrenz ihre Glaubwürdigkeit zumindest teilweise abzusprechen.

Den Aufstieg des Radios und den damit verbundenen Wandel der Medienlandschaft konnten allerdings auch die Zeitungsmacher nicht verhindern. „Krieg der Welten“ hatte erstmals angedeutet, welche Rolle das Radio in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg einnehmen würde. Es wurde zum Massenmedium, dem millionen Menschen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkten. Vor allem die Hauptsendungen am Abend versammelten ganze Familien vor den Empfangsgeräten.

Opfer des Medienwandels

Wenige Jahrzehnte später wurde das Radio selbst Opfer dieses Wandels. Mit steigender Qualität und sinkenden Preisen fanden Fernseher spätestens ab den späten 60er Jahren in immer mehr Haushalten Einzug und lösten das Radio in seiner Rolle als „Lagerfeuer“ ab. Doch das Radio ging an dieser neuen Konkurrenz nicht zu Grunde – es passte sich den neuen Gegebenheiten an. Aus dem Leitmedium wurde über die Jahre ein Angebot für den Konsum nebenbei. Ein Prozess, der in der Mischung aus Chart-Liedern, Morning-Shows und Gewinnspielen endete, die viele Privantsender heute dominiert. Die Macher wissen, dass ihr Publikum gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist und bauen deswegen ein Programm, dass ich in eben jenen Situationen gut konsumieren lässt.

Und genau hier könnte eine Chance für den Journalismus liegen. Damit ist nicht gemeist, Inhalte so weit herunterzubrechen, dass sie auch dann verständlich sind, wenn man mit nur einem Ohr zuhört. Vielmehr sollten Medienangebote die Möglichkeiten verstärkt nutzen, die mit der weiten Verbreitung mobiler Audio-Abspielgeräte (ließ: Smartphones) einhergehen.

Der Text hat ein Problem

Der Text als wahrscheinlich älteste Mitteilungsform des Journalismus hat ein Problem: Er kann nicht nebenbei konsumiert werden. Text braucht die hundertprozentige Aufmerksamkeit des Lesenden. Dieser kann den Blick nicht von ihm abwenden, was das Ausführen anderer Tätigkeiten nebenbei nahezu unmöglich macht. (Auch wenn einige Autofahrer offenbar der Meinung sind, das Lesen von Textnachrichten ließe sich wunderbar mit der Teilnahme am Straßenverkehr vereinbaren) Für Geschriebenes muss man sich Zeit nehmen, man muss sich darauf einlassen; vor allem dann, wenn es keine kurze Meldung, sondern ein ausführlicherer Artikel ist. Dieses Problem trifft jedes Geschriebene Wort – unabhängig davon, ob es gedruckt wurde oder online über die Bildschirme wabert.

Video und Audio hingegen sind im Zeitalter des Internets erfolgreicher denn je. Sie benötigen häufig nicht die volle Aufmerksamkeit, um von den Konsumenten verfolgt werden zu können. Nun könnte man einwenden, dass Videos aufgrund der visuellen Ebene doch auch nach der vollen Aufmerksamkeit des Nutzers verlange. Für einige Clips mag dies nach wie vor stimmen, doch die meisten YouTube-Werke lassen sich auch ohne die visuelle Ebene gut verstehen. Noch besser funktioniert dies naturgemäß mit Audioinhalten, die eine visuelle Ebene gleich ganz weglassen. Trotzdem leisten sie etwas, wozu reiner Text nicht in der Lage ist: In einem Audio-Beitrag kann der Autor durch Betonung Akzente setzen, mit mehreren Sprechern arbeiten oder Zitate direkt als O-Ton einspielen. Von der Reportage über das Magazin bis hin zum einfachen Bericht wirkt fast alles in Form eines Audio-Beitrags lebendiger als reiner Text. Und damit wären wir beim nächsten großen Problem des Textes: Seiner vermeintlichen Langeweile.

Ist Text langweilig?

