Nicht viel mehr als RSS – Push im Test

Mit Spiegel Daily ging im Mai 2017 ein weiterer Versuch an den Start, die Tageszeitung ins Internet zu übertragen. Das Angebot bündelt für den Tag relevante Artikel aus allen Spiegel-Redaktionen und ergänzt diese mit eigenen exklusiven Beiträgen. Wochentags um 17 Uhr erscheint eine neue Ausgabe, die bis zur nächsten Veröffentlichung unverändert bleibt. „Nur, was heute wichtig ist“ – Das Motto, unter das die Macher an der Ericus-Spitze ihr neues Produkt gestellt haben, ist eine Rückbesinnung auf die Rolle, die tagesaktuelle und geschriebene Medien im analogen Zeitalter zu erfüllen hatten. Eine Tageszeitung filterte Nachrichten nach ihrer Relevanz für den Leser und gewichtete sie durch Artikellänge und Position im Blatt. Irgendwann – sobald keine interessanten Artikel mehr vorhanden waren – war die Zeitung schließlich „zu Ende gelesen“ und entließ den Leser mit dem guten Gefühl in den Tag, umfassend informiert worden zu sein.

Mit dem Internet änderte sich dieses Selbstverständnis der Tageszeitung. Plötzlich hatte der Leser im Internet Zugriff auf unzählige Artikel ebenso vieler Redaktionen auf der ganzen Welt verteilt. Und das alles ohne Redaktionsschluss. Anstatt die Journalisten am Abend nach Hause zu schicken, stellten viele Medienhäuser früh auf Schichtdienst um. Rund um die Uhr versorgen die Reporter ihre Leser mit ständig neuen Meldungen, die aktuelle Entwicklungen sofort aufgreifen. Kaum ein Artikel kann zu Ende gelesen werden, ohne freundlich darauf hin gewiesen zu werden, dass auf der Startseite neue Artikel erschienen seien. In einer Tageszeitung hingegen – so scheint es heutzutage – steht nur, was gestern schon im Internet stand.

Der Wunsch nach dem Filter

Übersicht über einige Kanäle.

Zumindest unter den Medienmachern scheint der Wunsch nach einem „Filter“, der Ordnung ins vermeintliche Chaos bringt, stärker denn je vorhanden zu sein. Angebote wie das angesprochene Spiegel Daily, das (inzwischen leider eingestellte) Yahoo News Digest oder die App Push, um die es in diesem Artikel gehen soll, zeugen davon. Push stammt von Newsfusion – und ist nicht die erste Nachrichten-App des Entwicklers. Sein Portfolio reicht von einer App mit deutschen Nachrichten über „ISIS watch“ bis hin zu News über Mode und Lifestyle. Dazwischen tummeln sich Apps zu Juventus Turin, Apple oder Gaming. Im AppStore und bei Google Play ist Newsfusion inzwischen mit fast 50 Nachrichten-Apps vertreten. Eines aber haben alle diese Apps gemeinsam: Newsfusion produziert die Inhalte für die Angebote nicht selbst, sondern bezieht sie aus verschiedensten Quellen.

Auch Push funktioniert nach diesem Prinzip. Die etwas holprig gestaltete App scannt nach eigenen Angaben tausende Webseiten und Blogs nach relevanten Themen, sortiert diese nach Themen und ordnet sie den entsprechenden Kanälen zu, welche wiederum abonniert werden können. Damit fügt Push dem Konzept der Nachrichten-Filterung eine entscheidende Komponente hinzu: Die persönliche Anpassung. Während der „Spiegel“ jedem Nutzer unabhängig von dessen Interessen das gleiche Produkt liefert, kann Push auf den persönlichen Geschmack abgestimmt werden.

Große Auswahl an Kanälen

Push bietet sehr spezifische Kanäle.

Die Auswahl an Kanälen in Push scheint schier unendlich. Sehr allgemeine Themen wie „Tech“ oder „Sports“ können ebenso abonniert werden wie speziellere Unterthemen wie „Microsoft“ oder „Basketball“. Wer sich nur für ein bestimmtes Produkt oder ein bestimmtes Team interessiert, kann sogar noch spezifischere Kanäle abonnieren: Der Surface Laptop hat auf Push ebenso einen eigenen Kanal wie die Chicago Bulls.

