Ein paar Gedanken zum Lenovo Moto G5 Plus

Ich habe es tatsächlich getan. Nach vielen Jahren im Apple-Universum bin ich 2017 komplett auf Konkurrenz-Produkte umgestiegen. Mein Laptop läuft nun mit Windows, mein Smartphone mit Android. Dabei bin ich niemand, der Apple enttäuscht verlässt – Im Gegenteil: Sowohl das iPhone 5c als auch mein elf Zoll MacBook Air in der kleinsten Konfiguration leisteten mit lange treue Dienste. Obwohl die Kompromisse mit fortschreitender Lebensdauer der Hardware mehr wurden, war ich immer wieder erstaunt, wie gut Geräte nach all den Jahren noch immer funktionierten. Das Alter der Devices war es dann auch, dass mich davor bewahrte, tief in den häufig heraufbeschworenen „goldenen Käfig“ Apples hineingezogen zu werden. Während neue Geräte immer mehr sinnvolle Funktionen erhielten, die iOS und macOS noch stärker miteinander vernetzten, blieb ich mit Laptop und Smartphone häufig außen vor. Dass Apples Ökosystem für mich nicht so gut funktionierte wie für andere, machte den Abschied am Ende deutlich leichter.

Dieser Beitrag soll kein Abgesang auf Apple werden. Der Hersteller aus Cupertino bringt nach wie vor in gewisser Regelmäßigkeit Produkte mit guten Ideen auf den Markt. Was Apple mit der Kombination aus iPad Pro und iOS 11 macht, hat in meinen Augen zum Beispiel durchaus das Potential, für viele Menschen in nicht allzu ferner Zukunft den Laptop zu ersetzen. Technisch gesehen trennt die beiden Geräteklassen schon heute nicht mehr viel. Und selbst mit einigen Jahren Keynote-Erfahrung als Konsument gelingt es Apple immer wieder, mit dem „one more thing“ den Kaufwunsch in mir hervorzurufen. Dass ich Apple in den letzten Monaten dennoch komplett den Rücken kehrte, lag vor allem am Preis, den Cuptertino für seine Produkte aufruft. Mindestens 700 Euro für ein aktuelles Smartphone und noch einmal das Doppelte für einen zeitgemäßen Laptop erscheint mir schlicht zu viel – selbst für ein Apple-Produkt.

Den Laptop meiner Wahl habe ich in einem Test bereits ausführlich besprochen – hier soll es um mein neues Smartphone gehen, das Lenovo Moto G5 Plus. Es wurde auf der CES in Las Vegas Anfang des Jahres vorgestellt – und interessiert jetzt einige Wochen nach der IFA vermutlich niemanden mehr so wirklich. Ein halbes Jahr ist im Smartphone-Markt ohnehin eine gefühlte Ewigkeit; 2017 schien in diesen Monaten noch einmal mehr zu passieren als in den Jahren zuvor. Während randlose Smartphones und Dual-Kameras im Januar noch die Ausnahme waren, lassen Display-Ränder und einfache Kamera-Linsen auf der Rückseite ein Gerät heute fast schon veraltet wirken. Jetzt noch einen Testbericht zum Moto G5 Plus zu schreiben würde sich für mich ein wenig so anfühlen, als würde ich einen Full HD-Fernseher von 2013 besprechen: Das Produkt ist zwar nicht veraltet und lässt sich gut nutzen, wirkt neben neueren Devices aber trotzdem irgendwie veraltet.

Erstens: Ich brauche nur eine Handvoll Apps wirklich

Das Moto G5 Plus fühlt sich durchaus hochwertig an.

Ein neues Smartphone ist auf Ebene der Apps immer auch eine Chance auf einen kleinen Neubeginn. Viel Speicherplatz, ein frisches System und erfreulich wenig Bloatware luden mich förmlich dazu ein, das Gerät mit Apps meinen persönlichen Anforderungen anzupassen. Der Wechsel des Betriebssystems machte es nötig, jede App einzeln neu herunterzuladen – und gab mir die Möglichkeit, jeden Download zu hinterfragen: Wofür will ich die App nutzen? Wie häufig wird sie zum Einsatz kommen? Brauche ich sie wirklich?