Journalist Robert Kindermann schreib bereits 2014 in einem Gastbeitrag bei „Lousy Pennies“ vom langweiligen Text. Vor allem die junge Zielgruppe, die mit Audio- und vor allem Videoinhalten sozialisiert worden sei, könne Text nicht mehr allzu viel abgewinnen. Sie seien es gewohnt, technische Produkte von Angeboten wie „The Verge“ in guter Qualität vorgeführt zu bekommen, anstatt sich durch lange Artikel zu scrollen. Der ehemalige Chefredakteur Joshua Topolsky habe früh auf Video gesetzt und damit den Grundstein für den Erfolg der Webseite gelegt. Während sich die im Print etablierten Medien nach wie vor schwer tun, eine erfolgreiche Video-Strategie auf die Beine zu stellen, erreicht „The Verge“ pro Video schon einmal über eine Millionen Aufrufe.

Doch bevor man Video voreilig zum alleinigen Heilsbringer der Medienbranche erklärt, sollte man sich vor Augen führen, dass auch dieses Medium nicht ganz frei von Problemen ist. Videos sind deutlich aufwändiger als geschriebene Beiträge. Recherche und Schreiben sind hier nur die Basis – VoiceOver, Filmen und Schneiden machen einen nicht unerheblichen Teil der Arbeit aus. Einen einzelnen Journalisten kann ein gut gemachtes Video schein einmal eine ganze (Arbeits-)Woche beschäftigen. Hinzu kommt, dass die Videoproduktion alles andere als günstig ist. Das Equipment, das notwendig ist, um hochwertige Inhalte zu erstellen, kann schnell teuer werden. In Zeiten, in denen viele Medienhäuser an allen erdenklichen Enden Kosten einsparen, ist die Bereitschaft eher gering, ausreichend Zeit und Geld in die Videoproduktion zu investieren.

Audioformate als Zwischenlösung

Audioformate stellen hier die optimale Zwischenlösung dar. Sie lassen sich günstiger produzieren als Videos und können von der ausführlichen Reportage bis hin zum klassischen Podcast-Gespräch nahezu alles abbilden. „Spiegel Daily“ musste in seiner jetzigen Form zum Start viel Kritik hinnehmen, ergänzt mit Audioformaten wäre das Angebot aber durchaus interessant. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Sendung, die den Nutzer pünktlich zum Feierabend mit den wichtigsten Themen des des Tages versorgt? Ein solcher Podcast würde zudem das gegenwärtig recht dünne Audio-Portfolio des Verlags ergänzen, das bisher ausschließlich aus der Polit-Sendung „Stimmenfang“ besteht. Interessanterweise war der Spiegel inzwischen eines der ersten Medienhäuser in Deutschland, das Podcasts für sich entdeckte. 2006 startete Spiegel Online das Reise-Magazin „Urlaub für die Ohren“, das bereits ein Jahr später wieder eingestellt wurde. In einer Zeit, in der Podcasts nicht mehr mühsam am PC geladen und auf den iPod oder MP3-Player übertragen werden müssen, wäre ein neuer Anlauf sicher einen Versuch wert.

Die Liste an Podcasts, die nicht nur journalistische Inhalte bieten, sondern auch finanziell auf sicheren Beinen stehen, wächst nämlich beständig. Allein im deutschsprachigen Spielejournalismus finden sich mit „The Pod“ und „Stay Forever“ gleich zwei erfolgreiche Angebote, die aus einfachen Podcasts heraus entstanden. Inzwischen sind aus ihnen Spielemagazine zum hören geworden, die auf Patreon von ihren Zuhörern monatlich mit mit 16.000 beziehungsweise 8.000 US-Dollar unterstützt werden. Auch die öffentlich-rechtlichen Radiosender, die ohnehin schon existente Radio-Sendungen nach Ausstrahlung als Podcasts verfügbar machen, ergänzen ihr Angebot so bereits seit zehn Jahren erfolgreich. Und das ganz ohne Außerirdische auf dem Times Square.