Gamescom und die Politik: Chance oder Show?

Mit Angela Merkel besuchte in diesem Jahr zum ersten mal ein deutscher Regierungschef die Spielemesse Gamescom – und auf der Bühne werden Vertreter aller Parteien zur Talkrunde eingeladen. Schreibt die Politik den Videospielen nach Jahren der „Killerspiel“-Debatten endlich eine wirtschaftliche und kulturelle Bedeutung zu? Oder sind Merkels Andeutungen nur Wahlkampfmanöver, die nach dem 24. September im politischen Tagesgeschäft schnell wieder in Vergessenheit geraten werden?

Ungewohnte Bilder

Eigentlich kennt man die Bilder, die die Gamescom in Köln Jahr für Jahr produziert: Bunte Stände großer Entwickler; Besuchermassen, die sich in den Gängen ihren Weg bahnen; Bühnenshows, die den X-ten Ableger einer bekannten Serie promoten. Doch in diesem Sommer waren es andere, ungewohnte Bilder, die von der Gamescom in die Außenwelt getragen wurden. Motiv dieser Aufnahmen: Kanzlerin Angela Merkel. In Gestalt der Regierungschefin begann die Politik zum ersten Mal, sich abseits von Debatten um „Killerspiele“ in größerem Ausmaß für Games zu interessieren – und löste in der Branche damit fast so etwas wie Euphorie aus:

Endlich sind wir wer! Endlich werden wir ernst genommen! Endlich gehen wir die ersten Schritte auf dem richtigen Weg: Raus aus dem Schatten der glorreichen deutschen Filmindustrie – Rein in die Mitte der Gesellschaft! Man hätte mit Blick auf einige Reaktionen auf Merkels Gamescom-Besuch fast meinen können, die Kanzlerin habe der Branche nicht nur eine Milliardenförderung versprochen, sondern nebenbei zugegeben, sich nach Feierabend regelmäßig mit Parteikollegen in Online-Games zu treffen.

Auch wenn nichts von dem tatsächlich zutrifft, ist der Merkel-Auftritt auf der Gamescom ein Erfolg für GAME und BIU. Die beiden größten deutschen Branchenverbände fordern schon seit längeren eine stärkere Entwicklungsförderung für Videospiele. Ihre Argumentation: Ohne staatliche Zuwendungen laufe Deutschland Gefahr, in einem wichtigen Bereich den Anschluss an den Rest der Welt zu verlieren. Im ersten Halbjahr 2017 sei der in Deutschland mit Videospielen erwirtschaftete Umsatz zwar um elf Prozent auf 1,08 Milliarden Euro gestiegen – Deutsche Entwickler machten allerdings nur rund sechs Prozent des Marktes aus. Aktuell profitierten vor allem die großen international aktiven Publisher und Entwickler vom Aufschwung. Der deutschen Konkurrenz fehle es neben finanziellen Mitteln laut GAME und BIU auch an Studiengängen, um die Spieleentwickler von Morgen ausbilden zu können. In der Folge entsteht ein Teufelskreis, der die wenigen gut ausgebildeten Uni-Abgänger in besser zahlende Branchen treibt.

Randnotiz auf der Agenda?

Der Besuch der Kanzlerin lässt die Spielebranche nun darauf hoffen, dass die Förderung ihres Wirtschaftszweigs in der nächsten Legislaturperiode zumindest als Randnotiz auf der Agenda steht – und gibt ihr einige werbeträchtige Bilder. Merkel schlenderte in einem Tross aus Medienvertretern über die Messe, schaute sich mit dem Landwirtschaftssimulator das wahrscheinlich deutscheste Spiel der Welt an und ließ sich sogar mit Cosplayern ablichten, die mit aufwendigen Kostümen bekannte Videospielcharaktere nachstellen. „Zeit“, „Spiegel“, „FAZ“ – Nahezu alle großen überregionalen Nachrichtenseiten griffen dieses Thema dankbar auf. Im Angesicht der Aufmerksamkeit, der Merkel zufiel, ging eine andere politische Veranstaltung auf der Gamescom fast unter. Vertreter von CDU, SPD, Linken, Grünen und FDP stellten sich in der Wahlkampf-Arena den Fragen von Florian Mundt (LeFloid), Peter Smits (PietSmiet) und Daniel Budiman (RocketBeans). Wirklich kritisch wurde es dabei allerdings nie: Die fragenstellenden Gamer schienen froh, dass ihr Hobby/Beruf überhaupt Beachtung fand.

