Flightradar24 – Vom Gimmick zum Marktführer

Der Luftverkehr hat die Welt klein gemacht – Flightradar24 hat ihn auf eine interaktive Echtzeit-Karte gebracht. Wie aus einem Nebenprojekt einer Preisverlgeichsseite für Flugtickets eines der größten Crowdsourcing-Projekte der Welt wurde – das schneller Daten liefert als jede Blackbox.

Der Beginn einer Erfolgsgeschichte

Über Europa lässt sich jedes Flugzeug in Echtzeit verfolgen…

Die Erfolgsgeschichte von Flightradar24 beginnt auf einem einfachen Hausdach im Süden der schwedischen Hautstadt Stockholm. Mikael Robertson, Inhaber einer Preisvergleichsseite für Flugtickets, montiert dort im Jahr 2007 einen kleinen schwarzen Kasten, der er kurz zuvor bei einer britischen Spezialfirma erworben hatte. Es ist ein so genannter ADS-H Transponder, mit dem sich öffentlich zugängliche Flugdaten empfangen lassen. Zusammen mit einem Bekannten, der im Norden des Stadt ebenfalls aufs Hausdach klettert, packt er die aufgezeichneten Daten auf eine Karte. Per Skript aktualisiert sich diese anfangs jede Minute und zeigt so den aktuellen Flugverkehr über Stockholm. Die erste Version von Flightradar24 ist ein kleines Nebenprojekt; ein Gimmick, um eine Preisvergleichsseite ein wenig von der Konkurrenz abzuheben.

Es dauert nicht lange, bis sich Lauftfahrtenthusiasten aus ganz Europa melden. Sie wollen ihren Teil zur Karte beitragen und stellen in ihren Wohnorten in Schweden, Norwegen oder Polen neue Transponder auf, die Genauigkeit und Umfang der Karte verbessern. Irgendwann schreibt einer der Unterstützer ein Skript, das aus dem Standbild eine Echtzeitkarte macht und Flightradar24 damit die grundlegende Funktion verleiht, an der sich bis heute wenig geändert hat. In den folgenden Jahren wächst das Flugradar beständig weiter: Aus vielen Teilen der Welt fragen Unterstützer an, die bereit sind, eine der bis zu 600 Euro teuren Boxen aufzustellen. Robertson schickt sie ihnen kostenlos zu, um sein Angebot zu erweitern.

Durchbruch dank Zufall

Den Durchbruch vom Nischenphänomen zur international bekannten Webseite verdankt der Dienst allerdings dem Zufall. Als im Frühjahr 2010 der isländische Vulkan Eyjafjallajökul ausbricht und mit seiner Staubwolke über Tage den Flugverkehr über Europa nahezu komplett lahmlegt, taucht Flightradar24 erstmals prominenter in den Medien auf. Während die meisten Flieger gezwungenermaßen am Boden bleiben müssen, schießen die Seitenaufrufe in die Höhe: Innerhalb kürzester Zeit besuchen über vier Millionen Menschen die Seite – rund vierzig mal so viele wie damals üblich. „Da haben wir gemerkt: Das ist was Großes“, erklärt Gründer Robertson der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Der Vulkanausbruch ist die Initialzündung für eine rasante Entwicklung: 2012 stößt Frederik Lindahl als Geschäftsführer zum Flugradar, ein Jahr später wird die Preisvergleichsseite verkauft. Das einstige Nebenprojekt ist längst beliebter und schon seit einigen Jahren auf eine eigene Seite ausgelagert.

… Über den USA nur mit rund fünf Minuten Verzögerung.

Heute ist das Flightradar ein Business mit mehr als 30 Mitarbeitern weltweit – das als eines der wenigen Start-Ups schwarze Zahlen schreibt, ohne jemals externes Kapital erhalten zu haben: 2015 lag der operative Gewinn bei 2,1 Millionen Euro. Sein Geld verdient der Dienst über Werbung und Abo-Modelle, die ab 11,49 Euro im Jahr weitere Funktionen freischalten. Zudem verkauft Flightradar24 Daten an Fluggesellschaften, die dank des gut ausgebauten Netzes an Empfängern erstmals genaue Positionsdaten ihrer Maschinen empfangen können. „Als Passagier denkt man ja, die Airlines wüssten um den Verbleib ihrer Flugzeuge. Aber die wissen, gelinde gesagt, gar nichts“, sagt Robertson. Keine Fluggesellschaft konnte bis ein funktionierendes System zur Kontrolle der Position aufbauen können – obwohl hinter der Flightradar-Lösung keine besonders aufwendige Technik steckt.

