Vergessene Produkte: HD DVD

Formatkriege warten mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf. Immer, wenn der nächste technologische Sprung ansteht, kämpfen mindestens zwei Parteien um die Vorherschaft. Vor rund zehn Jahren setzte sich die Blue Ray gegen den heute fast schon vergessenen Konkurrenten HD DVD durch – nur um wenige Jahre später vom Internet auf Platz zwei verwiesen zu werden. Über ein hart geführten Kampf bei dem am Ende beide Parteien als Verlierer feststanden.

Der 19. Februar 2008 war für Sony ein seltener Tag des Triumphs. Mit der Einstellung der HD DVD wurde offiziell, was sich schon in den Monaten zuvor abgezeichnet hatte. Sony gewann mit der Blue Ray einen Formatstreit – das erste Mal in der jüngeren Firmengeschichte. Als Mitarbeiter der Japaner war man Niederlagen in solchen Auseinandersetzungen eigentlich gewohnt. Betamax verlor in den 70er und 80er Jahren gegen VHS, die Mini-Disc zog gegen die CD den kürzeren, Atrac konnte sich als Alternative zu MP3 ebenfalls nicht durchsetzen. Immer wenn es darum ging, ein Format in der Industrie als Standard durchzusetzen, fand sich Sony auf der falschen Seite der Auseinandersetzung wieder. Mal hatte die Firma Pech, mal kam sie schlicht zu spät – und mal scheiterte sie an der mächtigen Porno-Industrie, die das Konkurrenzformat VHS der Betamax vorzog.

Ein neuer Formatkrieg

2008 hingegen war der „Formatkrieg“, in dem die Blue Ray schon von Beginn an leicht vorne lag, endgültig zu Gunsten von Sonys Speichermedium gekippt. Mitte Januar wechselte das bedeutende Filmstudio Warner mit seinen Produktionen von der HD DVD exklusiv zur Blue Ray – und setzte damit eine Entwicklung in Gang, an der Toshibas Format nicht einmal einen Monat später zu Grunde gehen sollte. „Das ist eine strategische Entscheidung, die wir langfristig sehen. Wir wollen den Kunden geben, was sie wollen. Wenn das Format-Wirrwarr anhält, schließt sich das Fenster für die hochauflösende DVD“, ließ das Management des Medienkonzerns nach der Entscheidung verlauten.

Vom kurzfristigen Rückzug des einstigen Partners sichtlich überrumpelt sagte das HD DVD-Lager eine für die CES 2008 geplante Vorstellung kurzfristig ab; eigentlich für das gewöhnliche Messevolk gedachte Werbemittel wurden eilig unter den bereits anwesenden Fachbesuchern verteilt. Obwohl Toshiba auf Anfrage immer wieder betonte, die HD DVD sei „keinesfalls tot“, zeichneten Branchenexperten ein deutlich düstereres Bild von der Zukunft des Formats: Der Jahre andauernde Formatkampf sei nach Warners Seitenwechsel de facto zu Gunsten der Blue Ray entschieden worden.

Auch die Kunden schienen dies ähnlich zu sehen: Als hätten sie auf ein solches klares Bekenntnis zu einem der beiden Formate gewartet, brachen die Verkaufszahlen der HD DVD in der Woche nach der Entscheidung massiv ein. Und auch in anderen Bereichen verlor der Blue Ray Konkurrent in beunruhigendem Tempo an Boden. Videotheken wie Blockbuster oder Netflix – damals noch im Versand physischer Datenträger aktiv – gaben die HD DVD auf, Europäische Filmstudios wechselten beinahe geschlossen zur Blue Ray und auch der Handel nahm Toshibas Produkt nach und nach aus dem Sortiment.

