„Er passt schlecht zu uns, und wir passen schlecht zu ihm“ – PewDiePie und die Urheberrechts-Kontroverse

Nach einer verbalen Entgleisung PewDiePies haben die Entwickler von Campo Santo seine Let‘s Play ihres Titels Firewatch per Urheberrechtsklage offline nehmen lassen. Wie können sich ursprüngliche Urheber von Adaptionen ihrer Werke distanzieren, ohne diese gleich ganz verbieten zu müssen? Und lässt sich eine fremde Vereinnahmung viraler Inhalte überhaupt verhindern?

Als größter YouTuber der Welt zieht PewDiePie naturgemäß auch außerhalb der Plattfrom ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit auf sich. Doch während es in den vergangenen Jahren in Artikeln vornehmlich darum ging, wie viel Geld der Entertainer – bürgerlich Felix Kjellberg – mit seinen Videos verdiene, wurde er Anfang des Jahres erstmals aus anderen Gründen zum Gegenstand vieler Medienberichte. Erst kündigte das zu Disney gehörende YouTube-Netzwerk Maker Studios seinen Markendeal mit dem Schweden, kurz darauf strich YouTube die Ausstrahlung der bereits produzierten zweiten Staffel der Original-Serie „Scare PewDiePie“. Das Wall Street Journal hatte die beiden Unternehmen zuvor über ein Video Kjellbergs informiert, in welchem zwei Männer ein Schild mit der Aufschrift „Death to all Jews“ („Tod allen Juden“) hochhielten. Kjellberg hatte die beiden über eine Freelancer-Webseite beauftragt – nach eigenen Angaben, um zu zeigen, was Menschen auf der Plattform für fünf Dollar alles zu tun bereit seien. In einem späteren Video zeigte der Entertainer einen als Jesus verkleideten Schauspieler, der ebenfalls gegen Bezahlung „Hitler did absolutely nothing wrong“ („Hitler hat absolut nichts falsch gemacht“) in die Kamera sagte.

Eine neue Kontroverse

Er unterstütze keinesfalls hasserfüllte Einstellungen, schreib PewDiePie als Reaktion auf die anhaltende Kritik ein paar Tage später in einem Blogpost. Sein Kanal diene lediglich zur Unterhaltung und biete keinen Platz für politische Kommentare. Obwohl es nicht seine Intention gewesen sei, könne er verstehen, dass diese Clips von vielen als verletzend aufgefasst wurden. Der „Fall PewDiePie“ stieß seiner Zeit eine intensiv geführte Diskussion über die Grenzen des Humors an. Als PewDiePie in der vergangenen Woche erneut aufgrund unbedachter Aussagen in die Schlagzeilen geriet, drehten sich die Kontroversen hingegen nicht um fragwürdigen Humor. Während eines Livestreams des PvP-Survival-Spiels „PlayerUnknown‘s Battlegrounds“ hatte Kjellberg einen Gegenspieler während eines Kampfes als „fucking nigger“ bezeichnet.

In einem Statement-Video bat Kjellberg später um Entschuldigung. Er sei ein „Idiot“, der angesichts der hitzig geführten Wortgefechte im Spiel den schlimmstmöglichen Ausdruck gewählt habe. Doch ähnlich wie fünf Monate zuvor war der Schaden zu diesem Zeitpunkt bereits angerichtet. Sean Vanaman, Mit-Gründer des Entwickler-Studios Campo Santo, hatte zuvor auf Twitter angekündigt, PewDiePies Let‘s Play ihres Titels Firewatch als Reaktion auf die verbale Entgleisung mit einer Urheberrechtsklage zu belegen. Zudem wolle man ihm zukünftig nicht erlauben, Inhalte von Campo Santo in seinen Videos zu nutzen. Er sei es leid, dass PewDiePie auf Basis der Arbeit von Spielentwicklern zum Millionär geworden sei und nun mit solchen Aussagen der gesamten Spielekultur schade.

Wie Kjellberg selbst gab auch Vanaman später ein Stement zu seiner Reaktion ab. „Ich wünschte, es gebe einen Weg, deutlich zu machen, dass unser Werk nicht in Verbindung mit ‚Hate Speech‘ gebracht werden soll, sagte der Entwickler gegenüber Buzzfeed. „Ich bereue es, einen Urheberrechts-Strike gewählt zu haben. Zensur ist nicht der beste Weg und wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, PewDiePie zu kontaktieren, um das Video offline nehmen zu lassen, hätte ich es wohl getan. Er passt schlecht zu uns, und wir passen schlecht zu ihm.“

