Der beste PUBG-Klon? – Rules of Survival im Test

Neben den Steam-Charts gibt es in der schnelllebigen, immer unübersichtlicher werdenden Spielelandschaft vor allem einen Indikator, an dem sich der Erfolg eines Werks messen lässt: Die Anzahl seiner Klone. Je erfolgreicher ein Spiel auf dem PC oder der Konsole wird, desto mehr Entwickler versuchen, mit ihrer Version des Spiels vom Hype zu profitieren. Eines der ersten Games, bei dem dieses Phänomen in größerem Umfang auftrat, war Minecraft. Der Bestseller des schwedischen Studios Mojang hatte gezeigt, wie erfolgreich aus Pixelblöcken bestehende Spielwelten sein können – und reif dadurch gleich eine ganze Reihe an Nachahmern auf den Plan. Auch die MOBAs “League of Legends” und “Dota II” sind längst nicht mehr die einzigen Vertreter ihres Genres. Vor allem YouTube-Zuschauern dürfte der Nachbau “Arena of Valor” ein Begriff sein, buhlte er ab Spätsommer 2017 auf der Videoplattform doch mit einer massiven Werbekampagne (bestehend aus teils sehr merkwürdigen Spots) um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden.

Angesichts dessen ist es kaum verwunderlich, dass der vielleicht größte Hit des Spielejahres 2017 gerade für nahezu alle erdenklichen Plattformen kopiert wird: “PlayerUnknown’s Battlegrounds” baute auf dem Fundament auf, das “H1Z1: Battle Royal” ab Ende 2015 gegossen hatte. Der Spielmodus des an sich nur mäßig erfolgreichen Zombie-Survival-Spiels hatte das Genre eigenhändig zurück zur Popularität geführt. Im Sommer setzte sich sein Nachfolger im Geiste, der PUBG abgekürzte Indie-Hit, vor namhaften Größen wie GTA V oder Dota II an die Spitze der Steam-Charts – und schon im Herbst folgten die ersten Entwickler, die mit ihren Spielen exakt das gleiche Konzept an den Kunden zu bringen versuchten. Ein prominentes Beispiel für diese Vorgehensweise ist “Rules of Survival”, das für iOS und Android verfügbar ist und als einer der besten PUBG-Nachbauten für mobile Geräte gilt. Ob sich das Spiel den Titel des “besten Klons” tatsächlich verdient hat, lest ihr in diesem Testbericht.

Good artists copy, great artists steal

“Good artists copy, great artists steal. An we’ve always been shameless about stealing”

Dieses Zitat stammt aus einem Interview mit Steve Jobs aus dem Jahr 1996. Der Apple-Gründer hätte wohl kaum bessere Worte wählen können, um die Vorgehensweise zu beschreiben, mit denen die Firma bis heute Produkte entwickelt. Vor allem während der Patent-Streitigkeiten mit Samsung ist dieses Zitat häufig als Eingeständnis Jobs missverstanden worden, Apple klaue sich seine Konzepte von anderen Herstellern zusammen, um sie schließlich unter ihrem Namen als Innovation zu verkaufen. Doch diese Interpretation geht an dem vorbei, was Jobs mit diesen beiden simplen Sätzen eigentlich hatte ausdrücken wollen. Als Firma bediene sich Apple eben gerade nicht an bereits existierenden Konzepten, um diese so gut wie möglich zu kopieren – es greife vielmehr Ideen aus allen erdenklichen Bereichen auf, um diese in Produkten zu einem neuen Gesamtkonstrukt zusammenzufügen.

Schon von Beginn an werden die Parallelen zu PUBG mehr als deutlich.

Übertragen auf die Spielewelt liegt genau hier der Unterschied zwischen Vertretern gleicher Genres und dreisten Kopien anderer Spiele. Obwohl es sich bei beiden um Shooter handelt, käme beispielsweise wohl niemand auf die Idee, Nintendos “Splatoon” als “Call of Duty”-Klon zu bezeichnen. Beide bedienen sich zwar derselben grundlegenden Mechanik des Schießens, interpretieren das Gefecht jedoch völlig unterschiedlich. In COD ist der Kampf Teil eines heroisch geführten Krieges zwischen Gut und Böse, während Splatoon eher wie die familienfreundliche Version von Paintball wirkt. Zwischen PUBG und “Rules of Survival” bestehen diese grundlegenden Unterschiede nicht. “Rules of Survival” ist eine Kopie – und seine Entwickler sind keine großartigen Künstler, die ihre ganz eigene Interpretation des “Battle-Royal” Genres abliefern. Stattdessen wird mit jedem Frame des Spiel deutlicher, dass hier vor allem gut kopiert werden sollte.

“Good artists copy, great artists steal. An we’ve always been shameless about stealing”

Der Spieler wird auch in “Rules of Survival” mit nichts als einem Fallschirm und den Klamotten am Leibe über einer postapokalyptischen Insel abgeworfen, muss Waffen und andere Ausrüstungsgegenstände finden, Gegenspieler ausschalten und die immer näher rückende tödliche Zone vermeiden, um am Ende als einziger übrig zu bleiben. Der Weg zum Sieg (und damit zum “Chicken Dinner”) ist ebenso wie beim Vorbild von einer Mischung aus Taktik und Glück geprägt. “Rules of Survival” gelingt es wunderbar, beinahe jeden Schritt zu einer potentiell spielentscheidenen Entscheidung zu machen. Gehe ich in dieses Haus, um eventuell besseres Equipment zu finden? Oder begebe ich mich doch lieber auf dem schnellsten Weg in die Safe Zone, in welcher ich dann mit womöglich unterlegender Ausrüstung bestehen muss? Spiele ich lieber defensiv und vorsichtig? Oder offensiv und draufgängerisch? Oder doch am besten irgendwas dazwischen? Das Spiel bietet gleich eine ganze Fülle an verschiedenen taktischen Vorgehensweisen, denen im Vergleich mit herkömmlichen Shootern eine wesentlich wichtigere Bedeutung zukommt.