Ein nicht mehr zu gewinnender Kampf

Zu diesem Zeitpunkt erschienen rund 70 Prozent aller relevanten Filme auf Blue Ray. Selbst der optimistischste Verfechter der HD DVD musste nun einsehen, dass der Kampf nicht mehr zu gewinnen war. Mit einer kurzen Pressemitteilung, geschrieben im diplomatischen Business-Englisch, beendete Toshiba das Kapitel HD DVD endgültig – und würdigte den zuvor gerne erwähnten Konkurrenten dabei mit keiner Silbe. Die HD DVD verschwand vom Markt und nahm damit ihren Platz in der langen Reihe an Produkten ein, die nach einem vielversprechenden Start schnell in Vergessenheit gerieten. Aber der Reihe nach.

Dass die klassische DVD ein Auslaufmodell sein würde, wurde allen Beteiligten spätestens zu Beginn des neuen Jahrtausends klar. Mit maximal 4,7 Gigabyte Speicherplatz im Single- und 8,5 Gigabyte in Dual Layer war das Format den Anforderungen nicht gewachsen, die in nicht allzu ferner Zukunft an dieses gestellt werden würden. High Definition – kurz HD – schickte sich an, die klassische SD-Auflösung als Standard abzulösen – und benötigte dabei ein Vielfaches an Speicherplatz. Filme in der mit markanten Werbesprüchen wie „Schärfer als die Realität“ beworbenen Auflösung konnten inklusive Extras schon einmal Speicherkapazitäten im niedrigen bis mittleren zweistelligen Gigabyte-Bereich einnehmen. Ein neues Speichermedium musste dringend her. Schließlich waren sowohl Kunden als auch Industrie nicht an Filmen interessiert, die sich über mehrere DVDs erstreckten.

Schnell taten sich Toshiba und Sony als führende Unternehmen in der Entwicklung des neuen Speichermediums hervor. Beide hatten für ihre jeweiligen Produkte HD DVD und Blue Ray namhafte Unterstützer finden können. Während Microsoft, Intel, Paramount, Universal und Warner auf die HD DVD setzten, konnte Sonys Entwicklung Apple, Dell, 20th Century Fox, Lionsgate und Disney hinter sich versammeln. Vor allem die Filmstudios sollten der Schlüssel zum Erfolg sein. Schließlich produzierten sie die Inhalte, wegen denen sich die Kunden am Ende für eines der Systeme entscheiden würden.

Niedrige Kapazität – Probleme mit dem Kopierschutz

Von Andreas -horn- Hornig – Erstellt auf Anfrage von mir von Wolfgang „MrWichtig“, Photo nachverbessert durch Michael „Blacky“ Ritter von www.hdtvtotal.com, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=324051

Als die beteiligten Firmen 2002 erste Versionen ihrer Speichermedien vorstellten, war allerdings noch keines der Konzepte wirklich marktreif. Es sollte noch zwei Jahre dauern, ehe die potentiellen DVD-Nachfolger stärker in den Fokus der Medien rückten: Auf der CES 2004 präsentierten Sony und Toshiba neben weiter entwickelten Konzepten auch vage Veröffentlichungstermine: Irgendwann zwischen 2005 und 2006 könne man mit einem Markteintritt der beiden Konkurrenten rechnen.

2004 waren beide davon allerdings noch ein ganzes Stück entfernt. Die HD DVD brachte es damals auf maximal 15 Gigabyte Speicherplatz; die Blue Ray konnte 25 Gigabyte an Daten beherbergen. Auch der Kopierschutz, der die Inhalte vor illegaler Verbreitung schützten sollte, bereitete der Industrie immer wieder Probleme. Noch bevor die Speichermedien überhaupt den Kunden erreichten, war ein Formatkampf entstanden, der viele Beobachter an die Jahre dauernde Auseinandersetzung zwischen VHS und Betamax erinnerte. Auch in der Firmenzentrale von Sony dachte man wohl an die schmerzhafte Niederlage – und beschloss einen Schritt der am Ende maßgeblich zum Sieg der Blue Ray beitragen sollte. Die 2006 für Japan und die Vereinigten Staaten angekündigte Playstation 3 wurde standardmäßig mit einem Blue Ray Player ausgestattet. Im Schatten der neuen Konsole, von der sich Sony massive Verkaufszahlen versprach, sollte sich das eigene Format gegen Toshibas Konkurrenz durchsetzen.