Eine interessante Dimension

Vanaman spricht damit eine interessante Dimension an, die weit über diesen Fall hinausgeht: In der Remix-Kultur des Internets ist es weitgehend akzeptiert, sich an Inhalten anderer zu bedienen und diese in einem eigenen Werk zu integrieren. Keiner denkt bei einem Meme, das größtenteils aus bereits vorhandenem Material besteht, an eine Urheberrechtsverletzung. Auch ein Let‘s Play ist im wesentlichen nichts anderes als ein Remix: Der Ersteller nimmt den Inhalt des Spiels und fügt mit seinem Kommentar oder kreativer Bearbeitung eine neue Ebene der Unterhaltung hinzu. Rechtlich bewegen sich diese Videos allerdings in einer Grauzone: Noch ist nicht abschließend geklärt, ob die Nutzung in diesem Rahmen mit FairUse vereinbar ist. Nichtsdestotrotz sind Let’s Plays eine Art Symbiose, von der normalerweise beide Seiten profitieren: Der Videoproduzent erhält die Basis für ein neues Werk (und die damit erzielten Werbeeinnahmen), während vor allem kleinere Entwickler von der Reichweite großer Internet-Stars profitieren. Das weiß auch Campo Santo – und erlaubt im FAQ zu Firewatch deswegen sogar ausdrücklich, das Spiel zu streamen oder mit Videos Geld zu verdienen. Gemessen an den vom Entwickler selbst aufgestellten Regeln war die Urheberrechtsklage also ungerechtfertigt. PewDiePie durfte das Spiel zeigen, als er das Video hochlud – daran haben auch seine Aussagen im Livestream nichts geändert.

Doch wenn Urheberrecht nicht der richtige Weg ist – Wie kann sich der ursprüngliche Ersteller dann deutlich von den Inhalten anderer distanzieren, die ihr Material aufgreifen? Oder geraten gerade virale Inhalte früher oder später zwangsweise an Personengruppen, deren Ansichten denen des ursprünglichen Urhebers widersprechen? Ein Beispiel für die Eigendynamik, die im Internet häufig adaptierte Inhalte Entwickeln können, ist der wahrscheinlich bekannteste Frosch des Netzes, die Comicfigur Pepe. Was mit ihm geschah, geht weit über die erneute Kontroverse um PewDiePie hinaus. 2005 erstmals in Sozialen Netzwerken aufgetaucht, schaffte er erst Ende 2014 durch Posts bekannter Stars wie Nicki Minaj den Sprung in den Mainstream – und ging anders als gewöhnliche Memes daran nicht zu Grunde.

Schöpfer Matt Furie hatte die Kontrolle über sein Werk zu diesem Zeitpunkt schon lange in die Hände des Internets gelegt, wo es bis dahin hauptsächlich in freundlichem Kontext zum Einsatz kam. Doch nach dem Durchbruch dauerte es nicht lange, ehe Mitglieder der Alt-Right-Bewegung in den USA das Potential des Memes entdecken. Im Zuge des hitzig geführten US-Wahlkampfs wird Pepe für Unterstützer Trumps zum Wahlkampfhelfer. Sogar sein ältester Sohn, Donald Trump jr., greift den Comic-Frosch im September 2016 in einem Instagram-Post auf. Zusammen mit Aktionen von Internet-Trolls, die Pepe scherzhaft in die Nähe rechter Bewegungen rücken, macht dies den Frosch für den „normalen Internetnutzer“ zum gefährlichen Feld. Ende 2016 weiß keiner mehr so genau, welche Bilder wirklich ernst gemeint sind und was ursprünglich nur zur Unterhaltung einer kleinen eingeweihten Gruppe diente. Medienberichte, die Pepes neue Bedeutung zu erklären versuchen, etablieren ihn endgültig als Symbol der „neuen Rechten“. Es ist eine klassische „Henne-Ei-Diskussion“: War Pepe wirklich schon Symbol dieser Gruppierungen, als die ersten Medien dies berichteten? Oder wurde er erst zu diesem, weil die Medien dies behaupteten?

Das Internet braucht einen Ausweg

Das Internet braucht einen Weg, mit solchen Fällen umzugehen. Im kleinen – wie bei PewDiePie – und im großen – wie bei Pepe. Wohin es führen kann, das Urheberrecht für solche Zwecke einzusetzen, zeigt die Reaktion einiger Nutzer nach der Urheberrechtsklage gegen den Entertainer. Auf Steam machten unzufriedene Käufer ihrem Unmut über die Entscheidung des Entwicklers in Form von negativen Bewertungen Luft. Seine Macht als Urheber dafür zu nutzen, unliebsame Personen mit Strikes zu versehen, kann schnell als Zeichen von fehlenden Gegenargumenten interpretiert werden. Anders als bei gelöschten Kommentaren hat ihr Ersteller nicht unbedingt gegen die Richtlinien verstoßen, die als Grundlage für die Löschung dienen. Let‘s Plays sind ebenso wie Memes noch immer eine rechtliche Grauzone. Zur Zeit gibt dieser Zustand den ursprünglichen Urhebern die Macht, quasi willkürlich zu entscheiden, welche Adaptionen sie akzeptieren – und welche nicht. Das Internet und seine Nutzer befinden sich in einer Zwickmühle, aus der es aktuell keinen wirklichen Ausweg zu geben scheint: Auf der einen Seite sind Neukreationen aus bereits existierendem Material fester Bestandteil des Internets – auf der anderen Seite haben Firmen und Privatpersonen verständlicherweise kein Interesse daran, mit gewissen Inhalten in Verbindung gebracht zu werden. Der erneute Vorfall bringt die Chance mit sich, über ein spannendes und wichtiges Thema zu diskutieren – man muss sie nur nutzen.