Stardew Valley im Test

Man braucht nicht lange, um die drei Lektionen zu lernen, die Stardew Valley seinen Spielern beibringt: Es gibt immer was zu tun. Man schafft nie alles, was man sich vornimmt. Und nichts ist jemals wirklich fertig. Diese drei Lektionen – so unattraktiv sie auf den ersten Blick auch scheinen mögen – sind es, aus denen das Farming-Spielen seinen langfristigen Reiz zieht. Stardew Valley ist eines der Spiele, in dem man sich verliert, um beim nächsten Blick auf die Uhr erschrocken festzustellen, wie viel Zeit wieder vergangen ist. Es ist eines der Spiele, die man nach einem anstrengenden Tag mit einem guten Podcast im Ohr zur Entspannung spielt – Nicht zu fordernd, aber mit absurd gut ausgeprägter Fähigkeit, seine Spieler über einen längeren Zeitraum zu motivieren. Denn der Indie-Hit bietet Freiheit – Freiheit, genau das zu tun oder zu lassen, wonach einem gerade der Sinn steht. Zugegeben: Um Fortschritte zu machen, wird der Spieler nicht drum herumkommen, mit einer gewissen Regelmäßigkeit seine Felder zu bewirtschaften, in den Minen nach Rohstoffen zu suchen oder dem nahegelegenen Dorf einen Besuch abzustatten. Auf welcher dieser Aktivitäten der Fokus liegen soll, bleibt jedoch jedem Spieler selber überlassen.

Keine linear erzählte Geschichte

Jede Farm fängt einmal klein an…

Entwickler ConcerndApe zwängt dieses Spielprinzip deswegen nicht in das enge Korsett einer linear erzählten Geschichte. Nicht wenige narrative Elemente ergeben sich stattdessen aus der im schönen Pixel-Look gehaltenen Spielwelt. Sie ist – anders als bei so manch anderen populären Pixel-Spielen – nicht zufällig generiert, sondern von Hand erschaffen. Überall auf der Karte finden sich so kleine Details, die ihre ganz eigenen Geschichten erzählen. Als Spieler kann man höchstens erahnen, was mit diesen Orten passiert ist – oder muss auf die Hinweise der anderen Bewohner vertrauen, die hin und wieder Nebensätze zu der Vergangenheit ihres Ortes verlieren. Obwohl die Spielwelt gemessen an heutigen Maßstäben nicht wirklich groß ist, schafft es Stardew Valley durch dynamische Veränderung, zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen zu lassen. Verschiedene Jahreszeiten lassen gleiche Orte unterschiedlich aussehen, an Objekten nagt sichtbar der Zahn der Zeit, neue Pflanzen tauchen am Wegesrand auf. Die Umgebung erzählt eher eine Geschichte, als es die wenigen tatsächlich narrativen Elemente des Spiels selber tun.

Die einzige Szene, die jeder Stardew Valley Spieler zwangsläufig zu Gesicht bekommt, ist die Anfangssequenz, welche die Vorgeschichte der Figur erklärt. Der Großvater des Hauptcharakters vermacht seinem Enkel auf dem Sterbebett sein Lebenswerk: Einen alten, abgelegenen Bauernhof weit weg vom Trubel der Stadt. Als junger Karrieremensch kann der Protagonist damit zunächst wenig anfangen – ehe er sich Jahre später als anonymer Schreibtischarbeiter im Großraumbüro eines multinationalen Konzerns wiederfindet. Er erinnert sich an das Erbe seines Großvaters – der diese Sinnkrise natürlich vorhergesehen hat – und wirft alles hin, um sein Leben auf dem inzwischen sichtbar heruntergekommenen Gut seines Opas neu zu ordnen. Wirklich originell ist die Prämisse des unzufriedenen Städters, der auf dem Land sein Seelenheil sucht, natürlich nicht. Doch das muss die auch gar nicht sein: Sie dient lediglich als Erklärung dafür, wieso die Hauptfigur zwar einen eigenen Hof, von Landwirtschaft jedoch keine Ahnung hat.

Die abwechslungsreiche Umgebung lässt sich in einem gewissen Rahmen gestalten.

Alle anderen geskripteten Elemente sind vom Zufall oder den Entscheidungen des Spielers abhängig. Findet die Hauptfigur eine Einladung zum Dorffest im Briefkasten, bleibt es ihm überlassen, ob er hingeht, um die Geschichte zu erleben – oder doch lieber zu Hause bleibt, um sich der täglichen Arbeit auf dem Hof zu widmen. Es gibt schließlich immer was zu tun. Diese Mechanik sorgt dafür, dass sich Entscheidungen in Stardew Valley erstaunlich real anfühlen. Als Spieler ist man keine Marionette der Entwickler, die auf einem vorgegebenen Story-Pfad ihr vorgegebenes Zeil erreicht und somit keinerlei Verantwortung trägt. Stattdessen lässt einen das Spiel ständig Entscheidungen treffen, über die in ähnlicher Form auch im echten Leben auf täglicher Basis entschieden werden muss: Gehe ich zum Fußballtraining – oder lasse ich den Tag lieber gemütlich auf dem Sofa ausklingen? Mache ich Überstunden, um das Büro endlich einmal mit leerer To-Do-Liste verlassen zu können – oder verbringe ich lieber mehr Zeit mit der Familie? Lade ich meine Freunde ins Kino ein – oder lerne ich für die wichtige Klausur, die am nächsten Tag ansteht? Wie kaum ein anderes Spiel kann Stardew Valley dem Spieler das Gefühl geben, seine Zeit verschwendet zu haben, wenn etwas nicht wie gewünscht funktioniert. Man hätte die wertvollen Stunden, die dem Hauptcharakter Tag für Tag zwischen Aufstehen und Schlafengehen bleiben, schließlich auch besser nutzen können. Ohne ein gewisses Maß an Disziplin und Planung kann sich der Fortschritt tatsächlich quälend langsam anfühlen.

