Vergessene Produkte: iPhone 5c

Das Jahr 2013 war für Apple gleich auf mehreren Ebenen ein Ungewöhnliches. Vieles, was Tech-Interessierte heute wie selbstverständlich mit dem Konzern aus Cupertino verbinden, trat in eben diesem Jahr erstmals in Erscheinung. Rund zwei Jahre nach dem Tod von Gründer und Galionsfigur Steve Jobs schien sich Apple erstmals zu trauen, von alten Gewohnheiten des Konzerns abzurücken. Optisch machte sich diese neue Herangehensweise vor allem auf Seiten der Software bemerkbar. Mit iOS 7 verabschiedete sich Apple vom Skeumorphismus, der die Software des iPhones von Beginn an geprägt hatte. Unter der Führung von Chefdesigner Jony Ive wurde das OS an den Zeitgeist angepasst. Apples Software war nun flach, modern und farbenfroh, anstatt wie zuvor ein bekanntes analoges Produkt möglichst realistisch nachzubilden. iOS 7 setzte damit auch optisch den Schlussstrich unter die Anfangsphase der (Apple-)Smartphones. Sechs Jahre nach dem ersten iPhone musste sich Software nicht mehr durch Ähnlichkeit zu real existierenden Produkten wie Notizüchern erklären – Sie stand für sich selbst.

Smartphones bedurften keiner Erklärung mehr

Auch Smartphones an sich bedurften zu diesem Zeitpunkt keiner Erklärung mehr: Die einstigen Gadgets für Business-Menschen (und Nerds) waren spätestens mit dem Beginn des neuen Jahrzehnts in der Mitte der Gesellschaft angekommen – wo sie nun eine ganze Reihe an neuen Erwartungen zu erfüllen hatte. Smartphones waren (und sind) nicht nur Werkzeuge, sondern gleichzeitig auch Statussymbol, Spielzeug und Mode-Statement. Und genau darin lag wohl der Grund für eine weitere, ebenso tiefgreifende Veränderung im Apple-Kosmos. Zum ersten mal überhaupt brachte Apple im gleichen Jahr statt einem gleich zwei neue Smartphone-Modelle auf den Markt. Die “one-size-fits-all”-Strategie, die zuvor jedes Jahr zuverlässig für Rekord-Umsätze gesorgt hatte, schien den neuen Anforderungen aus Apples Sicht schlicht nicht mehr gewachsen. 2013 markierte ein Jahr des Umbruchs: Seitdem erscheinen jedes Jahr mindestens zwei neue Modelle, aus denen der Kunde wählen kann. Doch während der Unterschied zwischen neuen im gleichen Jahr vorgestellten iPhones in den Jahren danach vor allem in der Größe lag, war dieser 2013 noch vor allem in der Hardware zu finden. Das iPhone 5s war dem zeitgleich erscheinenden iPhone 5c in nahezu jeder Hinsicht überlegen.

Das 5s war das gewohnte Upgrade gegenüber seinem Vorgänger – Das 5c war das Vorjahresmodell in neuem, deutlich bunteren Gewand. Abgesehen von leicht verbesserten Kameras, einem etwas angewachsenen Akku und zusätzlichen LTE-Bändern unterschied sich das 5c auf Seiten der Spezifikationen kaum von seinem ein Jahr alten Vorgänger. Prozessor und Grafikchip übernahm Apple unverändert vom iPhone 5, wodurch sich beide Smartphones strukturell stark voneinander unterschieden. Im 5s kam mit dem A7-Chip bereits ein Prozessor zum Einsatz, der auf der 64-Bit Architektur basierte. Der “kleine Bruder” hingegen setzte auf den A6-Prozessor des Vorgängers – ein im Vergleich fast schon altmodisch wirkendes 32-Bit-Modell. Obwohl sich die Unterschiede im täglichen Gebrauch kaum bemerkbar machten, war nicht nur Tech-Experten klar, dass die Zukunft der Prozessortechnik in 64 Bit liegen würde.

Passend zu Baggy Pants und Sommerkleid

Andere Unterschiede waren derweil kaum zu übersehen. Dort, wo bei iPhone 5s der Fingerabdrucksensor TouchID auf den Finger seines Benutzers wartete, befand sich beim 5c nach wie vor der alte Homebutton. Auch die Kamera des iPhone 5s produzierte die im direkten Vergleich deutlich besseren Resultate. Schon nach wenigen Wochen wurde klar, dass es dem 5c alles andere als leicht fallen würde, neben dem “großen Bruder” zu bestehen. Es bekam nicht nur deutlich weniger Medien-Aufmerksamkeit, sondern sollte eine Nische besetzen, die augenscheinlich nicht existierte. Nur wenige Kunden wollten sich ein iPhone zulegen, das zwar teuer, trotzdem aber kein Top-Modell ist. Dieses Problem ließ das günstigere der beiden Smartphones irgendwo im Niemandsland zurück: Zu teuer für die Mittel- und zu günstig für die Oberklasse. Auch das im März 2014 vorgestellte 8 Gigabyte-Modell konnte das 5c nicht aus seiner misslichen Lage befreien. Dass das Plastik-iPhone zum Misserfolg zu werden drohte, blieb selbstverständlich auch der Konzernspitze nicht verborgen. Die Nachfrage nach dem 5c sei “anders als wir dachten”, gab CEO Tim Cook im jährlichen Business-Call anlässlich der Quartalszahlen des Unternehmens zu. An den insgesamt verkauften Geräten mache das bunte Phone einen deutlich geringeren Anteil aus als ursprünglich erwartet.