Zumindest für einen kurzen Moment konnte der gebeutelte Wirtschaftszweig vergessen, wie die Politik noch vor kurzem auf ihr Medium geblickt hatte. Nach dem Amoklauf von München war es Merkels Parteikollege und Innenminister Thomas de Maizière, der vom „unerträglichen Ausmaß von gewaltverherrlichenden Spielen im Internet“ sprach und damit einer totgeglaubten Debatte neuen Zündstoff verlieh. Ein Innenminister, der einen direkten Zusammenhang zwischen Computerspielen und Gewalttaten herzustellen versuchte: Viele Spieler erinnerte dies verdächtig an Diskussionen, die sie schon 2010 geführt hatten. Oder 2007. Oder 2002. Zwar ging es damals explizit um „Killerspiele“ – doch durch mangelndes Fachwissen der Politiker und eine fehlende Definition des Begriffs schien die ganze Branche mit all ihren Facetten unter diesen Diskussionen zu leiden.

Symbolträchtige Bilder sind schön – wichtiger ist für GAME und BIU jedoch die Andeutung Merkels, die auf die lang ersehnte staatliche Förderung hoffen lässt. Die Bundesregierung werde einen Blick auf die erfolgreichen Förderungsmodelle werfen, die in Frankreich, Polen oder Kanada praktiziert werden und in den nächsten Jahren versuchen, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. „Manchmal denkt man ja, dass wir, wenn wir so toll und kreativ sind, auch ohne Förderung auskommen können. Aber ein bisschen scheint ein gleichrangiger Ausgangspunkt doch eine Rolle zu spielen“, so Merkel.

Ein Blick auf den Kalender reicht aus, um den vermeintlichen Kurswechsel der Kanzlerin zu erklären: In nicht einmal einem Monat ist Bundestagswahl und mitten im Wahlkampf lässt Merkel verständlicherweise keine Gelegenheit aus, medienwirksam aufzutreten. Die Gamescom mit ihren 350.000 Besuchern ist da sicher nicht das schlechteste Forum. Natürlich wird niemand, der nicht gerade ein Entwicklerstudio besitzt, seine Wahlentscheidung vom Standpunkt der Parteien zum Thema Gaming abhängig zu machen. Doch der Messe-Auftritt der Kanzlerin könnte das Zünglein an der Waage sein, das ein paar Gamer dazu bringt, ihr Kreuzchen am 24. September doch bei der CDU zu setzen. Ein abwegiger Gedanke? Vielleicht. Möglicherweise ist das Image der Kanzlerin (und ihrer Partei) bei den hauptsächlich jungen Spielern aber auch ein nicht zu unterschätzender Faktor. Und selbst wenn sie am Ende bei Gamern kein Stück besser dasteht – gewonnen hat die CDU-Chefin trotzdem: Ungewöhnliche Auftritte garantieren Aufmerksamkeit. Sowohl der Besuch auf der Gamescom, als auch das YouTube-Interview wenige Wochen zuvor wurde in den Medien öfter thematisiert als gewöhnliche Wahlkampfveranstaltungen.

Mit Vorsicht angefasst

Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, wie vorsichtig Merkel das Thema Videospiele in ihrer Rede zur Eröffnung der Messe anfasst. Die Regierungschefin weiß, dass sich unter ihren Wählern womöglich viele befinden, die Videospielen kritisch gegenüberstehen und „Killerspiele“ lieber heute als morgen verbieten lassen würden. Wenn Merkel von der Rolle der Spiele „als Kulturgut, als Innovationsmotor und als Wirtschaftssektor“ spricht, dann nicht, ohne den gemeinten Kreis im folgenden Absatz auf pädagogisch wertvolle Spiele zu beschränken. Wenn sie hervorhebt, wie Videospiele Kinder und Jugendliche im Umgang mit Technik trainieren können, dann nicht, ohne die Bedeutung des Daten- und Jugendschutzes zu erwähnen. Und wenn sie sich dafür ausspricht, Gewaltspiele nicht pauschal zu verurteilen, dann nicht ohne zu versichern, die Sorgen der Bedenkenträger ernst zu nehmen.

Merkel gelingt ein für sie typischer Drahtseilakt, mit dem am Ende alle irgendwie zufrieden sein können. Die Industrie hofft auf die lang ersehnte Förderung – die Kritiker sind beruhigt, dass von ihren Steuergeldern kein deutsches Call of Duty gefördert wird. Worum es der Kanzlerin bei ihrer plötzlichen Annäherung an die Videospiele wirklich geht, verrät ein Abschnitt in der Mitte der Rede. Techniken wie VR, AR oder künstliche Intelligenz würden auch für andere Wirtschaftszweige zunehmend interessant, so Merkel. In dieser Aussage schwingt unüberhörbar ein gewisser Unterton mit: Es ist nett, dass ihr an diesen tollen Techniken arbeitet – aber wirklich sinnvoll werden sie erst in Branchen, in denen auch richtig Geld verdient wird. Für den ebenfalls erwähnten Internetausbau gilt Ähnliches: Merkel kann es egal sein, ob ein 14-Jähriger in seinem Elternhaus auf dem Land bei Online-Games an der langsamen Internetleitung verzweifelt. Ihr geht es um die Wirtschaft. Auch wenn die Politik Videospiele nicht mehr pauschal verurteilt – eine Priorität sind die deswegen noch lange nicht.


Beitragsbild: Foto von John Sting auf Unsplash