Twitter und die Politik

Kontroversen um Verifizierungen, ein kurzzeitig verschwundener Präsidenten-Account und Diskussionen um Filterblasen – Seit der US-Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr kommt Twitter nicht mehr wirklich zur Ruhe. So gerne das Netzwerk – ähnlich wie Facebook – als neutrale Institution wahrgenommen werden würde, so schwerig wird es, diesen Status auch wirklich zu erhalten. Ebenso wie klassische Medien hat auch Twitter das Potential, die (politischen) Meinungen ihres Publikums zu beeinflussen.

Anfang November war er plötzlich weg. Der private Twitter-Account von Donald Trump ließ sich ganze elf Minuten lang nicht erreichen. Ein scheidender Mitarbeiter hatte das Profil des vielleicht lautesten Mannes der Welt als letzte Amtshandlung vorübergehend von der Plattform entfernt. Statt entsprechender Kurznachrichten bekamen Nutzer unter twitter.com/realdonaldtrump fast eine Viertelstunde lang nur einen einzigen Satz zu lesen: “Sorry, this Account doesn’t exist!”

Twitters Status als politisches Sprachrohr

Die kurzzeitige Abwesenheit Trumps ist nur ein Beispiel für eine ganze Reihe an Vorfällen, die das Soziale Netzwerk aktuell nicht zur Ruhe kommen lassen. Während sich die finanzielle Lage des chronisch verlustreichen Unternehmens zumindest langsam zu entspannen scheint, gerät Twitter in einem anderen Bereich zunehmend unter Druck: Im Umgang mit politischen Botschaften, die über den Kurznachrichtendienst verbreitet werden. So gerne Twitter – ähnlich wie Facebook – als neutrale Plattform wahrgenommen werden würde, so schwierig ist es für das Netzwerk inzwischen geworden, sich nicht direkt oder indirekt politisch zu positionieren. Für einige Unternehmen, Politiker, Journalisten oder Prominente entwickelte sich Twitter in den inzwischen elf Jahren seines Bestehens zu einem beliebten Weg, sich mit Botschaften aller Art an die Öffentlichkeit zu wenden. Dies allein ist noch kein Problem – Im Gegenteil: die Followerzahlen bekannter Nutzer und Unternehmen legen die Vermutung nahe, dass nicht wenige Nutzer genau wegen solcher Account überhaupt erst auf Twitter aktiv werden. Problematisch wird Twitters Status als (politisches) Sprachrohr erst dann, wenn die Plattform zur Verbreitung umstrittener politischer Botschaften genutzt wird.

Jede kontroverse Äußerung, jede drastisch formulierte Äußerung zwingt Twitter, sich aktiv mit der Frage auseinanderzusetzen, wo auf ihrer Plattform eigentlich genau die Grenzen verlaufen. Mit der Entscheidung, bestimmte Äußerungen zu entfernen, während anderen weiterhin eine Plattform geboten wird, verliert Twitter zwangsweise seine Neutralität – und macht sich in einem gewissen Rahmen angreifbar. Als werbefinanziertes Netzwerk ist Twitter von seinen Nutzern und der Zeit abhängig, die sie auf der Plattform verbringen. Gerade in einem aufgeheizten politischen Klima wie demjenigen der Vereinigten Staaten kann eine politische Ausrichtung – oder auch nur der Anschein einer solchen – bestimmte Nutzer abschrecken oder gar zum bewussten Boykott bewegen. In kaum einem anderen Fall wurde dies so deutlich wie in der Kontroverse um die Verfizierung einer Accounts von Mitgliedern rechter politischer Strömungen in den USA.

Anfang November verifizierte Twitter den Account von Jason Kessler, der entscheidenen Figur hinter dem “Unite the Right”-Aufmarsch im vergangenen August in Charlottesville. Andere bekannte Nutzer reagierten teils mit harscher Kritik auf Twitters Entscheidung. Schauspieler Michael Ian Black wandte sich per Tweets direkt an CEO Jack Dorsey und drohte damit, der Plattform den Rücken zu kehren. Black schreib: “This is disgusting. Verifing white supremacists reinforces the increasing belief that your Site is a platform for hate speech. I don’t wat to give up Twitter, but I may have to. Who do you value more, users like me or him?” Twitter reagierte bereits Tags darauf über den Support-Account auf die Kritik und kündigte an, bis auf weiteres auf jede Verifikation zu verzichten. Dieses Feature – eigentlich als Bestätigung der Identität gedacht werde von vielen Nutzern “als Billigung oder Indikator für Bedeutsamkeit” interpretiert.

Kurz darauf führte Twitter schließlich neue Nutzungsrichtlinien ein, nach denen Verhalten wie die “Unterstützung von Hass und Gewalt” des Verlust des blauen Hakens zur Folge haben könnte. Bekannte Figuren der rechten Szene – unter ihnen Richard Spencer, Laura Loomer, Tommy Robinson und der gerade erst verifizierte Jason Kessler – verloren zwar daraufhin ihren blauen Haken, wurden aber anders als Milo Yiannopoulos rund eineinhalb Jahre zuvor nicht von der Plattform gebannt. Es war ein verwirrender Zug, mit dem Twitter ein außer Kontrolle geratenes Feature wieder in geordnete Bahnen zu leiten versuchte – und dabei einen merkwürdigen Doppelstandard erschuf. Wieso gibt es nun bestimmte Verhaltensweisen, die zwar den Verlust des blauen Hakens nach sich ziehen, nicht aber den kompletten Ausschluss von der Plattform?

