Regieren nach dem Tinder-Prinzip – Reigns im Test

„Der König ist tot. Lang lebe der König!“ Ein wenig pietätlos ist es schon, dass die Menschen die erfolgreiche 20 Jährige Amtszeit Robert des Zauberers bereits in dem Moment vergessen zu haben scheinen, in dem ich als König Balduin die Geschäfte an der Spitze des Staates übernehme. Aber das sind wohl die Gepflogenheiten unserer Zeit: Kaum liegt der alte König unter der grünen Wiese, regiert bereits ein neuer. Das sind die Leute gewohnt. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass es sich in diesem Reich ein neuer Herrscher auf dem Thron bequem macht. Doch kaum einer hat es auf dort bisher so lange ausgehalten wie Robert. Wie dem auch sei: Zeit, meinem Vorgänger lange hinterher zu trauen, bleibt mir ohnehin nicht. Als König Balduin habe ich nur ein Ziel: Möglichst lange an der Macht zu bleiben.

Im Indie-Hit Reigns schlüpft der Spieler in die Rolle eines Königs, der über ein mittelalterliches Reich herrscht. In diesem gibt es vier relevante Ressourcen, deren aktueller Stand durch vier Symbole am oberen Rand des Bildschirms visualisiert wird: Glaube, Militärische Stärke, Geld und Bevölkerung. Das Spielprinzip ist denkbar einfach und erinnert an die Dating-App Tinder. Nacheinander treten verschiedene Personen mit ihren Anliegen an den König heran. Diese können durch ein Wischen nach Links beziehungsweise Rechts angenommen oder abgelehnt werden.

Gleichgewicht der Ressourcen

Einige Entscheidungen werden im späteren Verlauf noch eimal aufgegriffen.

Welche der Ressourcen von der Entscheidung beeinflusst werden, zeigen kleine Punkte über dem jeweiligen Symbol an. Ein Hinweis, ob sich diese positiv oder negativ auf eine Ressource auswirkt, gibt das Spiel nicht. In den meisten Fällen sind die Konsequenzen der königlichen Beschlüsse aber ohnehin logsich zu erschließen. Soll eine Kirche gebaut werden, um dem angeblich gottlosen Volk den Glauben wieder näher zu bringen? Das würde die Kirche freuen, gleichzeitig aber auch ein großes Loch in den Staatshaushalt reißen. Soll der Barbar vor den Toren des Landes angegriffen werden? Oder sollen Diplomaten versuchen, ihn zu beschwichtigen? Beides ist mit einem gewissen Risiko verbunden.

Oh je. Bereits nach wenigen Jahren im Amt zeichnet sich die erste Katastrophe ab. Im Hafen ist eine verdächtige Ladung eingegangen: Das Schiff, so steht es zumindest zu vermuten, hat die Pest an Bord. Eigentlich kann es sich das notorisch klamme Reich nicht leisten, die wertvolle Ladung einfach so zu verbrennen. Aber im Angesicht des schwarzen Todes darf ich nicht ausschließlich an die Wirtschaft denken. Auf gar keinen Fall darf ich riskieren, dass große Teile des Volkes oder – noch viel schlimmer – ich selber an der Pest zu Grunde geht. Also befehle ich schweren Herzens die Verbrennung der Ladung. Sicher ist sicher…

Im Grunde gibt es in Reigns nur zwei übergeordnete Ziele: Möglichst lange an der Macht zu bleiben und die eigene Position zu festigen. Dafür müssen die Ressourcen möglichst im Gleichgewicht gehalten werden. Ist eine von ihnen zu stark oder zu schwach vertreten, bringt dies den amtierenden Regenten schnell in Gefahr. Während ein zu schwaches Militär beispielsweise dafür sorgt, dass das Reich zum attraktiven Angriffsziel für Gegner aller Art wird, verleitet ein zu starkes Heer die Generäle dazu, selber nach der Macht zu bleiben – beides hilft dem König nicht wirklich, sich an der Spitze des Staates zu halten.

Jede Entscheidung ein Drahtseilakt

Ist eine Ressource nicht mehr ausreichend verhanden, endet die Regentschaft meist nicht so erfreulich.

