Abgründe des Fernsehens: Machos und Playboys

Im Fernsehen läuft Schrott. Diese Erkenntnis ist nicht neu, macht das ganze aber auch nicht weniger schlimm. In dieser Reihe steige ich regelmäßig in die Abgründe des Fernsehens herab, um mir die Sendungen anzusehen, die es besser nie aus der Ideen-Schublade des zuständigen Redakteurs heraus geschafft hätten. Und das nur, damit ihr das nicht tun müsst. Denn im Klärwerk kann es manchmal ziemlich stinken. Heute an der Reihe: Machos und Playboys.

Wer dachte, das deutsche Privatfernsehen sei in Sachen Niveaulosigkeit nur schwer zu überbieten, muss einen Blick in die Sendewelt unserer österreichischen Nachbarn werfen. Dort hat sich der Privatsender ATV in den inzwischen siebzehn Jahren seines Bestehens zur Speerspitze bei der Verbreitung fragwürdiger Inhalte gemausert. Nach Tiefpunkten wie „Wien – Tag und Nacht“ und „Teenager werden Mütter“ brachte der inzwischen zur ProSiebenSat.1-Mediengruppe gehörende Sender Anfang 2016 ein – freundlich ausgedrückt – besonderes Format an den Start. „Machos und Playboys“ heißt die Sendung, die fünf Männer in ihrem Alltag begleitet.

Ein Frauenbild aus den Fünfzigern

Die Fünf haben vor allem eine Gemeinsamkeit: Ihr Frauenbild scheint irgendwo in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts stehen geblieben zu sein. Für die testosterongesteuerten Alphatiere besteht der Sinn und Zweck des weiblichen Geschlechts in erster Linie darin, gut auszusehen, Wünsche zu erfüllen und als hübsches Beiwerk zu dienen. Posterboy dieser fragwürdigen Sendung ist Ingo Oberhofer. Er taucht auf Pressebildern bevorzugt auf und hat von ATV sogar einen eigenen Song spendiert bekommen. Und schon die zehn Gebote des Reality-TV besagen, dass nur die relevanteste Figur einer solchen Sendung mit einem Song geehrt wird.

Der ehemalige Unternehmer hat es nach eigenen Angaben bereits seit Jahren nicht mehr nötig, richtig zu arbeiten und vertreibt sich seine freie Zeit deswegen mit seiner „devoten“ Partnerin Claudia. Dem Rest der Männerwelt kann der selbsternannte Macho wenig abgewinnen. Durch „den ganzen Emanzipationsscheiß“, der „gerade auf dem Markt“ sei, versuchten die Männer, es jeder Frau recht zu machen. Oder, wie Ingo es eine Spur direkter ausdrückt: Sie werden immer mehr zu „Schwuchteln“. Wohin diese „Verschwuchtelung“ der Männerwelt führe, könne man ja am Eurovision Song Contest sehen, bei welchem Österreich mit Conchita Wurst eine Travestiekünstlerin ins Rennen schickte. (Österreich gewann den Wettbewerb mit ihr übrigens – aber das nur nebenbei.) Und er wolle im Gegensatz zum Rest der Männerwelt schließlich nicht als Wurst enden.

Das „kalte Kotzen“

Oh je. Die erste Folge hat noch nicht einmal richtig begonnen und schon ist klar: Diese Sendung könnte harte Kost werden. Als normaler Zuschauer bekommt man bei dieser Reality Soap – um mal einen von Ingos Lieblingssprüchen zu bemühen – spätestens jetzt genau das „kalte Kotzen“, das in ihm zum Beispiel dann hochkommen würde, wenn er gezwungen wäre, im Sportwagen neben einer hässlichen Frau sitzen müsste. Er, der nach eigenen Angaben zu den letzten echten Männern zählt, brauche dort „schöne Schenkel“ und vor allem „Brüste, wo man auch mal hinpacken kann.“

Um zu beweisen, dass die „Verschwuchtelung“ der Männerwelt im Hause Oberhofer noch keinen Einzug gefunden hat, schickt er seine Partnerin prompt zum Zigaretten holen, was diese ohne den Hauch eines Widerworts auch sofort tut. Claudia sei schließlich seine unterwürfige Sklavin, von der er alles verlangen könne. „Wenn ich sage: `Spring vom Dach!`, dann tut sie das auch. Ich habe da aber bisher noch nicht die Notwendigkeit drin gesehen“, erklärt Ingo auf die erstaunte Nachfrage des Redakteurs, was er alles von seiner Partnerin verlangen könne.