“This is disgusting. Verifing white supremacists reinforces the increasing belief that your Site is a platform for hate speech. I don’t wat to give up Twitter, but I may have to. Who do you value more, users like me or him?” – Michael Ian Black

„A mess from the start“

Es scheint so, als würden Twitter spätenstens jetzt die Umstände einholen, unter denen die Verifikation eingeführt worden war. Denn dieses war, wie es Casey Newton in einem Beitrag auf “The Verge” ausdrückte, “a mess from the start”. Der blaue Haken war keine von langer Hand geplante Funktion, sondern eine aus der Not heraus geborene Lösung für ein immer größer werdendes Problem. 2009, drei Jahre nach der Gründung, war das Soziale Netzwerk nicht nur unter Prominenten beliebt – sondern auch unter Nutzern, die sich als eben diese ausgaben. Als Basketballer Shaquille O’Neal dem Netzwerk beitart, war sein Pseudonym “Shaq” beispielsweise bereits in Verwendung. Und Schwimm-Star und Olympiasieger Michael Phelps existierte auf Twitter gleich mehrfach, ohne wirklich hinter einem einem dieser Profile zu stecken. Viele der anderen falschen Prominenten auf der Plattform waren harmlose Parodie- oder Fanaccounts. Und genau ein solcher Parodie-Account war es, der Twitter letztendlich zur Einführung des blauen Hakens zwang.

Unter “@TonyLaRussa” setzte ein Nutzer parodistische Tweets aus der Sicht des damaligen Managers des us-amerikanischen Baseballteams St. Louis Cardinals in die Welt. Der echte LaRussa fand dies weniger witzig – und drohte damit, den Fall vor Gericht zu bringen. Obwohl der Manager die Anschuldigungen nur einen Monat später wieder fallen ließ, hatte er das Thema doch auf die Prioritätenliste des Netzwerks gesetzt. Um verwirrte Nutzer und verärgerte Prominente in Zukunft zu verhindern, musste eine Möglichkeit zur Unterscheidung echter und falscher Accounts bekannter Persönlichkeiten getroffen werden. Und so dauerte es nicht lange, ehe die ersten Amtsträger, Institutionen, Künstler und Sportler einen blauen Haken neben ihrem Nutzernamen fanden. Was Twitter in der Eile jedoch vergaß, war die Schaffung klarer Rahmenbedingungen.

Jahrelang gab es weder klare Kriterien, nach denen die Verifikation vorgenommen wurde, noch einen allen Nutzern offenstehenden Weg, sich für dieses vermeintliche Privileg zu bewerben. Entweder, Twitter verifizierte einen Account von sich aus – oder der verifizierungswillige Promi musste seine Kontakte spielen lassen. Dieser teilweise sehr undurchsichtige Prozess verlieh der Verifizierung aus Versehen einen besonderen Status: Mit fortschreitender Zeit wurde der blaue Haken immer öfter als Zeichen dafür fehlinterpretiert, dass Twitter sich mit den Ansichten und Meinungen dieser ausgewählten Prominenten identifizieren könne. Verstärkt wurde dieser Umstand dadurch, dass den verifizierten Nutzern nach und nach neue Funktionen bereitgestellt wurden, über die der Rest nicht verfügten. So konnten sie schon früh in ausführlichen Statistiken sehen, wie viele Menschen sie mit ihren Tweets tatsächlich erreichten – ein Feature, dass zuvor ausschließlich den Werbetreibenden vorbehalten war.

Spätestens nach der US-Präsidentschaftswahl, dem ein häufig unschön geführter Wahlkampf vorangegangen war, rückte ein anderes Thema in den Fokus von Medien und Politik: Die Rolle, die Soziale Netzwerke im Prozess der politischen Meinungsbildung spielen – und ihre Nutzung zur bewussten Beeinflussung von Wählern. Erst Ende Oktober kündigte Twitter an, die beiden russischen Medienunternehmen RT (früher Russia Today) und Sputnik nicht länger auf ihrer Plattform werben zu lassen. Zuvor war bekannt geworden, dass die Medienhäuser laut US-Geheimdiensten im Vorfeld der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr versucht hätten, den Ausgang der Abstimmung zu beeinflussen.

Sowohl Sputnik als auch RT wird immer wieder vorgeworfen, dem Kreml im Ausland als Propagandainstrumente zu dienen. Die beiden Angeboten selber betonen hingegen, ihren Lesern lediglich eine russische Perspektive auf Politik und Weltgeschehen liefern zu wollen. Im US-Wahlkampf soll vor allem RT auf Anzeigen und gesponsorte Tweets gesetzt haben, die auf thematisch passende Beiträge verwiesen und massenweise in den Timelines potentieller Wähler auftauchten. Gesponsorte Tweets bieten Werbetreibenden die Möglichkeit, bestimmte Beiträge in den Feeds ausgewählter Nutzergruppen zu platzieren, ohne dass diese dem Absender der Werbetweets folgen müssen. Dabei ist es möglich, das Publikum auf Basis bestimmter Interessen gezielt auszuwählen.

