Vergessene Produkte: iPod HiFi

In seiner Zeit an der Spitze von Apple war Steve Jobs nicht immer eine unumstrittene Figur. Doch selbst seine größten Kritiker geben zu, dass Jobs ein ungeheuer wichtiges Talent mitbrachte: Er konnte verkaufen. Jobs verstand es wie kaum ein zweiter, bei seinen Zuhörern Begehrlichkeit zu wecken. Durch geschickte Wortwahl, rhetorische Stilmittel und Betonungen gelang es ihm, seinem Publikum weiß zu machen, dass genau das vorgestellte Produkt bisher in ihrem Leben gefehlt hatte. Vergleicht man die Vorstellungen bedeutender Apple-Produkte der letzten rund 20 Jahre – vom ersten iPod über das iPhone bis hin zum iPad – lassen sich erstaunliche Parallelen feststellen.

Zuerst etablierte Jobs für gewöhnlich ein Problem mit einer Produktkategorie, um kurz darauf klarzustellen, dass es bisher keinem Hersteller gelungen sei, dieses zur vollen Zufriedenheit der Kunden zu lösen. Schließlich endete jede Keynote mit der Enthüllung des Produkts und dem Versprechen, mit ihm genau diese Lücke auszufüllen. Während viele in den 2000ern präsentierte Produkte zu Welterfolgen wurden, konnte andere selbst ein Steve Jobs in Höchstform nicht zum Erfolg reden.

Der vergessene Lautsprecher

Der iPod HiFi fällt eindeutig in letztere Kategorie. Dabei hatte Jobs bei der Vorstellung alle verfügbaren rhetorischen Register gezogen, um seinem Publikum den Lautsprecher schmackhaft zu machen. Apple habe ein System geschaffen, das eine Einheit mit dem iPod bilde, um Heim-Stereo-Anlagen „neu zu definieren“. Mit seiner „atemberaubenden und raumfüllenden Akustik“ liefere es Qualität, die der Konkurrenz weit überlegen sei. Schließlich ließ sich Jobs sogar zu der Aussage hinreißen, als audiophiler Mensch seine Stereoanlage zu Gunsten seines neuen Produkts in den Ruhestand schicken zu wollen – Eine Aussage, die ihm fast ebenso viel Spott einbrachte wie die am gleichen Vormittag präsentierte Lederhülle für den iPod, die mit einer UVP von 99 Dollar an den Start ging.

Das Erfolgsrezept, ein bestehendes Produkt deutlich zu verbessern – es war Apple mit dem iPod fünf Jahre zuvor gelungen und sollte mit einem gewissen iPhone ein Jahr später wiederholt werden – ging hier nicht auf. Selbst Steve Jobs Rhetorik konnte nicht darüber hinwegtäuschen, das der iPod HiFi nicht viel mehr als eine teurere Version bereits bestehender Anlagen war, die sich ebenfalls mit dem iPod verbinden ließen. Die Vorteile – wenn denn überhaupt vorhanden – waren offenbar nicht groß genug, um die Kunden zum zahlen der „Apple-Steuer“ zu bewegen. So wurde der iPod HiFi zu einem der wenigen Apple-Produkte der 2000er Jahre, das schnell wieder in Vergessenheit geriet. Aber der Reihe nach.

Der iPod HiFi war in erster Linie eines: Ein hochwertig gestalteter Lautsprecher. Während die Front, die gleichzeitig als Schallwand fungierte, mattschwarz gehalten war, passte sich der Rest des Gehäuses durch das verwendete weiße Kunstharzgemisch an das Design an, das Apple zu dieser Zeit vielen seiner Produkte verlieh. Auch iMac und iPod glänzten damals weiß. Für die Firma aus Cupertino stellte der iPod HiFi in gewisser Weise einen Schritt zurück in alte Zeiten dar: Zuerst hatten sie die Musiksammlung der Kunden mit dem iPod überall verfügbar gemacht – nun sollte sie in guter Qualität zurück ins Wohnzimmer geholt werden. Noch viel stärker als bei ihren PCs und MP3-Playern kam es beim Lautsprecher darauf an, das Produkt nicht nur zu einem Gadget, sondern auch zu einem Lifestyle-Produkt zu machen.

Late to the Party

Von Teófilo Ruiz Suárez – Flickr, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3478102

Wenig überraschend lobten Testberichte neben dem Design – das Apple im übrigen ein Red Dot Design Award einbrachte – auch die hervorragende Verarbeitung des iPod HiFi. Spaltmaße suchte man ebenso vergeblich wie sichtbare Schrauben oder Klammern. Philipp Schäfer attestierte dem Gerät in einem Testbericht auf „av-magazin.de“ gar eine „perfektionistische“ Ausarbeitung der Ecken und Oberflächen. Diese Perfektion war notwendig, um im schon damals hart umkämpften Wohnzimmer überhaupt eine Chance zu haben. Spätestens seit dem Durchbruch der Flachbildfernseher stellte sich niemand in Apples Zielgruppe mehr freiwillig ein hässliches oder schlecht verarbeitetes Gerät ins Wohnzimmer.