Dabei hatten die Testberichte zum Verkaufsstart für den kleinen Bruder der 5s durchaus lobende Worte übrig gehabt. Vor allem das Design traf bei vielen Testern einen Nerv: Apple hatte die Technik in eine Hülle aus buntem Polycarbonat verpackt und mit der Vorderseite des iPhone 5 verschlossen. Heraus kam ein Smartphone, das sich von anderen Modellen auf dem Markt sichtbar abhob. Die wahlweise grüne, gelbe, pinke, weiße oder baue Rückseite ließ das Gerät nicht nur frischer, sondern auch sportlicher und moderner wirken. “Das 5c versucht den eingefahrenen Status quo zu drehen. Smartphones müssen nicht mehr nur zu Anzug und Jackett passen, sondern auch zu Baggy Pants und Sommerkleid”, fasste Alex Olma vom “iPhoneblog” Apples Herangehensweise an das günstigere iPhone treffend zusammen.

Unverhofft in den Schlagzeilen

Natürlich war es nicht das erste mal, dass ein Hersteller auf die Idee gekommen war, technische Produkte von der weit verbreiteten Kombination aus Schwarz, Weiß und Silber zu lösen. Es war nicht einmal das erste mal, dass Apple selbst auf eben diese Idee gekommen war: Nahezu jeder iPod, der über die Jahre aus den Apple-Fabrikhallen herausgefallen waren, gab es in verschiedenen Farbvariationen zu kaufen. Und nur wenige Monate vor dem 5c hatte Microsoft mit einer Reihe an bunten Geräten versucht, der sich nur schleppend verkaufenden Lumia-Reihe neues Leben einzuhauchen. Dennoch war es ähnlich wie beim Wireless Charging und der neuen iPhone-Generation in diesem Jahr: Wenn Apple etwas tut, schauen die Leute hin. Auch die umstrittene Materialwahl der Rückseite kam bei vielen Medienvertretern gut an: Das bunte Plastik mutete zwar bei weitem nicht so hochwertig an wie die Glas- und Metallrückseiten der (internen) Konkurrenz, ließ das Gerät aber angenehm in der Hand liegen. Selbst heute – rund vier Jahre nach Erscheinung – muss sich die Haptik des 5c nicht hinter derjenigen aktueller Phones verstecken. Zum Erfolg wurde das iPhone 5c dennoch nicht.

Im Dezember 2015, als das Plastik-iPhone schon als einmaliger Irrweg Apples abgehakt schien, geriet das Smartphone unverhofft in die Schlagzeilen: Nicht als Gerät an sich – sondern als Symbol für eine Dikussion, die bis heute nichts an Aktualität verloren hat. Nach einem Anschlag im kalifornischen San Bernadino, bei dem zwei Terroristen insgesamt 14 Menschen töteten und anschließend von der Polizei erschossen wurden, entbrannte an dem bunten iPhone ein Streit, der die konkurrierende Tech-Branche Nordamerikas für einen kurzem Moment vereinte. Das FBI hatte Apple zuvor aufgefordert, eine Version ihres mobilen Betriebssystems iOS mit einer so genannten Backdoor zu versehen, die den Sicherheitsbehörden Zugang zu den auf dem Gerät gespeicherten Daten gewähren würde. Da das iPhone des Attentäters mit mit einem vierstelligen Passcode gesichert war, würde eine zehnmalige Falscheingabe alle auf dem Gerät befindlichen Dateien aus Sicherheitsgründen löschen.

Apple weigerte sich, auf die Forderungen der Ermittler einzugehen – und wählte den Weg an die Öffentlichkeit. “Wir haben die Forderung des FBI, eine Backdoor ins iPhone einzubauen, von Beginn an abgelehnt, weil wir glauben, dass dies falsch ist und einen gefährlichen Präzendezfall setzten würde”, so Cook in einem Statement auf der Firmen-Webseite. Apple habe die Verantwortung, die Daten seiner Kunden zu schützen. Eine einmal entwickelte unsichere iOS-Version mit Backdoor könne großen Schaden anrichten, sollte sie in die falschen Hände geraten. Auch ein Gerichtsbeschluss, der Apple zur Mitwirkung aufforderte, änderte nichts an der Haltung der Firma. Mit ihrem offenen Konfrontationskurs hatte Apple einen nicht unerheblichen Teil der amerikanischen Tech-Branche hinter sich vereinen können: Google, Microsoft, Facebook und LinkedIN schlugen sich allesamt auf die Seite Cupertinos. Obwohl einige von ihnen in der Vergangenheit durch fragwürdigen Umgang mit den persönlichen Informationen ihrer Nutzer aufgefallen waren, zeigten sie sich in diesem Fall doch erstaunlich geschlossen. Schließlich entschied der Fall nicht nur über die Rechte der Nutzer gegenüber den staatlichen Behörden – er entschied vor allem über die Rechte der Firmen gegenüber eben diesen Stellen. Mit seiner Haltung hatte Apple gezeigt, dass mächtige Firmen mit großer Nutzerschaft durchaus in der Lage sind, Sicherheitsbehörden bis zu einem gewissen Grad Paroli zu bieten. Informationen über ihre Kunden sind ein nicht zu unterschätzender Teil ihres Kapitals – vor allem im Falle von Google und Facebook. Und dieses soll verständlicherweise keinem anderen in die Hände fallen – nicht einmal dem FBI.