Neue Kanäle können entweder über das Suchfeld oder den Browse-Tab hinzugefügt werden. Letzterer beherbergt eine ganze Reihe an aktuell relevanten Kanälen mit meist spezifischen Themen, die wiederum nach Über-Kategorien unterteilt sind. Die Auswahl reicht hier von allgemeinen Nachrichten über US-Politik und Tech bis hin zu Wissenschaft. Push ist aktuell ausschließlich in Englisch verfügbar, was sich auf Auswahl und Inhalt der Kanäle niederschlägt. Push bietet nur sehr wenige Inhalte, die für deutschsprachige Nutzer interessant sein könnten. Einen allgemeinen Kanal für deutsche Politik sucht man beispielsweise ebenso vergeblich wie Kanäle über einzelne Parteien oder Politiker. Selbst im Kanal von Angela Merkel, die als einzige deutsche Politikerin einen eigenen Kanal besitzt, ist vergleichsweise wenig los.

Jeder abonnierte Kanal taucht in einer Übersicht auf, die über den „My Channels“-Tab zu erreichen ist. Die Kanäle an sich wirken wie ein von einem Interessierten zusammengestellter RSS-Feed. Beiträge von großen Webseiten wechseln sich mit denen bekannter Blogs ab und ergeben so eine thematisch durchaus vielfältige Mischung.

Angenehmes Lesen

Artikel sind angenehm zu lesen.

Das Lesen der Beiträge funktioniert ähnlich wie bei Feedly. Während einige Artikel nur aus Teaser und Link zum ursprünglichen Beitrag auf der Seite des Urhebers bestehen, erlauben andere, den kompletten Text in der App zu lesen. Da der Entwickler darauf verzichtet, Werbung in den Artikeln einzublenden, lassen sich diese in der App durchaus angenehm lesen.

Artikel können auf Wunsch direkt aus der App heraus geteilt werden. Push nutzt dafür im Post allerdings nicht den eigentlichen Link, sondern schickt den Nutzer über go.newsfusion.com zu seinem eigentlichen Ziel. Diese Praxis verwirrt unnötig, da der Name des eigentlichen Urhebers im Social-Media-Beitrag nirgends auftaucht. Im unten gezeigten Beispiel muss der Nutzer erst einmal auf den Link klicken, um herauszufinden, dass der geteilte Artikel von „Mashable“ stammt. Das hätte sicher auch besser gelöst werden können.

Die Push-Mitteilungen sind ein kleinerer Bestandteil der App, als es der Name der App zuerst vermuten lässt. Zwar folgt auf das Abonnieren des ersten Kanal prompt die Bitte, Mitteilungen zu erlauben, in der Praxis geht der Dienst aber recht sparsam mit diesen um:
Im Schnitt meldet sich ein Kanal nur ein paar Mal in der Woche. Trotzdem störende Channels können in der Übersicht mit einem Wisch nach links stummgeschaltet werden. Zwischen 22 und sieben Uhr richtet die App automatisch den „Nicht stören“-Modus ein. Schließlich wird keiner gerne von einer Meldung über Amazon um seinen wohlverdienten Schlaf gebracht.

Fazit – Nicht viel mehr als RSS?

Ist Push nun der von einigen herbeigesehnte Kurator fürs Internet, der hilft, weniger zu lesen und trotzdem mehr zu wissen? Ist Push tatsächlich die „Firewall gegen durchschnittlichen Content“, die das Überangebot an Nachrichten bekämpft? Nein – denn im Endeffekt wird hier nur das Prinzip des guten alten RSS-Feeds aufgegriffen und mit einigen Marketing-freundlichen Features ergänzt. Anstelle von einzelnen Webseiten werden hier algorithmisch gefüllte Kanäle abonniert, die sich auch mit den RSS-Feeds entsprechender Blogs und Webseiten abbilden lassen. Hinter Push steckt also keine wirkliche Innovation.

Stattdessen wird der Nutzer dazu gebracht, einen Teil seiner Selbstbestimmung aufzugeben. Bei Push kann er – anders als beim klassischen RSS-Feed – schließlich nicht bestimmen, aus welchen Quellen die Inhalte kommen sollen. Die eigentliche Firewall gegen durchschnittlichen Inhalt baut der Nutzer meist ganz von alleine auf – indem er entsprechende Webseiten gar nicht erst in seinen Feed integriert. Das Internet hat in den Jahren seines Bestehens grandiose Möglichkeiten hervorgebracht, um seinen persönlichen Medienmix selbstbestimmt zu erstellen. Brauchen wir da wirklich eine App, die den Weg zurück geht, um uns mit einer „Firewall gegen durchschnittlichen Content“ zu schützen? Vielleicht sollten wir aufhören, Internet-Nachrichten nur mit ständigem Überfluss in Verbindung zu bringen und den Fokus wieder auf das Potential zu richten: Dank des Internets haben wir es einfacher als jede Generation vor uns, uns aus vielen verschiedenen Quellen umfassend zu informieren. Da muss man nicht unbedingt zurück zur Tageszeitung.

Push - by Newsfusion
Preis: Kostenlos