Die Diskussion um Filterblasen

Was eigentlich sicherstellen soll, dass die beworbene Dienstleistung oder das beworbene Produkt auch zu den Interessen der jeweiligen Personengruppe passt, offenbart hier ein Problem: Auf bestimmte Merkmale zugeschnittene personalisierte Werbung – sei es auf Twitter oder einem anderen Sozialen Netzwerk – kann ebsno gut genutzt werden, um einer bestimmten Gruppe gezielt Schaden zuzufügen. So tauchten kurz vor der Wahl im Timelines potentieller Hillary Clinton – Wähler gesponsorte Tweets auf, die zu einer Stimmabgabe über Twitter oder per SMS aufforderten und offenabr dazu dienen sollten, Hillary-Smpathisaten vom Wählen abzubringen. In einer Anhörung vor dem US-Kongress versicherte Twitter, Beiträge dieser Art schnell entfernt zu haben. Wie viele Nutzer tatsächlich versucht hätten, per Tweet oder SMS abzustimmen, könne man allerdings nicht sagen.

Die Betrüger machen sich dabei eine Funktion zu nutze, die inzwischen zur Grundlage jedes Sozialen Netzwerks geworden ist. Facebook, Twitter und Co. Präsentieren ihren Nutzern Inhalte schon seit langem nicht mehr ungefiltert. Stattdessen sortieren Algorithmen Beiträge nach der Relevanz für den jeweiligen Nutzer und spielen auch die Werbung seinen (vermeintlichen) Interessen entsprechend aus. Wer auf Facebook bei Sportlern auf “gefällt mir” drückt, bekommt mit hoher Wahrscheinlichkeit Beiträge von Sportmannschaften und Anzeigen für Sportartikel in seinen Feed gespült. Egal, wie häufig der Nutzer seinen Feed öffnet: Er soll immer neue und für ihn interessante Inhalte zu sehen bekommen.

Im Falle von Hobbys oder anderen Interessen mag diese Bildung von Filterblasen harmlos sein – Bei politischen Themen warnen Journalisten und Social-Media-Experten schon seit längerem vor einer potentiell schändlichen Wirkung. Wer sich für Seiten oder Profile einer bestimmten politischen Richtung interessiere, bekäme vom Algorithmus in der Folge mehr Beiträge anzeigt, die ihn in seiner Meinung bekräftigen. Und je öfter der Mensch einen bestimmten Sachverhalt bestätigt bekommt, desto eher ist er gewillt, diesem auch Glauben zu schenken. Doch es greift zu kurz, Algorithmen für alle negativen Entwicklungen verantwortlich zu machen, die auf den einschlägigen Plattformen so vor sich gehen. Schließlich hätten sich die Menschen, wie Christian Tretbar Ende 2016 im “Tagesspiegel” schrieb, auch offline schon immer vor allem unter ihresgleichen aufgehalten – ganz ohne dass ein Algorithmus dafür hätte sorgen müssen. Das Problem läge laut Tretbar eher in der Art und Weise, in der Informationen auf Facebook, Twitter und Co. Aufbereitet würden.

Klassische Medien verleihen ihren Inhalten durch die Präsentation ein klar erkennbares unterschiedliches Gewicht: Die wichtigste Meldung des Staates steht in der Zeitung groß auf der Titelseite und wird in der Tagesschau gleich zu Anfang behandelt. Auf Sozialen Netzwerken findet diese Einordnung hingegen nur bedingt statt. Ein Post, der auf eine externe Seite verweist, sieht er auf Twitter und Facebook immer ähnlich aus – egal, ob es sich um eine Analyse zu gescheiterten Sondierungsgesprächen, ein absurdes Bento-Quiz oder einen gesponsorten Beitrag handelt. Auch die optische Gestaltung etablierter Formate und Nachrichten-Anbieter lässt sich in Sozialen Netzwerken mit vergleichsweise wenig Aufwand nachbilden.

Umso wichtiger wird es, Nachrichten und ihre Urheber auf Echtheit und Glaubwürdigkeit zu überprüfen – eine Disziplin, mit der die junge Zielgruppe Probleme zu haben scheint: Eine Studie der Stanford Universität untersuchte im vergangenen Jahr die Medienkompetenz von Schülern verschiedener Klassenstufen. Während in der Mittelstufe 80 Prozent der 203 befragten Studienteilnehmer einen mit “sponsored content” überschriebenen Artikel für eine echte Nachricht hielten, waren nur rund ein Viertel der befragten High School Schüler in der Lage, den echten Facebook-Account von Fox-News von einem Fake zu unterscheiden. Hier ist Medienkompetenz gefragt – noch mehr als in der analogen Welt.