Liebes Spotify… – Über schlechtes Design und die Auswirkungen

Liebes Spotify,

Seid ihr schon einmal gegen eine Tür gerannt, weil ihr dachtet, dass man sie drücken muss? Hat euer Opa schon einmal aus Versehen Omas Medizin geschluckt in der Annahme, es sei seine? Habt ihr bei der Oscarverleihung schon einmal versehentlich den falschen Film prämiert und musstet die Bekanntgabe später kleinlaut revidieren? (Letzteres ist nicht so häufig, kommt aber wohl vor.) Wenn die Antwort auf eine der Fragen „Ja“ lautet, seid ihr Opfer schlechten Designs geworden. Etwas ganz ähnliches ist mir letztens in eurer App passiert. Aber der Reihe nach. Bevor man sich über angebliches schlechtes Design aufregt, sollte man vielleicht erst einmal klären, was gutes Design überhaupt ist.

Auf einen Satz heruntergebrochen kann man sagen: Gutes Design von Gebrauchsgegenständen (und zu solchen zähle ich eure App einfach mal hinzu) sollte dem Nutzer nicht nur unmissverständliche klarmachen, was er zu tun hat, sondern eine falsche Benutzung so gut wie möglich verhindern. Schlechtes Design tut genau das Gegenteil. Es verwirrt oder bestraft kleine Unaufmerksamkeiten des Nutzers mit für ihn ungünstigen Folgen. Wer gegen eine Tür rennt oder den falschen Film zum Oscar-Preisträger erklärt, kommt sich blöd vor – Wenn Opa aus Versehen Omas Pillen nimmt, kann dies im schlechtesten Fall sogar gesundheitliche Folgen haben. Ganz so eine Kleinigkeit, wie man im ersten Moment denken mag, ist schlechtes Design also nicht.

Eigentlich mag ich euch. Es ist nicht nur bemerkenswert, dass ihr euch als ehemaliges kleines schwedisches Start-Up auf dem harten Markt des Musik-Streamings gegen Giganten wie Apple. Google und Amazon behaupten könnt – es macht euch irgendwie auch sympathisch. Ihr wirkt ein wenig wie das kleine gallische Dorf aus Asterix und Obelix, das sich trotz aller Widrigkeiten nicht dem Römischen Reich geschlagen gibt. Mit dem Unterschied, dass Ihr nicht nur von einem, sondern gleich von drei Weltreichen umringt seid. Ihr müsst in eurer Jugend gleich reihenweise in Zaubertränke gefallen sein.

Auch in Sachen Nutzbarkeit, Preispolitik und Personalisierung des Angebots seid Ihr in eurer Branche – das kann man ohne Übertreibung sagen – ungeschlagen. Die Mischung aus algorithmisch auf meinen Geschmack zugeschnittenen und händisch kuratierten Playlists habe ich bisher bei keinem Konkurrenten in ähnlich guter Form gesehen. Allein die „Beats to think to“-Playlist ist Gold wert und hat mich schon beim Tippen des ein oder anderen Textes begleitet.

Dazu kommt Ihr mit eurer Preisgestaltung auf den Nutzer zu. Eine vierköpfige Familie ist bei euch nicht gezwungen, für vier Premium-Accounts 40 Euro im Monat zu zahlen. Stattdessen können sie – unter der Bedingung, dass alle unter einem Dach wohnen – den Familien-Account für 15 Euro buchen. Dieses Vorgehen mag vielleicht wirtschaftlich gesehen nicht die klügste Entscheidung gewesen sein, aber es zeigt euer faires Verhalten dem Kunden gegenüber.

Doch in eurer App gibt es eine Stelle, die ich – bei aller Sympathie für euch – als schlecht gestaltet bezeichnen muss. Diese hier:

Bitte Spotify, beantworte mir diese eine Frage: Warum musstet ihr den Knopf zum entfernen des Downloads genau so gestalten und genau dort platzieren? Er liegt nicht nur einige Millimeter unter dem wesentlich öfter genutzten Shuffle-Knopf, er nutzt zu allem Überfluss auch noch genau die gleiche Farbe. Sowohl Platzierung als auch Farbwahl sind – freundlich ausgedrückt – ganz großer Mist. Ich möchte nicht wissen, wie viele eurer Kunden schon aus Versehen alle Downloads gelöscht haben, als sie ihre Lieder eigentlich nur in zufälliger Reihenfolge abspielen wollten. Allein mir ist genau das bisher drei Mal passiert.

Erst gestern kam ich beim Tippen auf den Shuffle-Button mit dem Gelenk meines Daumens aus Versehen auf den Knopf, der alle meine Downloads in dieser Liste ins Jenseits beförderte. Anders als andere Apps, die für einen Vorgang wie das Löschen aus gutem Grund Netz und doppelten Boden einbauen, fragt Ihr den Nutzer nicht einmal, ob er das wirklich will. Ihr löscht sie einfach und lässt euren Kunden, der sich nicht im WLAN befindet und womöglich gerade keine mobilen Daten zur Verfügung hat, ziemlich blöd dastehen. Wahrscheinlich nicht so blöd, wie man sich nach der Bekanntgabe eines falschen Oscar-Preisträgers fühlt, aber mindestens auf dem Level des Gegen-die-Tür-Rennens. Alle aufgezählten Beispiele sind vor allem deswegen dämlich, weil sie durch gutes Design und Layout hätten verhindert werden können.

Aber zum Glück habt ihr für den Fall, dass wieder einmal jemand seine Playlist versehentlich löscht, einen Workaround in eurer App versteckt. Nach dem oben beschriebenen Vorfall fiel mir auf, dass die App immer noch genauso viel Speicherplatz einnahm wie zuvor. Nicht ein einziger KB war frei geworden. Eine kurze Google-Recherche sagte mir, dass eure App alle gespielten oder heruntergeladenen Songs eine gewisse Zeit speichert. Voller Hoffnung betätigte ich den verhängnisvollen Knopf ein zweites Mal – nur um die Mitteilung zu erhalten, dass ich mich dafür mit einem WLAN verbinden müsse.

Ich gab die Hoffnung auf, meine Lieder noch irgendwie von den Toten auferstehen zu lassen und suchte in den Einstellungen nach der Option, Lieber über mobiles Netz zu laden. Ich fand sie – konsequenterweise – unter dem Menüpunkt „Soundqualität“. In der Befürchtung, mein mobiles Datenvolumen beim Schmelzen zusehen zu können, tippte ich ein drittes Mal an diesem Tag auf den Download-Knopf, was die Lieder mit einem Mal wieder auftauchen ließ. Offenbar hatte eure App diese tatsächlich noch gespeichert – und die Rückholung so umständlich wie möglich gestaltet.

Ich habe nur eine Bitte an euch: Entfernt diesen Knopf oder fragt den Nutzer zumindest, ob er die Downloads wirklich entfernen will. Obwohl diese sich zurückholen lassen, verwirrt diese Funktion doch ungemein. Pharmakonzerne, Türen-Hersteller und Oscar-Veranstalter haben die Design-Fauxpas der Vergangenheit durch optimierte Produkte ersetzt. Tut ihr das auch, würdet ihr nicht wenigen Konsumenten damit einen großen Gefallen tun.

Euer Julius