Nicht mehr als eine gute Idee – Framed im Test

Die Spieleindustrie macht gerade einen der vielleicht größten Wandel der vergangenen Jahrzehnte durch. Und obwohl dieser nicht so groß oder drastisch erscheinen mag wie die berüchtigten Videospiel-Crashs der Geschichte, so bringt dieser doch das Potential mit, die Spielelandschaft nachhaltig zu verändern. Das erste Mal kam dieser Wandel im Herbst 2016 stärker zum tragen. Große Produktionen blieben gemessen an ihren Verkaufszahlen gleich reihenweise hinter den Erwartungen zurück. Obwohl sich keine von ihnen einen Skandal erlaubte und ein großer Name auf dem Cover für ihre vermeintliche Qualität bürgte, konnten die großen Titel des Spieleherbstes 2016 allesamt nicht an die Erfolge ihrer Vorgänger anküpfen.

Es scheint, als hätten Technik und Grafik als wichtige Marketing-Instrumente moderner Triple A Titel in den letzten Jahren massiv an Zugkraft verloren. Der letzte große und auf den ersten Blick sichtbare Sprung erfolgte mit der Veröffentlichung der neuen Konsolengeneration aus xBox One und Playstation 4 Ende 2013 – danach gelang es den Entwicklern maximal, das ohnehin schon gute Gerüst marginal zu verbessern. Die Folge sind kaum bemerkbare Unterschiede zwischen den verschiedenen Titeln: Wie viele langjährige FIFA-Spieler könnten auf Anhieb sagen, ob ein Screenshot nun aus FIFA 16, 17 oder 18 stammt? Und selbst wenn sie es könnten – spielen die Unterschiede für das Spielerlebnis überhaupt eine signifikante Rolle?

Im Angesicht dieses Wandels sind es die experimentellen, die teils unfertig wirkenden, die anderen Spiele, die auch im Mainstream immer mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Besondere Titel wie “The Beginners Guide” brechen mit Konventionen, bieten ungewöhnliche Spielerlebnisse und werfen so fast nebenbei die Frage auf, ob sie überhaupt noch als Videospiele zu bezeichnen sind. Es scheint ein Punkt erreicht zu sein, an dem Grafik, Gameplay und Sounddesign so realistisch sind, dass man als Entwickler durch andere Dinge auffallen muss als durch den Fakt, dass sich die Härchen auf dem Arm des virtuellen Soldaten zählen lassen.

Perlen auf Mobilen Geräten

Das Spielprinzip ist einfach: Bring die Kacheln in die richtige Reihenfolge.

Überraschend viele dieser “anderen” Spiele, die sich durch die erfolgreiche Implementierung neuer Ideen auszeichnen, lassen sich auf mobilen Geräten finden. So sehr einige Mobile Games – zu recht – für ihre Machenschaften kritisiert werden, so interessant sind einige der Konzepte, die diese relativ junge Plattform bisher hervorgebracht hat. Monument Valley gehört mit seiner wunderschönen Grafik und den genialen Spielereien mit Geometrie und Perspektive zum Beispiel zu den mobilen Spielen, die auch außerhalb der AppStore-Charts für Aufsehen sorgten. Dass neue, interessante Konzepte jedoch nicht immer zwangsläufig in guten Spielen enden müssen, beweist das Smartphonespiel Framed. Trotz guter Ansätze kommt der bereits 2014 veröffentlichte Indie-Titel nie über den Status einer guten Idee hinaus. Aber der Reihe nach.

Das Konzept des Spiels ist einzigartig. In Framed muss der Spieler im Comic-Look gehaltene Kacheln in die richtige Reihenfolge bringen, um einen Kriminellen – ebenso stylisch wie klischeehaft mit langem Mantel und Hut bekleidet – in einer Verfolgungsjagd davor zu bewahren, in die Fänge der Polizei zu geraten. Letztere erscheint für ihren Job dabei denkbar ungeeignet. Die Beamten im Spiel bemerken nicht einmal dann etwas, wenn die per Fahndungsplakat gesuchte Person wenige Zentimeter hinter ihnen die Tür eines fahrenden Zuges öffnet. Trotzdem hat das Spiel in diesen ersten Minuten seine besten Momente: Die Prämisse der Szenen ist klar, die einzelnen Sequenzen sind in sich logisch. Ohne große Erklärungen gelingt es dem Spiel zu diesem Zeitpunkt, unmissverständlich klar zu machen, wer die handelnden Personen sind und mit welcher Motivation diese was tun. Das ist bei einer Verfolgungsjagd für den Zuschauer zugegeben nicht allzu schwer herauszufinden, doch gerade deswegen passt dieses in Filmen und Spielen häufig eingesetzte Thema so gut zum Spielkonzept. Framed verzichtet auf jeglichen Text und muss sich somit von selbst erklären. Eine für den Spieler bereits hinlänglich bekannte Situation kommt dem entgegen.