Fortschritt auf mehren Ebenen

Apropos Fortschritt: Neben dem optischen Fortschritt, der sich im Ausbau der Farm wiederspiegelt, bietet Strdew Valley auch eine Entwicklung der Fähigkeiten des Hauptcharakters. Wie in einem klassischen RPG wird der Spieler ohne große Erklärung ins Geschehen hineingeworfen und muss sich viele Grundlagen des landwirtschaftlichen Lebens selber erarbeiten. Mit der Zeit steigt seine Figur im Level auf, erwirbt neue Fähigkeiten oder verbessert seine bereits vorhandenen: Er lernt neue Setzlinge kennen, schafft sich Nutztiere an, lässt sich beim örtlichen Schmied neue Werkzeuge herstellen. Irgendwann lassen sich einfache Prozesse automatisieren, was den Hauptcharakter allerdings nicht davor bewahrt, die Ärmel jeden Tag aufs neue hochkrempeln zu müssen. Der Stardew Valley Spieler durchlebt auf diese Weise mit seinem Charakter einen Lernprozess – doch nicht nur auf diese Weise: Während die Figur lernt, Blumenkohl anzupflanzen oder einen Schmelzofen für Metalle zu bauen, lernt der Spieler gleichsam die Mechaniken der Spielwelt kennen. Und zwar so, wie man auch im echten Leben lernt: Durch erfolgreiche Projekte – aber vor allem durch Fehler. Wenn der Hauptcharakter in den naheliegenden Minen mangels Essen in Ohnmacht fällt oder die für den Frühling gedachte Saat mit dem Beginn des Sommers vergeht, hält sich der Frust in Grenzen. Die meisten Fehler lassen sich nachvollziehen und nur wenig geht ohne erkennbaren Grund oder wegen einer nicht gut implementierten Mechanik schief – auch wenn Stardew Valley nicht völlig frei von solchen Momenten ist.

Der dynamische Wechsel von Tag und Nacht bringt optische Abwechslung in die Umgebung.

Natürlich ist Stardew Valley nicht perfekt: Die Interaktion mit anderen Bewohnern – eine Mechanik, die den Gang ins Dorf auch abseits von banalen Tätigkeiten wie Einkaufen lohnenswert machen soll – wirkt undurchdacht und mitunter sogar etwas verwirrend. Zu keinem Zeitpunkt gibt der Indie-Hit seinem Spieler einen Anhaltspunkt, wo sich bestimmte Personen gerade aufhalten. Sucht man eine Figur, weil man ihr beispielsweise versprochen hat, Zutaten für ein Rezept zu besorgen, artet dies schnell in ein langes Gesuche aus, bei dem schon einmal mehrere wertvolle Stunden verstreichen können. Zudem ist es schwer, gezielt Beziehungen zu anderen Dorfbewohnern aufzubauen, ohne vorher viele Stunden ans Suchen verschwenden zu müssen. Aufwand und Nutzen – die in Stardew Valley ständig gegeneinander abgewogen werden müssen – stehen hier in keinem besonders guten Verhältnis zueinander. Während NPCs durch Briefe oder Anzeigen am „schwarzen Brett“ aktiv zu werden können und in Konversationen meist die tragende Rolle übernehmen, bleibt die Hauptfigur in ihrem eigenen Spiel erstaunlich passiv. Sie kann selber keine Anzeigen aufgeben, übernimmt in Gesprächen nie die Initiative und klärt nicht einmal Missverständnisse auf, die sich negativ auf die Beziehungen zu anderen Charakteren auswirken.

Mehr als eine Eintagsfliege

Narrative Ereignisse wie ein Dorffest hängen von Entscheidungen des Spielers ab.

Stardew Valley ist mehr als nur eine Eintagsfliege, die einen kurzen Hype erlebt, um dann auf ewig in der Versenkung zu verschwinden. Selbst eineinhalb Jahre nach seinem ursprünglichen Release ist Stardew Valley regelmäßig auf den großen Spielewebseiten zu finden. Ein Teil der Meldungen lässt sich sicher auf die kürzlich erfolgte Veröffentlichung einer Version für die Nintendo Switch zurückführen – ein nicht zu vernachlässigender Teil basiert jedoch auf dem Fakt, dass sich selbst nach fast zwei Jahren noch immer viele Menschen mit dem Spiel beschäftigen. In der Steam-Rangliste der 100 meist gespielten Games liegt Stardew Valley in dem Moment, in dem diese Zeilen entstehen, noch immer auf einem respektablen 32. Platz. Für ein Indie-Game, das ohne künstlich eingefügte Elemente wie Lootboxen oder tägliche Belohnungen auskommt, ist dieser langfristige Erfolg sicher keine Selbstverständlichkeit. Vielmehr spricht er für die Qualität des Ein-Mann-Projekts, das schon jetzt zurecht als kleiner Meilenstein in die Spiele-Historie eingegangen ist. Auch ein Nachfolger ist schon in Arbeit – Es gibt schließlich immer was zu tun.