Drohnen, Roboter, Streetscooter – Über die Zukunft (und Gegenwart) der Logistik

22 Jahre nach dem Launch von Amazon ist Online-Shopping ein riesiger Markt, der die Logistik vor große Herausforderungen stellt. Während die Fachwelt über Drohnen, Zustell-Roboter und Lieferung innerhalb einer Stunde diskutiert, gibt es für viele Probleme des hier und jetzt noch keine wirklich funktionierende Lösung. Gleichzeitg steigen die Erwartungen der Kunden immer weiter an: Länger als 72 Stunden will Anno 2017 niemand mehr auf seine Bestellung warten – Vielerorts lassen neue Angebote die einst revolutionäre Lieferung über Nacht fast schon langsam wirken.

Jeff Bezos ist sicher kein Mann der kleinen Pläne. Als er im Sommer 1994 nach einem Bürogebäude für seine neu gegründete Firma sucht, fällt seine Wahl nicht zufällig auf einen unscheinbaren weißen Gebäudekomplex irgendwo in Seattle. Die erste Amazon-Zentrale ist wahrlich nichts besonderes – verfügt dafür aber über die Garage, auf die Bezos so besteht. Wie die großen Vorbilder Apple und HP Jahrzehnte vorher soll auch seine Firma aus einer Garage heraus zum Weltkonzern aufsteigen. Ein Jeff Bezos überlässt eben nichts dem Zufall – da wird sogar der Gründungsmythos sorgfältig geplant.

Der schnelle Erfolg gibt Bezos und seinem auf den ersten Blick Absurd erscheinenden Ziel recht, einen Konzern von Apples Format aufbauen zu wollen. Schon nach drei Tagen wird Amazon.com auf Yahoos renommierte „Whats Cool?“-Liste aufgenommen, 1997 geht die Firma an die Börse, zwei Jahre später ist Bezos „Person des Jahres“. „E-Commerce ist changing the way the World shops“, unterstreicht das Time Magazine ihre Nominierung – und prognostiziert damit die Entwicklung des kommenden Jahrzehnts. Noch vor der Jahrtausendwende ist das damals noch junge Internet um eine riesige Erfolgsgeschichte reicher. Amazon verkauft in der Folge nicht mehr nur Bücher, sondern weitet sein Sortiment Schritt für Schritt aus, ehe irgendwann nahezu nichts mehr fehlt.

18 Jahre alt – und schon lange erwachsen

18 Jahre nach der Gründung ist der Konzern schon lange erwachsen – und sein Gründer noch immer auf der Suche nach dem „nächsten großen Ding“, das die Zukunft der Plattform prägen soll. „Amazon Air Prime“ heißt das Programm zur Lösung der Probleme, für deren Entstehung Bezos Unternehmen maßgeblich mitverantwortlich ist. Mit dem Online-Handel wachsen Jahr für Jahr auch die Herausforderungen, denen sich die Logistik-Branche stellen muss. Bezos will diese durch Drohnen angehen, die Waren direkt vom Band abholen und in maximal 30 Minuten Flugzeit zum Kunden transportieren. Fast zeitgleich lässt Amazon ein dazugehöriges Konzept für Ladestationen patentieren. An öffentlichen Orten wie Kirchtürmen oder Laternen will Amazon Plattformen anbringen, die Drohnen nicht nur aufladen, sondern auch mit Infos versorgen können sollen.

Mit Amazon Prime Now sollen Waren innerhalb einer Stunde geliefert werden.

Obwohl sowohl die Drohnen an sich als auch ihre Ladestationen selbst nach mehreren Jahren noch nach Zukunftsmusik klingen, zeigt Amazons Vorstoß, wo die größten Probleme der Logistik-Branche liegen: In der „letzten Meile“ vor dem Wohnort des Empfängers. Interne Prozesse konnten in den letzten Jahren weitgehend optimiert werden – Der Weg zum Kunden ist die letzte große Unbekannte in einem immer weiter wachsenden Markt. Laut „Bundesverband Paket- und Expresslogistik“, dem unter anderem DPD, GLS, Hermes und UPS angehören, wurden 2015 allein mit diesen Anbietern rund 2,9 Milliarden Pakete versendet. Ein Wachstum von 5,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und der Zenit scheint noch lange nicht erreicht: Für die nächsten Jahre prognostiziert der Branchenverband ein jährliches Wachstum von 5,1 Prozent.

Neben Chancen bringt diese Entwicklung für für die Unternehmen und ihre Beschäftigten massive Herausforderungen mit sich. Mehr versendete Pakete bedeuten auch mehr potentielle Probleme: Mehr Postautos bleiben im innerstädtischen Stau stecken, mehr Empfänger sind nicht zu Hause anzutreffen, mehr Packstationen geraten regelmäßig an die Grenzen ihrer Kapazitäten. All dies kostet die Logistik-Unternehmen Zeit – und vor allem Geld. Für jeden erfolglosen Zustellversuch fallen durch Lagerung und Transport zusätzliche Kosten an. Gleichzeitig werden die Erwartungen des Kunden nicht niedriger: Inzwischen ist er es gewohnt, seine Ware nach spätestens drei Tagen in den Händen zu halten – egal, ob er in der vielbefahrenen Innenstadt oder auf der ablegenden Alm wohnt. Services wie die 2015 in Deutschland erstmals erprobte Lieferung am selben Tag oder das wachsende Geschäft mit dem Versand von Lebensmitteln wollen und müssen sogar noch schneller liefern.