Sätze wie aus „Fifty Shades of Grey“

Besagte Sklavin beglückt uns im späteren Verlauf der Sendung ungefragt mit Sätzen, die auch aus einer „Fifty Shades of Grey“-Verfilmung stammen könnten. Ein Mensch könne sich keinen anderen einverleiben – das gehen nur mit Druck und Zwang. Als erwachsene Frau hingegen habe sie sich ihrem Partner geschenkt, da sie eine strenge Hand brauche, die sie führe, ohne sie zu unterdrücken. Als Zuschauer rechnet man an dieser Stelle schon fast mit Einblicken in den geheimen SM-Keller der beiden, zu denen es allerdings erstaunlicherweise nie kommt.

Stattdessen dürfen wir den beiden beim wesentlich weniger spannenden shoppen zusehen. Im Einkaufszentrum muss Claudia aus Respekt vor Ingos „unglaublicher Männlichkeit“ immer ein paar Schritte hinter ihm her gehen. Also quasi wie bei der Queen, nur mit vertauschten Rollen. An dieser Stelle werden wir Zeuge eine der wenigen Zugeständnisse, die Ingo seiner Partnerin zu machen scheint. Zwar muss sie ihre Kleidung von Ingo genehmigen lassen („Er ist der Modeexperte“), darf sie sich aber zuvor zumindest selbst aussuchen. Sexy und figurbetont sei sein Modegeschmack. Für die Kleidung müsse Claudia dann im Übrigen selbst zahlen. Es sei schließlich eine Form der Respektzollung, wenn sie ihr Geld investiere, um ihm zu gefallen.

Wenig später probiert Claudia in einem anderen Geschäft eine weiße Bluse an. Ihm gefalle daran vor allem, dass man die „UKW- und Mittelwelle-Knöpfe“ sehen könne, antwortet Ingo auf Nachfrage des Redakteurs, um gleich im nächsten Satz eine Prise Kulturrassismus hinzuzufügen. Sie seien ja noch nicht bei den Moslems, hier dürfe eine Frau noch zeigen, was sie hat. Diese Szene ist vor allem deswegen absurd, weil das in der Sendung propagierte Macho-Gehabe eben jenem Kulturkreis häufig vorgeworfen wird, merkte „FernsehkritikTV“ in einem Beitrag über die Sendung passenderweise an.

In diesem Muster geht die Sendung noch noch eine ganze Weile weiter. Claudia geht für Ingo Essen holen oder macht ihm die Zigarre an, wenn er es verlangt. Dabei weiß sie schon, was zu tun ist. Instruktionen ihres Meisters braucht die „devote Partnerin“ schon lange nicht mehr. Wie so häufig in Reality Soaps dieser Art passiert inhaltlich in den sechs bisher erschienenen Folgen wenig.

Die Frage nach dem Warum

Trotzdem stellte sich mir beim Anschauen dieses besonderen Stück Fernsehens eine Frage: Warum tut sich die Frau so etwas an? Warum „schenkt“ sie sich einem Mann, der auf die Frage, was er Frauen bieten könne, mit `Schau mich an. Bin ich nicht perfekt?` antwortet? Warum ist sie bereit, für ihre Beziehung über sechzig Jahre Emanzipation über den Haufen zu werfen?

Sicherlich ist Geld die naheliegendste Antwort. Doch nicht einmal Geld kann alles erklären, was wir als Zuschauer dieser Sendung zu Gesicht bekommen. Denn Geld haben auch Männer, die von ihren Partnerinnen nicht verlangen, sich ihnen bedingungslos zu unterwerfen. Vielleicht spielt eine gewisse Art der Bequemlichkeit eine große Rolle. Freiheit bedeutet schließlich immer auch Verantwortung. (Dieser Satz könnte auch im Wahlkampfprogramm der FDP stehen, fällt mir gerade auf.) Wer seine Entscheidungen frei trifft, muss auch mit den etwaigen Konsequenzen leben. Die Unterwerfung unter eine starke Hand ist eine Möglichkeit, diese Unannehmlichkeiten zu umgehen. Ingo ist der Chef, Claudia maximal das ausführende Organ, das quasi keine Gefahr läuft, etwas falsch zu machen. Und dieses Leben scheint so erstrebenswert zu sein, sich dafür vor Fernsehpublikum zum Objekt degradieren zu lassen.