„Als Passagier denkt man ja, die Airlines wüssten um den Verbleib ihrer Flugzeuge. Aber die wissen, gelinde gesagt, gar nichts“ – Mikael Robertson

Keine besonders aufwendige Technik

Das Angebot basiert auf dem so genannten „Automatic Dependent Surveillance – Broadcast“, kurz ADS-H, das auf Grundlage des GPS-Signals Daten wie Position, Geschwindigkeit, Flughöhe und Flugrichtung, aber auch Nummer und Typ eines Flugzeugs in Richtung Erde sendet. Rund 70 aller Flugzeuge weltweit sind mit diesem Standard ausgestattet. Am Boden werden die angegebenen Signale von den weltweit circa 12.000 Transpondern empfangen, die Daten wiederum an die Flightradar24-Server weitergeben. Ursprünglich wurde diese Technik einmal für die Flzgsicherung entwickelt. Da die Daten aber unverschlüsselt und ohne konkreten Adressaten losgeschickt werden, kann sie in der Theorie jeder auslesen – völlig legal, wie Flightradar versichert.

Um weiterhin auf die unverschlüsselten Daten zurückgreifen zu können, muss der Dienst allerdings mit den offiziellen Stellen kooperieren. Auf Bitten von Regierungen und Behörden werden beispielsweise Maschinen wie Polizeihubschrauber von der Karte genommen, die der öffentlichen Sicherheit dienen. Auch militärisches Gerät sucht man aus nachvollziehbaren Gründen vergeblich. Alle anderen kommerziellen Flüge tauchen als kleine gelbe Symbole auf dem Flugradar auf. Klickt der Nutzer auf eines der unzähligen Flugzeuge, die zu jeder Tageszeit auf der Karte unterwegs sind, erfährt er neben Start- und Zielflughafen auch den Namen der Fluggesellschaft, die Nummer sowie die aktuelle Höhe und Geschwindigkeit des Flugs. Die meisten Maschinen bewegen sich sich in Echtzeit über die Map – lediglich in den USA liegen die virtuellen Abbilder aus Sicherheitsgründen fünf Minuten hinter ihren Vorbildern.

Problemzone Ozean

Große Teile der Welt sind inzwischen ausreichend mit Transpondern abgedeckt. Probleme bereiten neben abgeschotteten Ländern eigentlich nur noch die Ozeane. Wo es keine Crowd gibt, haben es crowdgesourcte Projekte naturgemäß schwer. An der Küste aufgestellte Boxen reichen bei guten Bedingungen bis zu 400 Kilometer auf den Ozean hinaus – nicht genug, um Flugzeugen ohne Unterbrechung folgen zu können. Die ursprünglich angedachte Lösung, Frachtschiffe mit Empfängern auszustatten, scheiterte am Unwillen der Reedereien. Seit rund einem Jahr sind deshalb Wellengleiter im Auftrag von Flightradar unterwegs – kleine, entfernt an Surfbretter erinnernde Bojen, die Daten der erfassten Flugzeuge nach Stockholm senden.

Unter den „Pinned Flight“ finden sich nicht nur Tragödien. Dies hier ist eine tatsächliche Flugroute.

Verschwindet eine Maschine trotzdem für längere Zeit vom Radar des Dienstes, ist dies meist kein gutes Zeichen. Noch bevor die ersten Einmeldungen über den Ticker laufen, weiß das Team vom Flightradar über etwaige Unglücke Bescheid. Doch anstatt den Wissensvorsprung für die große Schlagzeile zu nutzen, trägt der Dienst lieber seinen Teil zur Aufklärung bei. Hohe Besucherzahlen scheinen der Seite im Anschluss an Unglücke ohnehin garantiert: Nach dem Abschuss einer Passagiermaschine über der Ukraine brach die Webseite kurzzeitig unter dem massiven Andrang zusammen. Während über die Social Media Kanäle nach einem Vorfall schnell und zuverlässig gesicherte Informationen geteilt werden, ohne in Spekulationen zu verfallen, stattet das Flugradar die Ermittlungsbehörden mit umfangreichen Datensätzen aus. So können sich diese einen ersten Überblick verschaffen, ohne auf die Bergung der Blackbox warten zu müssen. Im typischen Chaos nach einer Tragödie – wenn sich Fakten mit Spekulationen, Gerüchten und Halbwahrheiten mischen – ist das Flightradar eine zuverlässige Quelle. Die Daten lügen nicht.

Unter den „Pinned Flights“ lassen sich einige der bekanntesten Flugkatastrophen der letzten Jahre finden: Das spurlose Verschwinden von Flug MH370, der Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen, das Unglück um Flug LMI 2933 über Kolumbien, das vielen Spielern einer brasilianischen Fußballmannschaft das Leben kostete – all diese Vorfälle lassen sich dort mit Flugstrecke und umfangreichen Datensätzen nachverfolgen. Im Kontrast dazu stehen die ebenfalls dort verzeichneten bizarren Flugrouten, die häufig mit Absicht entstehen. Sie lassen dem Nutzer unweigerlich ein Grinsen übers Gesicht huschen – auch wenn die meisten anderen Einträge so gar nicht erfreulich sind. Erst kürzlich malte ein Pilot eines Boeing Dreamliners beispielsweise die Umrisse seiner Maschine per Flugroute in den Himmel über den USA. Es sind eben nicht nur die Tragödien, die Luftfahrt so interessant machen.

Flightradar24 | Flugradar
Preis: Kostenlos+

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