Ein Twist, der keiner ist

Auch wenn er schön insziniert ist – wirklich logisch ist dieser „Twist“ nicht.

Umso stärker macht sich im weiteren Verlauf des Spiels bemerkbar, dass sich ein solches Konzept nicht wirklich für Geschichten eignet, deren Komplexität über die einer Verfolgungsjagd hinausgeht. Schon relativ früh im Spiel folgt ein Szeneriewechsel zum weiblichen Hauptcharakter, der aus nicht näher bekannten Gründen ebenso von der Polizei verfolgt wird wie der Held vom Anfang. Beide scheinen sich zu kennen – zumindest arbeiten sie augenscheinlich zusammen. Doch noch während sich der Zuschauer fragt, welche interessanten Mechaniken sich mit zwei gleichzeitig spielbaren Charakteren umsetzen ließen, wird einer von ihnen bereits aus unerklärlichen Gründen aus dem Spiel genommen.

In einem Restaurant betäubt die weibliche Hauptfigur den Kriminellen vom Anfang, um ihn mit dem nächstbesten Taxi aus dem Spiel zu karren. Was wohl als überraschender Wendepunkt des Spiel dienen sollte, stiftet in diesem Moment vor allem eins: Verwirrung. Warum wendet sich die Dame ohne jede Vorwarnung und Erklärung gegen den Mann, der ihr mehrmals aus der Bedrängnis geholfen hat und augenscheinlich das gleiche Ziel wie sie verfolgt? Und was um alles in der Welt hat die Beziehung der beiden von einen auf den anderen Moment komplett verändert? Ebenso unerklärlich wie dieser “Twist” sind die Momente, in denen der zuvor als Bösewicht eingeführte Charakter gespielt werden muss, der noch vor wenigen Szenen hinter den Hauptcharakteren her war (und vielleicht immer noch ist. An diesem Punkt in der Geschichte ist schon länger nichts mehr so wirklich klar.)

Ein Bruch mit der Comic-Logik

Der Grafikstil kann sich echt sehen lassen.

Wie so viele andere Spiele, die hauptsächlich auf Rätseln basieren, führt auch Framed im späteren Verlauf neue Mechaniken ein. Diese machen das Sortieren der Comic-Kacheln zwar tatsächlich anspruchsvoller, brechen aber gleichzeitig mit der Logik des Vorbilds Comic. Zu diesem Zeitpunkt können Bilder während eines Durchgangs neu angeordnet werden, was unerklärliche Sprünge in der Handlung entstehen lässt. So lässt die weibliche Hauptfigur beispielsweise während einer Verfolgungsjagd in einem fahrenden Zug Gepäck auf einen Polizisten fallen, wodurch dieser sein Bewusstsein verliert. Später kehrt sie – ohne jemals ihre Laufrichtung geändert zu haben – zu besagtem Polizisten zurück, um diesem einen Schlüssel abzunehmen. Gleichzeitig wird der Eindruck vermittelt, der Antagonist des Spiels sei ihr dicht auf den Versen. Die Heldin ist also entweder umgekehrt, ohne jemals ihre Richtung geändert zu haben – oder sie ist umgekehrt, ohne ihrem Verfolger direkt in die Arme zu laufen. Wirklich logisch sind beide Alternativen nicht.

Ein weiteres Problem von Framed liegt in der Gestaltung der Bilder. Diese sehen zwar gut aus, machen jedoch nicht immer deutlich, aus welchem Blickwinkel gerade auf die Szenerie geschaut wird. In einem sehenswerten Video auf Vimeo beschrieb der Journalist und Webvideoproduzent Davin Hain schon vor ein paar Jahren das vielleicht wichtigste Kriterium für eine gute Action-Szene: Damit eine solche auch ohne viele Schnitte und hektische Kamerabewegungen ihre Wirkung entfalten kann, müsse dem Zuschauer jederzeit unmissverständlich klargemacht werden, wo sich die Charaktere gerade befinden und wie die Umgebung um sie herum aussieht. Framed bricht diese Regel nicht nur einmal: Häufig wird eine Szene in einem Bild von der Seite, im nächsten aber von oben gezeigt, ohne dass dieser Perspektivwechsel klar wird.

tl,dr

Framed basiert auf einer simplen, aber dennoch beinahe genialen Mechanik, die vor allem in den ersten Spielminuten zum tragen kommt. Doch mit steigender Komplexität der Geschichte schwindet die anfängliche Begeisterung schnell. Unlogische Szenen, nicht erklärte Wendungen und Bilder, die den Blickwinkel nicht deutlich machen – Framed offenbart schlicht zu viele Schwächen, um jemals über den Status der guten Idee hinauszukommen.

Die App konnte im App Store nicht gefunden werden. 🙁
FRAMED
Preis: 4,49 €