Dabei war der iPod HiFi nicht ausschließlich für die eigenen vier Wände gedacht. Trotz des Gewichts von über sieben Kilogramm im aufgeladenen Zustand stattete Apple den Lautsprecher mit Batteriefächern und zwei Haltegriffen aus, um das Abspielen von Musik auch unterwegs zu ermöglichen. Diese Doppelfunktion sollte den iPod HiFi offenbar von den vielen anderen (häufig deutlich günstigeren) Alternativen auf dem Markt abheben – denn wie schon beim iPod war Apple auch bei der neuen Musikanlage wieder einmal später dran als die Konkurrenz.

Im Windschatten von Apples zu diesem Zeitpunkt erfolgreichsten Produkt hatte sich eine ganze auf Zubehör spezialisierte Sparte entwickelt. Bedeutende Audio-Firmen wie Logitech, Bose oder JBL hatten das Potential einer Anlage, die Musik des iPods abspielt, erkannt und entsprechende Geräte auf den Markt gebracht. Und Apple wollte es nicht ausschließlich der Konkurrenz überlassen, auf diese Weise vom Höhenflug des iPods zu profitieren.

Eine Reihe an Problemen

Dass dieser Plan nicht aufging, lag gleich an einer ganzen Reihe an Problemen, die bereits bei der Namensgebung begannen. Obwohl es sich beim iPod HiFi technisch gesehen um Zubehör handelte, dass ohne ein zusätzliches Gerät nicht funktionierte, gab Apple dem Produkt einen Namen, der sehr nach eigenständigem Produkt klang. Auch für die Verwendung des Ausdrucks HiFi musste sich Apple Kritik gefallen lassen. Anders als klassische HiFi-Anlagen bestand Apples Lautsprecher nämlich nicht aus mehreren Bestandteilen, sondern aus einer einzigen Komponente. Der Name suggerierte in den Augen vieler Kritiker also eine Qualität, die allein aufgrund der Bauweise gar nicht erreicht werden konnte.

Bei der Beurteilung der Klangqualität gingen die Testergebnisse weit auseinander: Während Philipp Schäfer diese im oben erwähnten Testbericht als „Gut bis Sehr Gut“ bezeichnete, verrissen andere Tester den 349 Dollar teuren Lautsprecher förmlich in der Luft. Nur auf Ohrhöhe des Nutzers sei das Klangbild wirklich optimal, schreib Kai Schmerer in einem Test auf cnet.de, „In allen anderen Positionen ist das Klangbild enttäuschend. Höhen sind kaum wahrnehmbar, Mitten und Bässe verschmelzen zu einem Klang-Wirr-Warr, der Hi-Fi-Enthusiasten einen kalten Schauer über den Rücken jagt.“ Davon, wie Steve Jobs seine Stereoanlage gegen den iPod HiFi einzutauschen, war Schmerer offenbar noch weit entfernt.

Ein tristes Schattendasein

Tatsächlich hatte die Positionierung des Lautsprechers im Raum einen entscheidenden Einfluss auf den Sound. In der Anleitung fanden sich detaillierte Hinweise zur Positionierung des Lautsprechers, die befolgt werden mussten, um optimale Klangqualität zu erhalten. Der iPod HiFi durfte demnach weder zu nahe an einer Wand, noch zu niedrig platziert werden. Diese Vorgaben widersprachen Apples eigentlichem Konzept, den Lautsprecher überall in der Wohnung aufstellen und ihn auf Wunsch auch nach draußen mitnehmen zu können. Dass ein fast 350 Euro teurer Lautsprecher nur unter bestimmten Bedingungen sein Optimum erreichte, war – freundlich ausgedrückt – nicht gerade das, was sich die Käufer wünschten.

Nach der Vorstellung und den ersten Testberichten wurde es schnell ruhig um Apples Lautsprecher. Zwar zeigten die Zahlen der Analysten, dass der iPod HiFi bereits nach rund einem halben Jahr mit einem Marktanteil von 7,8 Prozent die viertbeliebteste Anlage auf dem Markt war – zu einem durchschlagenden Erfolg wurde das Gerät jedoch nie. Rund eineinhalb Jahre durfte der iPod HiFi sein tristes Dasein im Schatten von iPod und iPhone führen, ehe Apple im Juni 2007 Einsicht zeigte und den Lautsprecher aus dem Online Store entfernte. „Apple hat sich dazu entschieden, den Fokus auf den iPod und das iPhone zu legen und wird den iPod HiFi deswegen nicht länger produzieren“, ließ Apple auf Anfrage des Tech-Blogs „engadget“ verlauten. Der Kunde könne bereits jetzt unter hunderten Geräten anderer Hersteller wählen. Einen iPod HiFi – so die Botschaft zwischen den Zeilen – brauche daher niemand so wirklich. Und wie wir heute wissen war das sicher nicht Apples schlechteste Entscheidung.