Auf meinem vorherigen Smartphone sammelten sich viele Apps an, die ich zum Teil Monate lang nicht öffnete – viele Dienste, zu deren Nutzung mir die Zeit fehlte, nahmen mir den nicht gerade üppig vorhandenen Speicherplatz. Für das Moto G5 Plus soll der berühmte „Weniger ist mehr“-Ansatz gelten: Gerade einmal elf zusätzlich heruntergeladene Apps lassen sich zusätzlich zu den vorinstallierten Google-Diensten auf meinen drei Hauptseiten finden. Für jedes andere Programm muss ich den Umweg über den App-Drawer nehmen. Diese Strategie ließ mich mein Gerät in den ersten Wochen weniger, dafür aber bewusster nutzen. Tatsächlich griff ich seltener aus purer Langeweile zum Smartphone, um eine App für die kurze Unterhaltung zu suchen. Ich möchte das Gerät entweder mit einem Ziel in die Hand nehmen – oder gar nicht.

Zweitens: Anpassbarkeit ist für mich Androids „Killer-Feature“

Als iPhone-Nutzer hatte es mich nie wirklich gestört, das System weder optisch noch funktional groß anpassen zu können. Zwar brachten überzeugte Android-Nutzer dieses Argument früher oder später in jede der leidigen „iOS oder Android“-Debatten ein – ein Blick auf ihr Smartphone gab mir jedoch das Gefühl, dass dieses Feature vor allem dafür genutzt wird, die Oberfläche hässlicher zu machen. Nach ein paar Wochen mit dem Moto G5 Plus kann ich sagen: Die Anpassbarkeit des Systems ist für mich persönlich ein „Killer-Feature“ von Android.

Ich muss (zum Glück) nicht mit dem Design leben, das mir Lenovo von Haus aus anbietet, sondern kann das Smartphone meinem Geschmack anpassen. Eine einfache Kombination aus Launcher und Icon Pack bringt richtig eingesetzt das Potential mit, das Nutzererlebnis ins Positive zu verändern. Widgets – die auf dem iPhone noch ins Mitteilungszentrum geschoben und von mir kaum genutzt wurden – sind hier tatsächlich Teil des Systems und fügen sinnvolle Funktionen hinzu.

Drittens: Mittelklasse fühlt sich nicht mehr billig an

Auch von vorne macht das G5 Plus einen guten Eindruck – auch wenn die Ränder es ein kleines bisschen veraltet wirken lassen.

Mit der fünften Generation der Moto G – Reihe ist Lenovo endgültig an dem Punkt angekommen, zu dem sie (noch unter dem Namen Motorola) mit dem ersten Gerät dieser Art hin aufgebrochen waren: Ihre Smartphones der Mittel- und Unterklasse fühlen sich nicht mehr billig an. Im direkten Vergleich mit einem Samsung Galaxy S8 wirkt das 250 Euro – Phone zwar tatsächlich etwas aus der Zeit gefallen, insgesamt fühlt sich das Gerät aber erstaunlich gut an. Mit Rückseite und Rahmen aus Metall mutet das G5 Plus wesentlich hochwertiger an als der direkte Vorgänger, der noch weitgehend auf Plastik setzte.

Sieht man das Gerät einmal genauer an, nimmt es in die Hand und drückt ein wenig auf den Tasten rum – man merkt nicht, dass es für unter 300 Euro zu haben ist. Ehemalige Flaggschiff-Funktionen wie ein Fingerabdrucksensor sind schon seit langem in Smartphones der niedrigeren Preisregionen angekommen. Im Moto G5 Plus funktioniert dieser – von vereinzelten Problemen mit feuchten Händen abgesehen – schnell und akkurat. Auch die Performance geht in Ordnung: Für einfache Tätigkeiten bringt der Prozessor mehr als genug Rechenleistung mit. Nichts hängt, friert ein oder braucht unverhältnismäßig lange zum laden. Selbst aufwändigere (oder wenig optimal programmierte) Spiele meistert das Gerät ohne große Probleme, obwohl mit Grafikdowngrades oder kurzen Einbrüchen der Bildrate gerechnet werden muss.