Die Playstation 3 wurde am Ende tatsächlich zum relevanten Faktor. Konkurrent Microsoft verpasste die Chance, die fast zeitgleich erscheinende xBox 360 mit einem Laufwerk für HD DVD auszustatten. Versuche, einen 200 Dollar teuren externen Playern für die Spielekonsole an den Kunden zu bringen, waren wenig überraschend nicht von Erfolg gekrönt. Es war eine erste Vorentscheidung im immer härter geführten Konkurrenzkampf, den Toshiba mit der Veröffentlichung des ersten HD DVD Players im März 2006 auf ein neues Level gehoben hatte. Beide Formate mussten sich nun beim Kunden beweisen – was die Entwicklung der Branche spürbar verlangsamte. Solange sich kein Sieger hervorgetan hatte, zögerten die Zulieferer im Umkreis der Speichermedien, ihre Fertigungsprozesse auf eines der beiden Formate einzustellen.

Showdown in der Wüste

Las Vegas – dort, wo beide Produkte drei Jahre zuvor erstmals größere Beachtung gefunden hatten – sollte durch die CES 2007 zum Schauplatz des ersten großen Showdowns der beiden Formate nach ihrem Erscheinen werden. In der Wüste von Nevada standen sich die Vertreter beider Lager siegesgewiss gegenüber. „HD DVD wird das meist verkaufte Format in diesem Jahr sein“ prognostizierte der damalige xBox-Chef Robbie Bach selbstbewusst. Durch ihren hohen Startpreis waren die Verkaufszahlen der Playstation 3 in den ersten Monaten hinter den Erwartungen zurückgeblieben, was das Rennen zwischen HD DVD und Blue Ray zu diesem Zeitpunkt weiter offen hielt. „Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe die Kunden die Vorteile der Blue-Ray Technologie erkennen werden“, gab sich Andy Parsons von der Blue Ray Association dennoch siegessicher. Obwohl eine klare Entscheidung zu Gunsten eines Formates bisher ausgeblieben war, sprachen die technischen Aspekte für das von ihm promotete Produkt: Die Blue Ray konnte 2007 mit nur einer Schicht bereits 50 Gigabyte Daten speichern. HD DVD kam zur gleichen Zeit auf gerade einmal 30 Gigabyte.

Mit der Playstation 3, die nach Europastart und Preissenkung immer größere Verbreitung fand, gewann auch die Blue Ray an Schwung. Im Laufe des Jahres 2007 entwickelte sich das einst enge Rennen immer mehr zu Gunsten von Sonys Format. Auch ein hart geführter Preiskampf im Weihnachtsgeschäft konnte die Lücke zwischen den beiden Formaten nicht mehr schließen. Obwohl die Verkaufszahlen von Blue Ray und HD DVD Playern im November gerade einmal 250.000 Exemplare auseinander lagen (Blue Ray verkaufte eine Millionen, HD DVD 750.000 Abspielgeräte), wurden rund 73 Prozent aller relevanten Filme in Sonys Format veröffentlicht. Bei den verkauften Scheiben lag der Marktanteil der Blue Ray bei 65 Prozent.

Spätestens Anfang 2008 war das Ende der HD DVD schließlich unausweichlich; der Umstieg von Warner nicht viel mehr als der letzte Nagel im Sarg des Formats. Im Gegensatz zur VHS läutete der hart erkämpfte Sieg der Blue Ray keine jahrzehntelange Dominanz des Formats ein. In den folgenden Jahren wurde Realität, was 2008 noch Zukunftsmusik gewesen war: Plattformen wie Netflix und Amazon Prime lösten Inhalte nicht nur von ihrem physischen Träger, sondern machten ganz nebenbei auch noch das Leihen digitaler Güter salonfähig. Anno 2017 ist HD DVD vergessen – und die Blue Ray auf dem besten Weg, ihrem einstigen Konkurrenzformat zu folgen.


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  1. Microsoft Zune
  2. iPod HiFi
  3. Ouya