Diese Mechanik macht jede Entscheidung zu einem Drahtseilakt: Vor allem am Anfang, wenn die genauen Auswirkungen einer Entscheidung noch schwer abzuschätzen sind, regiert neben dem König vor allem die Unsicherheit. Ob sich ein Beschluss positiv oder negativ auf die Ressourcen auswirken wird, lässt sich meist logisch erschließen – wie stark diese Auswirkungen sein werden, lässt sich erst mit ein wenig Erfahrung antizipieren. Die Riege an Bittstellern, die vom Priester über den Henker und Geschäftsmann bis hin zum General reicht, trägt ihr übriges zur erwähnten Unsicherheit bei: Ihre Einschätzungen sind ungefähr so vertrauenswürdig wie Internetwerbung für Abnehmmittel.

Anders als der König geht es ihnen nicht darum, die Mächte im Land im Gleichgewicht zu halten. Sie haben einzig und allein ihre eigenen Interessen im Sinn, wenn sie mit einem Vorschlag an den König herantreten. Im Laufe des Spiels lässt sich recht schnell ein Gefühl dafür entwickeln, welcher Ratschlag angesichts der aktuellen Lage tatsächlich ratsam wäre. Einige Entscheidungen werden tatsächlich im späteren Verlauf des Spiels wieder aufgegriffen. So bekommen ein paar der Entscheidungen Tiefe, die den anderen leider fast komplett fehlt. Eine Ressource erholt sich schnell, sobald der König einige Entscheidungen trifft, von denen sie profitiert. Der Kirchenbau macht zum Beispiel all das vergessen, mit dem der gläubige Teil der Bevölkerung all die Jahre nicht zufrieden war.

Was will der Berater denn nun schon wieder?. Immer, wenn ich gerade schwer damit beschäftigt bin, die Mächte im Land halbwegs im Gleichgewicht zu halten, kommt er mit einer neuen Idee um die Ecke. Dieses Mal geht es um einen Arzt, der fast magisches verbringen können soll. Magisch? Da läuten bei der Kirche und den Gläubigen sicher wieder alle Alarmglocken. Auf der anderen Seite kann er nützlich sein. Und an Magie glaube ich sowieso genauso wenig wie an die angeblichen Kräfte des betrügerischen Hellsehers, der mit für 600 Goldstücke seine Dienste anbietet. Wie dem auch sei: Ich lasse den Arzt rekrutieren. Vielleicht macht er sich früher oder später ja noch mal nützlich.

Falsche Antworten ohne Konsequenzen

Die einzelnen Spielrunden werden auf einem Zeitstrahl dargestellt.

Die ständigen Entscheidungen werden hin und wieder durch Dialogsequenzen unterbrochen. Durch diese werden häufig neue Charaktere eingeführt, die neue Karten mitbringen und großen Einfluss auf die Ressourcen des Landes ausüben können. Meist erfüllen sie eine nützliche Funktion, die es dem König bei geschicktem Einsatz erlaubt, sich länger an der Macht halten zu können. Ein Arzt hilft, Krankheiten besser einschätzen zu können; Der Barbar hilft im Kriegsfall mit seinen Truppen aus, sofern er Sympathie für den König entwickelt. Leider ist es hier möglich, sich im Kreis zu drehen.

Dialoge können mehrfach auf einen Punkt zurückkehren, an dem sie vorher bereits gewesen waren. Eigentlich falsche Antworten bleiben somit teilweise de facto ohne Konsequenzen. Ähnlich verhält es sich mit dem Tod eines Königs: Muss dieser das Zeitliche segnen, beginnt die Amtszeit des Nachfolgers quasi direkt. Jeder Neubeginn ist im gleichen Universum angesiedelt und setzt die Dynastie der Könige fort, die vor jeder neuen Runde in einem Zeitstrahl dargestellt wird.