Die zwölf Megapixel Hauptkamera sortiert sich im soliden Mittelfeld ein: Bei guten Lichtverhältnissen kann die Knipse ein erstaunlich dynamisches Bild erzeugen und selbst feinere Details ganz gut einfangen – werden diese schlechter, verabschiedet sich das Bild schnell in einen unscharfen Pixelbrei. In die gleiche Kategorie fällt auch das Display: Das Moto G5 Plus bringt kein gestochen scharfes OLED-Display mit QHD-Auflösung mit, sondern setzt auf ein IPS-LCD Panel. Was Display-Fanatikern den kalten Schweiß auf die Stirn treibt, ist im Alltag für die meisten Aufgaben mehr als ausreichend. Wer sich für das Moto G5 Plus entscheidet, muss in allen Bereichen kleinere und größere Kompromisse eingehen. In meinen Augen gibt es jedoch keinen Punkt, der den Gesamteindruck zerstört. Mittelklasse ist eben nicht mehr billig.

Viertens: Smartphones werden entweder günstig oder Top-Produkte

Wirft man einen Blick auf den aktuellen Smartphone-Markt lässt sich ein Trend feststellen: Smartphones sind entweder gut und bezahlbar – oder sortieren sich in der Kategorie der Top-Geräte ein. Das Moto G5 Plus ist ein gutes Beispiel für erstere Kategorie. Für die Aufgaben des täglichen Lebens, die keine große Rechenleistung benötigen, sind diese Smartphones bis maximal 300 Euro mehr als nur ausreichend. Der Großteil der Käufer wird nicht an den genauen Spezifikationen interessiert sein, die für ihn unsichtbar im Inneren des Geräts ihren Dienst verrichten, sondern auf Funktionalität, Aussehen und Preis achten.

Dem gegenüber stehen die Top-Modelle, die seit Jahren immer teurer werden. iPhone, Samsung Galaxy S und Co. sind nicht einfach nur Smartphones: Sie sind Lifestyle-Produkte, die nebenbei auch eine Botschaft transportieren. Ihre Käufer legen wert auf den Glanz der entsprechenden Marken – und nutzen ihre Smartphones als Produktivitätsmaschinen. Performance, Display und Kamera gewinnen an Bedeutung, sobald das Gerät nicht nur zur Kommunikation und Unterhaltung dient, sondern auch in professionellen Umfeldern zum Einsatz kommt. Mit entsprechendem Zubehör hat das iPhone bei einigen Journalisten beispielsweise die große und unhandliche DSLR ersetzt.

Alles, was dazwischen liegt, dürfte in Zukunft schwierig zu rechtfertigen sein: Warum sollte man 400 bis 500 Euro für ein Smartphone ausgeben, das nicht viel bessern als ein günstigeres, aber weniger glanzvoll als ein teures daherkommt?

Fünftens: Geeks und Nerds diskutieren im Elfenbeinturm

Die Kamera ist solider Durchschnitt – Nicht gut, aber auch nicht wirklich übel.

Auf dem Papier sind die Spezifikationen des G5 Plus nicht die allerbesten: Snapdragon 625, Adreno 506 und drei Gigabyte an Arbeitsspeicher schreien förmlich nach Mittelklasse. Im Alltag habe davon jedoch wenig gemerkt. Wir Geeks und Nerds – das soll auf keinen Fall abwertend gemeint sein – scheinen und als einzige tatsächlich für diese kryptischen Kombinationen aus Zahlen und Buchstaben zu interessieren. Die meisten Menschen könnten sicher nicht auf Anhieb sagen, wie die Specs ihres Smartphones aussehen. Für sie kommt es vor allem darauf an, dass alles wie gewünscht funktioniert. Wer sein Smartphone nur zum Telefonieren, Nachrichten schreiben, Videos schauen, Selfies schießen und Candy Crush spielen nutzt, braucht keinen Snapdragon 835.

Andere Faktoren wie das Aussehen oder der Preis gewinnen für diese Nutzergruppe an Bedeutung. Ein Blick in die AppStore Charts zeigt, dass die Nutzung des Smartphones als Produktivitätsmaschine vor allem in der Nische stattzufinden scheint. Diskussionen um Prozessoren, Grafikeinheiten und Displayauflösungen finden vornehmlich in einem kleinen Kreis der Interessierten statt und sind dem Rest – freundlich formuliert – weitgehend egal. In meinem Bekanntenkreis waren viele weniger Techik-Affine vor einigen Jahren beispielsweise nur schwer von ihrem iPhone 4 zu trennen. Es funktionierte schließlich immer noch – und sah dazu auch noch gut aus.

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