Jeder Tod hast Konsequenzen

Anders als bei “Call of Duty” und Co. gibt es hier abgesehen vom Ranking-System, das faire Matches sicherstellen soll, keine rundenübergreifende Progression. Erfahrungspunkte und bessere freischaltbare Waffen sucht man ebenso vergeblich wie neue Fähigkeiten für den Charakter. “Rules of Survival” ist eines der Spiele, mit denen man sich des Spielens wegen beschäftigt, ohne auf diese externen Motivationsquellen angewiesen zu sein. Und genau dies ist es, was dem virtuellen Tod in diesem Game tatsächlich eine signifikante Bedeutung zukommen lässt: Das Ableben macht in einem Moment jeden Fortschritt zunichte, es macht das Ziel unerreichbar und lässt den Spieler noch einmal von vorne beginnen, anstatt ihm den Respawn-Knopf als bequemen Weg zur Wiederauferstehung anzubieten. Jeder Tod bringt tatsächliche Konsequenzen und damit die Endgültigkeit mit sich, die das ganze Konzept überhaupt erst funktionieren lässt.

Nebel lässt die Spielwelt im neuen Look erscheinen.

Der Tod schwebt wie ein Damoklesschwert über der eigenen virtuellen Existenz – bereit, jederzeit herunterzufallen und alle Hoffnungen auf eine erfolgreiche Runde in einem Moment zunichte zu machen. Wirklich sicher kann (und darf) man sich als Spieler nämlich nie fühlen. Selbst in vermeintlich einsamen Abschnitten der Karte kann hinter jeder Tür und in jedem Gebüsch ein Gegner lauern. Vor allem die Beinahe-Begegnungen werden so zu besonders intensiven Momenten des Spiels. Schritte, Motorengeräusche oder gar Schüsse, die von außerhalb des eigenen Sichtfeldes kommen, strahlen besondere Gefahr aus – schließlich könnte einen der Gegner schon lange ins Visier genommen haben, während man selber noch verzweifelt nach Orientierung sucht.

Den ersten Schuss abzusetzen und damit den Gegner in eine reagierende Rolle zu drängen, ist einer der entscheiden Schlüssel zum Erfolg, der vor allem die Enden der jeweiligen Runde intensiv werden lässt. Kurz vor Schluss minutenlang hinter einem Baum zu kauern, und die Umgebung nervös nach Lebenszeichen anderer Spieler abzusuchen, kann so zu einer wesentlich spannenderen Spielerfahrung werden als ein geskriptetes Event in einem modernen Triple A-Titel. Im Angesicht der eigenen Verwundbarkeit wird jeder Kill umso wichtiger. Selbst in langen Runden erledigt man bei nicht allzu draufgängerischer Spielweise nur maximal eine handvoll, manchmal sogar nur zwei oder drei Gegner. Das Spiel stellt einem so keine anonymen Gegnermassen in den Weg, sondern konfrontiert einen dank des guten Ranking-Systems mit ungefähr gleich erfahrenen realen Gegenspielern. Jedem Sieg kommt so ein besonderer Wert zu; er fühlt sich beinahe erarbeitet an.

Natürlich entstehender Fortschritt

In “Rules of Survival” muss der Fortschritt nicht erst künstlich erschaffen werden – er entsteht ganz natürlich, genau so, wie man auch im echten Leben in bestimmten Dingen besser wird: Durch Training und Wiederholungen. Mit der Zeit lernt man, mit der Steuerung umzugehen. Man lernt, die richtigen Waffen in den richtigen Momenten richtig einzusetzen. Und man lernt, die Umgebung um einen herum zu lesen. Details wie offene Türen oder abgestellte Fahrzeuge, die sich in anderen Spielen kaum signifikant auf das Geschehen auswirken, können in “Rules of Survival” zu wertvollen Hinweisen werden, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Dies alles mündet in dem Gefühl, mit der Zeit tatsächlich besser zu werden. Schon wenige Runden können ausreichen, um vom unbedarften Neuling zumindest ins solide Mittelfeld des 120 Spieler starken Teilnehmerfeldes einer Runde aufzusteigen.

Die Spielwelt hätte etwas abwechslungsreicher gestaltet weren können.

Auch die Map des Spiels weisen deutliche Parallelen zum großen Vorbild auf – und ebenso wie dem Vorbild hätte auch der Kopie ein wenig mehr Abwechslung gut getan. Die vor allem aus weitläufigen Wiesen, Kornfeldern und Hügeln bestehende Karte sieht zwar ganz nett aus, beherbergt aber etwas zu viele identische Gebäude. Insgesamt scheint es auf der Insel gerade einmal fünf verschiedene Arten von Wohnhäusern zu geben, die sich dementsprechend häufig finden lassen. Besondere Orte wie das Kraftwerk, die Lagerhallen, der Hafen oder ein verlassender Dinner können diese Monotonie nur bedingt kompensieren. Verglichen mit anderen Spielen dieses Genres (ließ: verglichen mit anderen PUBG-Klonen) kann sich die Gestaltung der Spielwelt aber dennoch durchaus sehen lassen. Verschiedene Wetterbedingungen, die auf der Insel herrschen können, tragen ihren Teil dazu bei. Nebel, Sonnenuntergang und Nacht lassen ähnliche Bereiche unterschiedlich aussehen und sorgen so zumindest für etwas Abwechslung. 

“Rules of Survival” mag kein Werk großartiger Künstler sein – aber zumindest eine gute Kopie.