Endlich erfreuliche Nachrichten! Arbeiter sind in einer Mine auf Gold gestoßen. Doch selbst die besten Neuigkeiten bewahren mich als König nicht davor, Entscheidungen von Tragweite treffen zu müssen. Lasse ich die Einnahmen unauffällig in der eigenen Tasche verschwinden? Oder soll die Allgemeinheit vom Goldrausch profitieren? Obwohl ich mir für meinen harten Job als Herrscher eine kleine Extrazahlung mehr als verdient hätte, entscheide ich mich mit Blick auf die nicht gerade berauschende finanzielle Lage des Staates zähneknirschend für Option Nummer zwei. Was man nicht alles tut, um an der Macht zu bleiben…

Ausbaufähiges Kampfsystem – Nette Grafik

Neben den Dialogen sorgen vor allem die Kämpfe für Abwechslung. In diesem bleiben dem Spieler zwei Optionen – ausweichen und angreifen – die es gilt, geschickt einzusetzen. Auf den ersten Blick ist dieses System nicht wirklich logisch erklärbar. Es ist schlicht nicht ersichtlich, welche Aktion wann den größten Effekt zeigt. Die Technik hinter den Kämpfen erklärt sich erst, wenn man das Angebot des Generals annimmt, gegen ihn in einem Duell anzutreten. Diese Lösung ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der anderen Seite wurde hier ein Tutorial in das Spiel eingebaut und steht anders als bei vielen anderen Games nicht losgelöst vom Rest am Anfang. Auf der anderen Seite steht die Frage, ob das Kampfsystem überhaupt gelungen ist, wenn es ein Tutorial erfordert.

Gut gelungen sind hingegen die Grafik und der Sound. Mit seinem flachen Cartoon-Design hebt sich das Spiel angenehm von anderen Mobile Games ab, in denen großköpfige gerenderte Figuren ohne Ecken und Kanten dominieren. Trotz (oder gerade wegen) der Reduzierung erhalten die Figuren tatsächlich Charakter. Selbst die klischeehafte Vertonung, die den Henker wie ein Disney-Bösewicht klingen lässt, fügt sich gut in das Konzept des Spiels ein.

Schon wieder gibt es Neues aus den Goldminen – dieses Mal sind die Nachrichten allerdings weniger erfreulich. Ein Unfall im Stollen hat 100 Arbeitern das Leben gekostet. Eigentlich braucht das Land die Einnahmen, die die Goldmine zuverlässig abwirft. Also weitergraben? Damit würde ich riskieren, dass mir das Volk aufs prächtig gestaltete Thronsaaldach steigt. Doch dank einiger populistischer Entscheidungen sind sind meine Beliebtheitswerte so hoch wie nie. Die werden diesen kleinen Zwischenfall schon überstehen, ohne gleich ins Bodenlose zu sinken. Außerdem darf das Volk nicht zu zufrieden werden. Wer weiß, auf was für Ideen die Menschen sonst so kommen.

Fazit

Das Kampfsystem ist ohne Erklärung etws verwirrend.

Reigns bekam nach seinem Erscheinen im letzten Jahr einige Aufmerksamkeit – und das durchaus zurecht. Die Prämisse, Spieler in die Rolle eines Mittelalterlichen Königs zu stecken und ihn nach dem Tinder-Prinzip Beschlüsse fällen zu lassen, gibt einiges her. Jede Entscheidung muss wohl abgewägt werden und zu sehen, wie stark sich Beschluss auf Ressourcen auswirkt, sorgt in besonders engen Situationen für Spannung. Trotzdem kommt Reigns nicht ohne Schwächen daher: Vielen Entscheidungen fehlen Tiefe und längerfristige Konsequenzen; das Kampf- und Dialogsystem könnte besser sein. Dennoch macht das Spiel einfach Spaß: In die Rolle eines Königs zu schlüpfen und und per Wisch über Anliegen zu entscheiden, hat unbestreitbar seinen Reiz.

Plötzlich steht ein Sklett vor mir. Während ich mich noch frage, wie zur Hölle ich schon wieder in diese surreale Situation geraten bin, beginnt das Gerippe schon mit seinen Drohgebärden. Nun zahlt es sich also endlich aus, vor ein paar Jahren den Kampfunterricht beim General genommen zu haben. Ich wehre die Angriffe meines Gegners gleich zwei Mal gekonnt ab, um ihn dann mit zwei gezielten Schlägen zurück ins Jenseits zu befördern. Doch mein heroischer Sieg bleibt unter den Lebenden unbeachtet: In meiner Abwesenheit haben die Mächtigen längst einen anderen König eingesetzt und mich bis ans Ende meiner Tage ins Exil verbannt. Der König ist tot. Lang lebe der König!