Wenig überraschend setzen Logistik-Unternehmen und ihre Auftraggeber viel daran, dem Kunden seine Bestellung im ersten Versuch zukommen zu lassen. Bereits seit längerem testen verschiedene Versandhändler in Kooperation mit Logistik-Dienstleistern, den Auto-Kofferraum als eine Art mobilen Postkasten zu nutzen. In ersten Modellversuchen bekommen die Boten dabei die Position des Autos per GPS mitgeteilt. Mit einem Einmal-Code können sie den Kofferraum öffnen, um die Bestellungen dort abzulegen oder hinterlegte Retour-Sendungen mitzunehmen. Ob sich dieses Konzept jemals in der breiten Masse durchsetzten wird, scheint jedoch fraglich: Schließlich sind Umbau-Maßnahmen nötig, um Dritten überhaupt den Zugang zum Kofferraum ermöglichen zu können.

Interessante Konzepte – ungelöste Probleme

 

Der futuristsiche Van auf der Straße…

Es wird wohl noch eine Weile dauern, ehe Empfänger ihre Pakete von Drohnen entgegennehmen können. Neben einem gesetzlichen Rahmen fehlt noch immer eine Lösung für die Sicherheitsprobleme, die mit dem Drohnenflug einhergehen. Kein Paketdienst hat ein Interesse daran, Passanten durch seine unbemannten Flugobjekte in Gefahr zu bringen. Unwegsamen Gelände und extreme Wettersituationen können zudem aktuell noch schnell dazu führen, dass die Drohnen ihr angestrebtes Ziel nicht erreichen. Andere Konzepte werden hingegen schon heute in größerem Umfang erprobt: Im September 2016 testet Media Markt in Kooperation mit dem estnischen Hersteller Starship die Paketzustellung per Roboter.

In nicht allzu ferner Zukunft – so der Plan der beteiligten Parteien – sollen sich die Zustell-Roboter überwacht von GPS und Sensoren autonom auf den Weg zum Kunden machen können. Dieser erhält dann per SMS einen Code, mit dem sich der Behälter öffnen lässt. Während der Testphase, an der immerhin 1000 Düsseldorfer Haushalte beteiligt sind, darf das Gefährt hingegen nur bei Tageslicht und in menschlicher Begleitung unterwegs sein. Noch benötigt Starships Kreation die Hilfe eines Mitarbeiters, der für Sicherheit sorgt, in brenzligen Situationen die Steuerung übernimmt und die Akzeptanz des Zustell-Roboters überprüft.

… und ein Blick in seinen Laderaum.

Komplett alleine werden die Roboter wohl auch in Zukunft nicht unterwegs sein können. Müssten sie für jede Lieferung zu einer Packstation zurückkehren, um ein neues Paket aufzunehmen, würde ihre Effizienz massiv unter den zusätzlichen Wegen leiden. Denn auch für Zustell-Roboter gilt das Gebot der Logistik, nach dem Leerfahrten nach Möglichkeit verhindert werden sollten. Eine Lösung für dieses Problem könnte in der neusten Generation der Transporter von Mercedes-Benz liegen. Diese verfügen über einen stark automatisierten Laderaum für Drohnen und Zustell-Roboter und bringen so das Potential mit, als eine Art „Zentrale“ zu fungieren. Anstatt in einem Wohngebiet jeden Empfänger einzeln anfahren zu müssen, kann der Bote die letzten Meter zum Kunden von Robotern oder Drohnen überbrücken. Mehrere Auslieferungen zur gleichen Zeit sind so mit wesentlich weniger Personal zu bewerkstelligen.

Was schon heute Realität ist

Bei all den spannenden Zukunftskonzepten geraten die weniger spektakulären Neuerungen und Innovationen nicht selten in Vergessenheit, die schon heute Realität sind. Ein Beispiel für ein solches Projekt sind die „Streetscooter“, die von der Post bereits seit einiger Zeit erfolgreich eingesetzt werden. Die ursprünglich von der Universität RWTH in Aachen konzipierten Elektrotransporter sind optimal auf den Transport von Paketen zugeschnitten. Obwohl die „Streetscooter“ nicht viel größer sind als ein gewöhnlicher Familien-Van, passen bis zu 200 Pakete in den Laderaum. Vierorts laufen sie größeren und weniger umweltfreundlichen Alternativen bereits den Rang ab.

Die Streetscooter der DHL sind optimal auf den Transport von Paketen zugeschnitten.

Schließlich ist es auch für Paketboten wesentlich bequemer, mit kleinen Autos unterwegs zu sein, als sich mit einem Sprinter durch die Innenstadt zu quälen. Trotz der Diskussionen um Roboter und Drohnen sind es noch immer sie, die für die Auslieferung der Pakete sorgen und unter den steigenden Anforderungen am meisten zu leiden haben. Vor allem das bald beginnende Weihnachtsgeschäft bedeutet für die Beschäftigten der Logistik-Branche wieder jede Menge Mehrarbeit – trotz der jährlichen saisonbedingten Mehreinstellungen.

Für Amazon sind Innovationen, die den Aufbau eines kostengünstigen und einfach zu pflegenden Logistik-Netzes begünstigen, derweil hoch auf der Prioritäten-Liste angesiedelt. Obwohl die Kunden dank kostenlosem Versand davon nichts spüren, verdienen die Paket-Dienstleister zur Zeit an jeder ausgelieferten Bestellung mit. Eine eigene Logistik böte Amazon die Möglichkeit, Hermes, UPS und Co. In Zukunft zu umgehen, um an jedem versendeten Pakte mehr zu verdienen. Obwohl der Konzern aus Seattle schon heute die Welt des Online-Shoppings beherrscht, ja fast schon zum Synonym für eben jenes geworden ist, herrscht in der „Emerald City“ sicherlich kein Stillstand. Denn auch nach 22 Jahren an der Spitze seines Unternehmens ist Jeff Bezos noch immer kein Mann der kleinen Pläne.

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